Affektives Alphabet

Sprechende Medizin Apparatemedizin ist teuer und nicht immer effektiv. Die Psychosomatik öffnet auch bei schweren neurologischen Erkrankungen überraschende Wege

Von allen Stationen im Krankenhaus wirken Intensivstationen am einschüchterndsten. Maschinen und Schläuche dominieren das Bild. Schwestern eilen in sterilem Outfit umher, auf Monitoren oszillieren Fieberkurven zwischen Leben und Tod. Menschliche Beziehungen scheinen hier keinen Platz zu haben, alle Hoffnungen der Angehörigen richten sich vielmehr auf die umfassende Technik.

Mit der Integrierten Neuropsychotherapie gingen der heute erimitierte Kinderarzt und Neurologe Manfred Sauer und die Psychotherapeutin Sabine Emmerich an einem solchen Ort entschieden ungewöhnliche Wege. Der Informationsaustausch zwischen den einzelnen Teammitgliedern sowie die Zusammenarbeit mit den Angehörigen bilden das Herzstück der Behandlungsmethode, die Sauer und Emmerich in einem Pilotprojekt von 1992 bis 1999 an Kindern im Koma und anderen schweren, akuten neurologischen Erkrankungen erprobten.

Beziehung ist alles

Eines dieser Kinder, ein Mädchen von fünf Jahren, war nach einem schweren Verkehrsunfall in die Freiburger Universitätsklinik eingeliefert worden. Neben Becken- und Rippenbrüchen und einer Prellung des Herzens litt es unter schweren Schädel- und Hirnverletzungen. Wie viele Komapatienten "schlief" es tagsüber viel, während es nachts oft unruhig war und kritische Symptome, wie rasch wechselnde Atemfrequenz, Herzrasen oder Blutdruckspitzen zeigte.

Nach einer gemeinsamen Beratung zwischen Eltern, und Therapeuten bot schließlich der Vater an, bei seiner Tochter zu übernachten. Er legte, wie diese es gewohnt war, seinen Arm um sie und begann selbst in Kürze zu schnarchen, worauf auch das Kind zur Ruhe kam. "Unser Organismus ist zeitlebens ein beobachtendes System, selbst im Koma wird die Beziehungsgestaltung fortgesetzt", erklärt Sauer. So knüpft der Patient in dieser fremd und feindlich empfundenen Umgebung an vertraute Personen und Verhaltensmuster an, was für die Heilung eine wichtige Rolle spielen kann.

Rückblickend zeigte sich, dass alle im Rahmen des Pilotprojekt behandelten Koma­patienten ihr Bewusstsein zurückerlangten - auch diejenigen, bei denen die Ärzte dies für unwahrscheinlich gehalten hatten - und zwar in deutlich kürzerer Zeit als statistisch zu erwarten war. Die Methode bot außerdem den Angehörigen die Möglichkeit, das Trauma der plötzlichen, schweren Erkrankung ihres Kindes psychotherapeutisch zu verarbeiten. Auch den Patienten stand es offen, später davon Gebrauch zu machen.

Vielen Ärzten fällt es schwer, zwischen organischen und psychogenen Störungen ihrer Patienten zu unterscheiden, vor allem wenn letztere intensiv und beeinträchtigend sind. So verschreiben sie ihnen oft jahrelang immer stärkere Medikamente anstatt der notwendigen Psychotherapie. Das bedeutet nicht, dass sich diese Patienten ihre Beschwerden nur einbilden: Schmerz kann, nach dem heutigen Stand der Forschung, durchaus auch ohne Gewebeschädigung auftreten. Der Kölner Neurologe Walter Schurig weist darauf hin, dass sich gerade Angst oft auf diese Weise manifestiert. "Bei Angst werden ähnliche Regionen des Gehirns wie bei der Schmerzentstehung aktiviert", erklärt er.

