Hans Thie
Ausgabe 2117 | 14.06.2017 | 06:00 4

Ändere das Leben

Analyse Wer Umwelt sagt, muss auch Ökonomie sagen. Zum Buch „Imperiale Lebensweise“

Ändere das Leben

Darf’s ein bisschen mehr sein? Das Imperiale kommt nicht mehr hässlich daher, sondern als Segnung

Foto: Steve Christo/Corbis/Getty Images

Eine rhetorische Verbeugung vor der Umwelt gehört heute zum guten Ton. Webdesigner im Dauerstress entwickeln biosanfte Kampagnen für die schwarzen Schafe und die grauen Mäuse der Geschäftswelt. Selbst der dreckigste Konzern hat eine nachhaltig klingende Botschaft. Die Regierungen reden nicht nur, sie handeln auch. Die übelsten Giftschleudern sind entschärft oder verdrängt an die Randzonen der Weltwirtschaft. Im Norden der Erde, so könnte man sarkastisch sagen, ist die Verschmutzung sauberer geworden.

An grünen Konzepten herrscht kein Mangel. Aber nahezu alle Varianten drängen in ein einziges Biotop. Die Welt der privaten Unternehmen erscheint als der selbstverständliche Lebensraum für die vielen öko-technischen Korrekturen. Diese Veränderungen werden nur als Mutation des Bestehenden gedacht, als könne der „Genpool des Kapitals“ einfach umgepolt werden. Darauf wollen die Skeptiker nicht warten. Sie setzen auf die Kraft der ökologischen Moral, auf das, was im Alltag, vor allem beim Konsum, unmittelbar zu tun und zu unterlassen ist.

Über die Ethik des Konsums

Ulrich Brand und Markus Wissen liegen mit ihrem neuen Buch quer zu diesen beiden Reaktionsmustern und weiten die Perspektive auf ein bislang nicht markiertes Feld. Grüne Produktionstechnik und ökologische Konsumethik sind selbstverständlich Elemente der Umkehr. Aber reicht diese Doppelstrategie? Ist sie überhaupt auf der Höhe des Problemdrucks? Ehrlichkeit ist angesagt und etwas mehr analytischer Tiefgang. Denn, so die zentrale These des Buches, es gibt etwas gemeinsames Drittes, das den globalen Raubbau und uns lokale Nutznießer verbindet, das gleichermaßen in den falschen Strukturen und in den falsch handelnden Individuen wirksam ist – die imperiale Lebensweise.

Dieser Begriff bezeichnet eine Alltag und Kultur gewordene Wirklichkeit der Überproduktion und Überkonsumption, des Überschreitens nahezu aller ökologischen Grenzen. Wie die imperiale Lebensweise entstanden ist, wann und wo sie herabsickert vom reichen Bürgertum zum gemeinen Volk, welche Opfer sie hatte und immer wieder hervorbringt – das zeigen die Autoren beispielhaft für England, die USA, China und Lateinamerika. Heute steht die imperiale Lebensweise in ihrem Zenit. Sie ist allgegenwärtig und wird doch meist übersehen. Vor allem weil sie keineswegs hässlich daherkommt, sondern gesegnet mit Vergnügen und Bequemlichkeit, sogar mit dem Schönen und Guten. Selbstentfaltung, Freiheit, Wohlfahrt, Sicherheit, reiselustiger Austausch mit fernen Kulturen – die imperiale Lebensweise ist kein Imperator, sondern eine Verführung. Imperial ist sie trotzdem, weil sie nur im Gegensatz existieren kann. Sie braucht ein „Außen“, menschliche und ökologische Ausbeutungsobjekte, schuftende Heere von miserabel bezahlten Zuträgern, malträtierte Landschaften und mit Schadstoffen überladene Umwelten.

Je mehr sich die imperiale Lebensweise über den Globus ausbreitet, desto schneller gerät sie in eine Sackgasse, weil sie ihr „Außen“ verliert. Wenn die im Norden übliche Maßlosigkeit zunehmend auch den Süden erobert, dann braucht auch der Süden seinen Süden. Anzeichen dieser Art gibt es längst, wie etwa das Land Grabbing chinesischer Investoren in Afrika. Aber insgesamt kann die Rechnung nicht aufgehen, schon gar nicht ökologisch. Die Rohstoffquellen versiegen. Die Schadstoffsenken laufen voll.

