Ärger mit der Wolke

Die Ratgeberin Unsere Kolumnisten kämpft mit dem digitalen Fortschritt in ihren eigenen vier Wänden. Am liebsten ist ihr mittlerweile der Computer ohne Internet
Ärger mit der Wolke
Abhängig von seiner "Cloud" zu sein, ist keine gute Idee

Foto: Thomas Samson/AFP/Getty Images

Ich hielt sie immer für irre Wichtigtuer: Leute wie Nicholas Carr, die behaupten, dass innerhalb einer Mensch-Software-Beziehung immer nur einer bei Verstand sein könne – entweder der Mensch oder die Software. Je schlauer Letztere, umso dümmer wird der Mensch. Und wenn wir, die Menschheit, so weitermachen wie im Moment, dann, sagen Leute wie Nicholas Carr, dann werden wir alle zu tumben Sklaven unserer hyperintelligenten Software. Obwohl ich das – wie gesagt – immer für eine zu simple Überlegung gehalten habe, ist genau das jetzt mit mir passiert. Eine Software hat mich in nur wenigen Tagen derart weit runterverdummt, dass ich nicht mal mehr weiß, wieso ich dieses Programm überhaupt installiert habe. Noch weniger kann ich nachvollziehen, was sie auf meinen Geräten anstellt.

Und dennoch mache ich alles, was sie mir sagt. Denn so schlau bin ich schon noch: Schließlich war es mein früheres, noch nicht lobotomiertes Gehirn, das das Programm ausgewählt hat. Wie sollte ich also in meinem jetzigen Zustand an dieser meiner Cloud-Synchronisierungs-Software zweifeln? Das wäre abstrus. Recht häufig werde ich gewarnt: „Synchronisierung ausstehend“. Keine Ahnung, was genau das heißen soll! Manchmal kann ich noch denken: Cool, dann geht’s ja jetzt sicher gleich los mit dem Synchronisieren, und ich bin live dabei. Normalerweise aber steige ich gleich mit Herzrasen, Schwindel und Katatonie ein. Denn einerseits fühle ich deutlich den Synchronisierungshandlungsbedarf, andererseits habe ich mit dem Button „Jetzt synchronisieren“ keine guten Erfahrungen gemacht. Was wirklich passierte, liegt jenseits des Ereignishorizonts meiner Gehirnzellen. Ich weiß nur: Es kann wirklich viel schiefgehen. Wenn man Pech hat, wird man bis ins Jahr 1999 zurücksynchronisiert. Die hypersmarte Software hat dieselben Dateien auf all meinen Geräten derart vervielfacht, dass mein Schrumpfhirn komplett den Überblick verloren hat.

Um nicht noch völlig wegzudämmern, habe ich Testdateien angelegt, mit denen ich Versuche mache: Was passiert, wenn ich eine von 23 Synchrondateien ändere und dann ganz fix den Computer zuklappe? Wie viele der 22 Schwesterdateien ändern sich ebenfalls? Meinen Schätzungen nach 12 bis 14. Schlauer machten mich diese Experimente nicht. Tatsächlich war ich tagelang so verblödet, dass ich ernsthaft dachte, mein Notebook warte bei ausstehender Synchronisierung auf aktuellere Versionen jener Textdateien, die ich außer Reichweite des Internets mit meinem kleinen Netbook erstellt hatte. Irgendwann dämmerte mir: Selbst die smarteste Software kann nicht wissen, was ich außerhalb der Cloud mache.

Aber jetzt: Mithilfe einer Selbstautomatisierungsschleife ist es mir gelungen, deutlich weniger Warnungen über ausstehende Synchronisierungen zu erhalten. Es ist reine Magie und geht so: Immer wenn ich zu Hause mein großes Notebook öffnen will, sage ich laut und deutlich: „Nein! Finger weg!“, renne stattdessen zu meinem kleinen Netbook (das öfter in gefährlichen WLAN-freien Zonen rumlungert), klappe es auf und warte, zum Beispiel so lange, bis eine Fliege dreimal im Zimmer gekreist ist. Dann erst öffne ich das große Notebook, warte wieder, zum Beispiel so lange, wie ich die Luft anhalten kann. Manchmal denke ich, diese „Immer wenn, dann“-Abfolgen wären doch wie gemacht für ein kleines smartes Programm, das mir dieses Zeugs abnimmt. Aber ein paar Gehirnzellen will ich schon noch behalten.

06:00 04.11.2018

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