Doch egal ob die jeweiligen Störungen Angst, Wut oder Trauer ausdrücken, eint alle Betroffenen ihre Unfähigkeit, ihre Gefühle verbal zu äußern. Mechthilde Kütemeyer, die als Vorgängerin Schurigs fast 20 Jahre lang die Psychosomatische Abteilung im Kölner St. Agatha-Krankenhaus leitete, spricht von einem "affektiven Alphabet", das es für die Ärzte zu erlernen gilt. Denn psychogene Beschwerden entwickeln sich nach strengen Gesetzen und lassen sich anhand klarer Merkmale erkennen: So strahlen Schmerzen dorthin aus, wo sich ein körperliches Trauma ereignet hat, etwa nach sexuellen Übergriffen in die Leiste oder den Unterbauch. Auch unterscheiden sich die unruhig wechselnden, anfallsartigen Angstschmerzen von den statischen depressiven. Nach Kütemeyers Erfahrung reicht es oft, in diesen Situationen das jeweilige Gefühl des Patienten zu benennen oder ihm zu zeigen, dass man ihn verstanden hat, um ihn zum Reden zu bringen: "Doch muss man dabei ins Schwarze treffen!"

So wurde auf Kütemeyers Station ein Patient eingeliefert, dessen Parkinson-Erkrankung sich enorm verschlimmert hatte. Er litt unter groben Zuckungen im ganzen linken Arm, ganz anders als das feine Zittern der Hand, das bei Parkinson üblich ist. Kaum forderte sie den Pfleger auf, die Infusionsnadel mit dem Medikament zu entfernen, da erzählte der Patient auch schon, dass seine Frau, die ihn versorgte, ihrerseits ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. "Der Tremor verkörperte seine Angst und Wut, was ihm da zugemutet wird", analysiert sie. "Mit der Tatsache, dass sie auch einmal krank war, brach sein Weltbild zusammen."

Martin Schöndienst, Neurologe am Epilepsiezentrum in Bethel, übertrug zur Unterscheidung epileptischer und dissoziativer Anfälle den konversationsanalytischen Ansatz in die Medizin. Von außen ähneln sich beide Anfallstypen, doch gehen letztere nicht auf hirnorganische Störungen zurück.

Krankheit ist kein Maschinendefekt

Im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes, das Schöndienst gemeinsam mit Linguisten der Universität Bielefeld durchführte, standen 110 sorgfältig aufgezeichnete Erstgespräche mit Anfallskranken, die sie im Folgenden auswerteten. "Während Patienten mit dissoziativen Anfällen, obwohl sie viel erzählen, die subjektive Anfallssymptomatik aussparen, geben ›echte‹ Epilepsiekranke fast immer treffende Metaphern und Umschreibungen dessen, was sie während ihrer Anfälle erlebt haben", erklärt der Neurologe.

Außerdem erzählen sie oft davon, wie sie während des Vorgefühls, der sogenannten Aura, noch versucht haben, einen Anfall zu verhindern. Patienten mit psychogenen Anfällen geben sich dagegen völlig passiv hin. Weiß Schöndienst nach genauer Analyse des Erstgespräches, woran er ist, so behandelt er den Epilepsiekranken mittels Epileptika und Gesprächen, den Patienten mit den psychogenen Anfällen jedoch nur mit einer Psychotherapie.

Anders als es Schöndienst, Kütemeyer oder andere Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Psychosomatik und Neurologie (AGPN) in den sechziger Jahren träumten, sind ihre Ansätze immer noch die einer kleinen - wenn auch sehr aktiven - Minderheit und werden trotz ihrer vielversprechenden Ergebnisse nur wenig honoriert. Die psychosomatischen Abteilungen füllen sich mit Essgestörten und Schmerzpatienten - an Epilepsie, Krebs oder Parkinson trauen sich nur die wenigsten heran."

Die Psychosomatik ist für die Konzeptentwicklung der Medizin insgesamt sehr randständig", konstatiert Schöndienst. In einer technokratischen Gesellschaft, die meint, Krankheiten wie einen Maschinendefekt in der Werkstatt mittels immer teurerer Apparate und Medikamente beheben zu können, gerät der Mensch selbst dabei immer mehr in den Hintergrund. Der massive Stellenabbau bei Ärzten und Pflegekräften tut dabei ihr Übriges.

Dabei ist der breite Weg nicht immer der Richtige. Sauers und Emmerichs "Integrierte Neuropsychotherapie" verhalf nicht nur den Komapatienten schneller zu ihrem Bewusstsein zurück, sondern reduzierte auch die Kosten auf ein Drittel derer einer konventionellen Therapie. Kütemeyer schafft oft in einem Gespräch, was manchmal jahrelange medikamentöse Behandlung nicht erreicht. So kann die gezielte Aufmerksamkeit auf das seelische Leiden der Patienten im Ganzen betrachtet durchaus eine enorme Zeit- und Kostenersparnis erbringen.

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