Welche Auswege könnte es geben? Die imperiale Lebensweise ist den technokratischen Umwelt- und Klimapolitiken ein blinder Fleck. Sie enthalten richtige und manchmal sehr ambitionierte Ziele. Ihre Mittel aber bleiben Lohn, Preis und Profit. Wir müssen unsere Wirtschaftsordnung nicht umkrempeln: Das ist die Hintergrundmelodie von energiepolitischen Rettungspaketen und von Managerformeln einer technischen Revolution im Öko-Design.

Was den Technokraten fremd ist, formulieren die Konsumkritiker als Ausgangspunkt: die Befreiung vom unsinnigen Überfluss – ändere dein Leben! Aber der Alltagsreformist läuft zwangsläufig gegen Schranken. In der Arbeitswelt ist er machtlos. Am großen Rad der Infrastrukturen, der Steuersysteme, der Handelsströme und der Versorgungsketten kann er als Einzelner nichts ändern. Den radikalsten Konsumverrätern mag es gelingen, aus dem Gehäuse des Raubbaus zu entkommen. Aber eine Bewegung mit politischem Effekt wird daraus wohl nicht.

Geschichtsvergessen

Privilegierte dieser Welt, erkennt euren Wahnsinn und ändert euren Kurs. Diese Losung wird verhallen, nicht ungehört, aber konsequenzlos, wenn sie nur an das Individuum appelliert. Deshalb braucht es eine gemeinschaftliche, kommunale und irgendwann auch gesellschaftliche Zuwendung zum Richtigen. Das Anti braucht ein Pro, attraktive und praxistaugliche Gegenentwürfe. Politisch bedeutet das die „Perspektive der Emanzipation: eines guten Lebens für alle, das die Zumutungen und Ausgrenzungen, die Ansprüche der Mächtigen und Reichen, aber eben auch die vielfältigen Privilegien großer Bevölkerungsteile in den wohlhabenden Ländern kritisch reflektiert“.

Wie diese solidarische Haltung den allseits wuchernden Wagenburg-Mentalitäten die Stirn bieten könnte, ist dem analysekräftigen Buch bestenfalls ansatzweise zu entnehmen. Hier rächt sich, dass die beiden Autoren zwar einen großen Fundus sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse verarbeiten, aber nicht diejenigen der heutigen Zentraldisziplin gesellschaftlicher Debatten. Die Ökonomie ist auffällig abwesend.

Diese Abstinenz ließe sich leicht rechtfertigen, weil die heutige Wirtschaftswissenschaft weitgehend geschichtsvergessen ist. Sie kümmert sich kaum um Energie- und Ressourcenströme. Sie verkennt, dass auch die Wirtschaftskreisläufe einem geschichtlichen Entstehen und Vergehen unterworfen sind. Aber einige helle Köpfe hat auch die Volkswirtschaftslehre zu bieten. Zu ihren Themen gehört die vor 90 Jahren von John Maynard Keynes gestellte Frage: Wie ist die Gesellschaft neu einzurichten, wenn das wirtschaftliche Problem gelöst ist, wenn es eine umfassende Güterversorgung gibt? Nach der gelungenen Kritik der imperialen Lebensweise ist es an der Zeit, die politische Ökonomie ihres Gegenteils zu formulieren.

Info

Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten globalen Kapitalismus U. Brand, M. Wissen oekom 2017, 224 S., 14,95 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 21/17.

Kommentare (4)

na64 20.06.2017 | 08:18

Die Kultur des lösbaren!?.

Ein Flacher Kreis die imperiale Lebensweise.

