Affe

linksbündig Jörg Immendorff beschließt sein Lebenswerk

Jörg Immendorff kann man auf viele Arten missverstehen. Eine davon demonstrierte dieser Tagen die Stadt Goslar. Die ehemalige Freie Reichsstadt verlieh dem Düsseldorfer Maler ihren "Kaiserring", eine Art Nobelpreis der Kunst. In der Begründung für die Zuerkennung des goldgefassten Aquamarin mit dem eingravierten Siegel Kaiser Heinrichs IV. heißt es: "Mit radikalen Mitteln widersetzt sich Immendorff den Überlegungen der abstrakten Kunst zugunsten einer politisch und sozial engagierten Anschauung".

Nicht, dass man dem todkranken Immendorff eine Auszeichnung missgönnen würde, die ihn an die Seite eines Künstlers wie George Moore stellt. Stur bekennt sich der Mann zu einer Vokabel, die in den Jahren nach ´89 in Verruf kam. "Ich bin ein politischer Künstler", donnerte er erst kürzlich in einem Interview. Die SPD lässt mal wieder rosa Luftballons der "linken Mitte" steigen. Immendorff stellt eine leuchtend rote Stadt in die Berliner Nationalgalerie. Die sechs Pavillons haben zwar etwas mit einem Italo-Western zu tun. Sie sind aber auch ein politisches Statement: Eine offene Stadt für alle. Und das in einer Farbe, die, so Immendorff, "immer noch die schärfste Konfrontation" markiert.

Seit kurzem ist der Maler an einer unheilbaren Muskelschwäche erkrankt. Er kann sich kaum selbst eine Zigarette anzünden und den - linken - Malerarm nicht mehr bewegen. Seine Bilder malen Gehilfen nach seinen Anweisungen. Um markige Sprüche ist der Mann deswegen aber nicht verlegen. Als die Ausstellung, die an diesem Wochenende zu Ende geht, vergangenen September, kurz nach der Abwahl seines Freundes Gerhard Schröder eröffnet wurde, schimpfte er im Rollstuhl auf Angela Merkel. Dass Joschka Fischer dem Visa-Ausschuss des Bundestages neun Stunden Rede und Antwort stehen musste, nennt der Ex-Maoist "reinen Stalinismus". Und emphatisch wettert er weiter gegen die Hierarchien unserer Gesellschaft.

Immendorff als Günter Grass der Kunst. Das mit dem Engagements geht also klar. Das Problem bei der Goslarer Formel ist nur, dass sie Immendorff zu einem Kämpfer gegen die Moderne umdeutet. Ein Manifest gegen die Abstraktion hat er nicht geschrieben. Als er im Januar 1968 auf einem schwarz-rot-gold bemalten Holzklotz durch das Bonner Regierungsviertel hüpfte, gefiel er sich noch als anarchistischer Fluxus-Performer gegen die geistlose Politik. Und offenbar haben die Juroren in Goslar vergessen, dass Immendorff 1966 ein halb fertiges Ölbild durchstrich und die legendären Worte "Hört auf zu malen!" darüber pinselte. Bis heute wird das legendäre Werk als Inkunabel der Repräsentationskritik hervorgekramt.

Wirklich durchgehalten hat Immendorff die Bildverweigerung nicht. Unter sein Letztes Selbstporträt(1) von 1998 hat er programmatisch "Das Bild ruft" gemalt. Aber den Agit-Prop-Realismus seiner "Roten Zelle Kunst", mit dem er die "totale Entlarvung des kapitalistischen Systems" anstrebte, werden sich die Stadtväter im Harz wohl nicht zurück gewünscht haben. Von dem Kampf für die "Mietersolidarität" bis zur Selbstkritik des Künstlers im Kreise Düsseldorfer Hauptschüler - am Beispiel Jörg Immendorffs lassen sich noch einmal alle Missverständnisse und Aporien der politischen Kunst ablesen.

Wenn die gepriesenen Qualitäten wirklich auf etwas zutreffen, dann auf die legendären "Cafe-Deutschland"-Bilder. In den achtziger Jahren war es noch ein (kalkulierter) Tabubruch, Hitler und Heiner Müller in einem Cafe zu versammeln und die Mauer von einem Arbeiter aus dem Osten mit einer Spitzhacke zertrümmern zu lassen. Ganz anders als der wahrnehmungsskeptische Gerhard Richter avancierte Jörg Immendorff mit diesen bizarren Tableaus zu einem der wichtigen Historienmaler Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg. Auch wenn er sich gern mit Goldringen und Rolex als machoider Malerfürst inszenierte - sein Metier hat der Mann nie zu ernst genommen. Immendorffs Wappentier bleibt der Affe, Symbol des genialen Dilettanten und Nachäffer der Schöpfung gleichermaßen.

Die Todes-Allegorien, mit denen Immendorff in seinen jüngsten Arbeiten Anleihen bei Albrecht Dürer macht, sind nicht gerade der Gipfelpunkt der Anschauung. Hier spiegelt sich einer der frechsten Verspotter der Traditionen im Angesicht des Todes plötzlich bedeutungsschwanger im Kanon der Kunstgeschichte. Doch etwas von der unverwüstlichen Selbstironie des alten Immendorff würde man sich der politischen Kunst unserer Tage wünschen, die wieder damit liebäugelt, sich zum humorlosen Parteigänger von mancherlei Bewegung zu machen.

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00:00 20.01.2006

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