Affäre mit Knall

Skandalserie Monica Lewinsky erzählt in „Impeachment“ ihre Version der Geschichte

Sie ist die wohl berühmteste Praktikantin der Welt: Monica Lewinsky. Die Affäre mit dem damals amtierenden US-Präsidenten Bill Clinton sorgte über die Landesgrenzen hinaus für Furore, der Fall ging als der größte Polit-Sexskandal der Geschichte in die Annalen ein. Nun nimmt sich die von Ryan Murphy produzierte Anthologie-Serie American Crime Story in ihrer dritten Staffel der Ereignisse an – nachdem es in den Staffeln davor um den Strafprozess gegen Football-Spieler O.J. Simpson und um den Mord an Modeschöpfer Gianni Versace gegangen war.

Was aber verbindet nun das letztlich erfolglose Amtsenthebungsverfahren mit den handfesten Kriminalfällen? Zumal die Weltöffentlichkeit mit einem Donald-„Grab them by the Pussy“-Trump noch plumpere Entgleisungen und dazu gleich zwei erfolglose Amtsenthebungsverfahren in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Frauen im Vordergrund

Aber genau das ist der entscheidende Punkt: Die Serie versteht den größten Widerling unter den US-amerikanischen Präsidenten als logische Konsequenz des Scheiterns, Bill Clinton („I did not have sexual relations with that woman“) zur Rechenschaft zu ziehen. Eine Neubetrachtung der Lewinsky-Affäre passt hervorragend in den Zeitgeist und die Debatten über die Ausbeutung von Frauen durch mächtigere männliche Vorgesetzte am Arbeitsplatz und #MeToo. Dafür spricht auch der Erzählfokus, den Drehbuchautorin Sarah Burgess wählt: Im Zentrum der zehn Folgen stehen vor allem die weiblichen Beteiligten. Bill Clinton (Clive Owen) gerät dabei erstaunlich weit in den Hintergrund.

Stattdessen wird Impeachment: American Crime Story durch die Beziehung von Monica Lewinsky (Beanie Feldstein) zu Linda Tripp (Sarah Paulson), der vermeintlichen Freundin und Arbeitskollegin, erzählt. Tripp nahm die privaten Gespräche, in denen Monica ihr von der Affäre mit dem Präsidenten beichtete, auf und brachte so den Fall ins Rollen. Lewinsky wird später von ihr sagen, dass sie sie aufrichtig hasse.

Noch bevor Lewinsky in das Geschehen eingeführt wird, nimmt die Serie Paula Jones (Annaleigh Ashford) in den Blick. Als Staatsangestellte in Arkansas hatte sie mit Clinton zu tun, als er dort Gouverneur war. Bereits 1994 reichte sie eine Anklage wegen sexueller Belästigung gegen ihn ein. Als ihr Fall bekannt wurde, versuchten konservative Aktivisten wie Susan Carpenter-McMillan (Judith Light) und Ann Coulter (Cobie Smulders) daraus Kapital zu schlagen.

So entsteht recht schnell ein fast übervolles Tableau an Figuren. Da die meisten Involvierten der zweiten Reihe zumindest hierzulande weitgehend unbekannt sind, stellt sich schnell eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber ihren Schicksalen ein. Das gilt selbst für besagte Linda Tripp, die mit ihren eigennützigen Motiven, die die Serie ihrem Handeln zugrunde legt – gleich zu Beginn der Handlung wird sie vom West Wing ins Pentagon versetzt, nachdem ihr Job einer Kollegin übertragen wurde, die ebenfalls eine intime Beziehung zu Clinton unterhält –, hervorragend als vielschichtige Missetäterin hätte inszeniert werden können.

Gerade der tonangebende Produzent Ryan Murphy (American Horror Story, Ratched) besitzt das seltene Talent, Bösewichte zu inszenieren, denen man als Zuschauer trotz moralischer Bedenken eine eigentlich unangebrachte Sympathie entgegenbringt. Dass Tripp nicht die Ehre zuteilwird, als abgeklärte, aber letztlich reizvolle Schurkin dargestellt zu werden, mag traurigerweise daran liegen, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung als unattraktiv gilt. Leider tappt auch die Serie in die Falle, sie auf eine erfolglose Slim-Fast-Kundin, die einen Snack nach dem nächsten verschlingt, und damit vor allem auf eine frustrierte Single-Frau zu reduzieren. Gerade in einer Produktion, die versucht, eine feministisch angehauchte Aufarbeitung der Ereignisse zu sein, ist eine unterkomplexe bis – wie in Tripps Fall – ins Misogyne kippende Darstellung von Frauen ärgerlich.

Ihre Karriere war jäh zu Ende

Glücklicherweise gilt dies zumindest nicht für Monica Lewinsky selbst. Ihr nämlich wird mit Impeachment tatsächlich endlich eine Plattform gegeben, um ihre Version der Geschichte in aller Breite darzustellen. Ihre Figur ist facettenreich und ihre Entwicklung vom hoffnungslos verliebten, naiven Mädchen, das mit einem Knall in der barschen Realität ankommt, klar nachzuverfolgen. Lewinsky selbst fungierte nicht nur als Produzentin, sondern hatte, wie Feldstein berichtet, „auf jeder Drehbuchseite“ und „zu jedem Wort“ das Sagen. Längst überfällig ist die Darstellung der Perspektive einer Frau, die im Alter von nur 25 Jahren zur Angriffsfläche einer ganzen Nation, mit hämischen Betitelungen wie „Blowjob Queen“ belegt wurde – und deren politische Karriere, anders als die Bill Clintons, plötzlich jäh zu Ende war.

Umso tragischer ist es, dass ihre Figur in einem Wust aus Nebenschauplätzen und oberflächlichen Charakteren untergeht. Obwohl hochwertig ausgestattet, weiß letztlich auch der Look der Serie nicht zu überzeugen: Unnatürlich sticht die Maske von Clive Owen und Sarah Paulson hervor, die unter dem vielen Make-up nicht nur nicht mehr zu erkennen sind, sondern schlicht wie Karikaturen der dargestellten Personen wirken. Künstlichkeit ist ohnehin etwas, woran die Produktion krankt: Vermeintlich bedeutungsschwangere Zeilen, durch die die Vergangenheit die Gegenwart erklären soll, wirken hölzern und forciert. So warnt Ann Coulter in einem klaren Verweis auf Trump: „Just think what kind of flabby con man will see a path to the White House.“ Ja, wir wissen, was danach passiert – indem auch Impeachment seine weiblichen Akteurinnen zuvorderst als Spielbälle der mächtigen Männer präsentiert, ändert auch die Serie allerdings nichts am Lauf der Geschichte.

Info

Impeachment: American Crime Story USA 2021, Sky

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