Diese Sisyphusarbeit ist für jeden einzelnen die Arbeit am Bewusstsein.So wie wir es tun kann der Gipfel nicht erreicht werden, da der Glaube in uns verbunden an unsere Gewohnheiten, was wir als Stein mit schleppen, dies neue erreichbare Ziel einer Zukunft mit einem inspirierenden Geist ohne Angst, unser Bewusstsein nicht zu lässt, dass wir mit dem Stein dort oben am Gipfel ankommen sollen.Der in uns anhaftende Glaube passt mit diesem erneuerten Bewusstsein nicht zusammen. Nur eine harmonische Konformität zwischen Glaube und Bewusstsein lässt den Gipfel erreichen. Den Überbau, den Stein aus vergangenen Tagen mit seinen dazugehörigen Glauben und Bewusstsein über gelebte Gewohnheiten hat auf dem Gipfel keinen Platz mehr und auch dort nichts mehr zu suchen, da an diesem höchsten Punkt die Veränderungen zugelassen werden.Somit ist der letzte Weg abschnitt von Sisyphos nur ohne Stein auf den Gipfel der Richtige und vor dem betreten des Gipfels ist es gut an zu sehen wie alte lasten, alte Gewohnheiten und Ängste die uns blockieren von einem weg rollen. Und wir sollten dabei lachen den das befreit uns innerlich von einer vertrauten Enge.Man befreit sich und bietet im Denken neuen Platz für das erschaffen von neuen Gewohnheiten einhergehend mit neuen Glaubensansätzen an Handlungen und Taten die wir als Arbeit begehen wollen und die dann letztendlich auch wieder zu einem neuen Stein heranwachsen, den wir dann wieder auf einen Berg hinauf befördern und wir uns immer wieder neuen Zwängen unterordnen und uns auch wieder nach deren Lernoptionen uns erneut los lösen sollten. Das ist dann die Verbesserung als unweigerliche Wiederholung.Wir tun uns nur schwer beim loslösen der gewohnten Zwänge, die wir ja auch gerne als Kultur bezeichnen und in Ritualen und Traditionen feiern.Ich kann mich auch im ausüben von portionierten Leid, mich darin wohl und zu Hause fühlen und die Erneuerungen und das loslassen von alten Fiktionen bleiben lassen. Wenn das viele und etwa alle tun, weil es bequemer ist, dann wird der Gipfel nie erreicht. Die paar wenige die auf den Gipfel hinauf gelangen sind halt dann die Exoten unter uns und dem Rest einen Schritt voraus. Doch davor sollte man keine Angst haben, denn jeder der diesen Gipfel erreicht und auf einen anderen Weg wieder hinuntergeht, entwickelt eine andere spezifische Voraussicht und wir können dann untereinander gegenseitig von anderen Voraussichten lernen. Das gegenseitige voneinander lernen, müssen wir auch wollen und das ist dann der Anfang einer neuen Kultur.Aber das wiederum wirft Probleme auf über eine negative Sicht.Die Exoten, die einen Schritt voraus sind kann man nicht mehr einholen und der Rest sieht diese Entwicklung der Exoten und weiß nicht woran es liegt das Sie jetzt in Ihrer entwickelten Kultur nicht mehr mithalten können. Das führt zu Verwerfungen und Verzerrungen und zu Aktionen, um diesen Exoten andere Steine in den Weg zu legen. Wir sind eine Neid und Erfolgsgesellschaft über Wettkampf im Markt gebären. Da wird man Steine die man dann aus Ignoranz heraus kreiert und dem neuen Bewusstsein bei uns keinen Platz zur Entfaltung bietet in den Weg stellen und was eventuell zu Gewaltausübung führen kann. Das ist dann auch ein sich immer wiederkehrendes Schauspiel.
Und was ändert das im allgemeinen!?. Nichts da das jetzigen bestehenden System oder das neu ausgedachte zu den selbigen negativen Variablen führt die wir schon als Gewalt gewohnt sind. Vielleicht sollten wir uns einfach Weltweit mit der Existenzfrage der Menschheit beschäftigen, um auf eine Gesundung unsere Arbeits- und Vekehrswelt als neu gestaltete Infrastruktur für eine neue lösbare Kultur erarbeiten. Das will auch keiner da man bei sich selber anfangen darf und vieles an Verhalten eine Selbstreflektion aussetzen muss. Da ist es Einfacher man wählt eine politische Lösung die man auch wie die Politiker selbst ignorieren kann. Das ist wiederum auch ein Kreis.

Die Kultur des lösbaren.

Das funktioniert nicht, da es wie bei der bisherigen Lebensweise zu den selben negativ Lösungen wie Krieg führen wird. Im Kreis überwiegt einfach das Element einer Ich bezogenen vitalen Aggressivität und damit Erfolg haben wollen und schon hat man automatisch Verwerfungen im Bezug zu anderen. Weiter ist es uns lieb und recht im digitalen so weiterzumachen, wie wir es gewohnt sind mit 1,2,3 das will ich oder das wisch ich weg. Was länger für eine Annahme dauert hat schon verloren.

Schön und dann weg mit alternativen Anstrengungen im Denken und was daraus entstehen kann und ab in den wandernden elektronischen Mülleimer.

Wir lassen es einfach Krachen und jetzt Rock'n'Roll, denn den Spa$$ wollen wir nicht ändern.