In Afghanistan beginnt jeder Tag mit Tränen

Gewalt Knapp drei Monate nach der Machtübernahme der Taliban bereiste die Journalistin Natalie Amiri das Land. Dort fürchten Frauen täglich um ihr Leben. Trotzdem wollen manche bleiben und kämpfen
Alte Zeit, neue Zeit am 16. Oktober 2021 in Kabul
Alte Zeit, neue Zeit am 16. Oktober 2021 in Kabul

Foto: Majid Saeedi/Getty Images

Nicht mit mir! Auf keinen Fall werde ich mein Land verlassen, das ist mein Land“, sagt mir Mahbouba Seraj. Die Taliban müssten sich an die Anwesenheit und Existenz von Frauen endlich gewöhnen. Sie schicke ihre Töchter und Enkelinnen ständig auf die Straße, damit Frauen im Straßenbild bleiben. Ermutigt sie, sich nicht einschüchtern zu lassen. Im Moment sieht es für mich sehr leer aus, ich sehe wenige Frauen auf den Straßen, in Kabul immer noch mehr als in Kandahar oder in der Provinz Zabol. In Kabul kleben Plakate an Schaufenstern, auf denen die Sittenpolizei die Frauen anweist, den Hijab richtig zu tragen. In Kandahar bewegen sich Frauen ausschließlich in einer Burka auf der Straße, der Ganzkörperverschleierung, bei der man auch das Gesicht nicht mehr sieht. Mein Mitarbeiter scherzt, dass ich in meinem Outfit mit Kopftuch, schwarzer Maske und wadenlangem Mantel eine Provokation für die Taliban darstelle. Getraut haben sie sich nicht, mich zurechtzuweisen. Wäre ich eine Afghanin, könnte ich davon sicher ausgehen, wird mir gesagt.

In der südlichen Provinz Zabol sehe ich keine einzige Frau im Straßenbild. Nicht auf der Straße, nicht auf dem Markt, nicht vor dem Haus. In Kabul trugen die Frauen und jungen Mädchen kurz nach der Eroberung der Taliban das Kopftuch meist noch locker über ihrem Haar, der Mantel war nicht allzu lang – und eng. So „freizügig“ gekleidet habe ich überhaupt keine Frau mehr gesehen. Die Selbstzensur hat begonnen. Zum Selbstschutz. Zu Beginn gab es noch Proteste von Frauen in Kabul. Die wurden niedergeschlagen, Journalisten durften darüber nicht berichten. Überhaupt gibt es keine freie Berichterstattung mehr. Eine der wenigen Errungenschaften aus 20 Jahren „Nation-Building“ ist obsolet geworden.

Mahbouba Seraj bleibt. Auch wenn sie das letzte Mal in einer ausländischen Fernsehsendung, zu der man sie aus Kabul geschaltet hatte, in Tränen ausbrach, nachdem sie im Studio all ihre Mitstreiterinnen sitzen sah, die allesamt geflohen waren. Sie ziehen jetzt von einer westlichen Fernsehsendung zur nächsten und sprechen über die Rechte der afghanischen Frauen, die ihnen die frauenfeindlichen radikalislamischen Taliban genommen haben. „I miss my warriors“, sagt mir Mahbouba. „Und ich sagte meinen Warrior-Schwestern live im Fernsehen: Wann immer ihr könnt, bitte kommt zurück! Das Land zu verlassen, ist keine Lösung. Der Braindrain ist verheerend für das Land.“ Sie richtet sich wieder auf, blickt mich durchdringend an und sagt: „Ich sage zu den Taliban: Ihr wollt Afghanistan, ICH will Afghanistan, und es gibt viele von uns, die Afghanistan wollen. Dann lasst uns doch FÜR Afghanistan arbeiten.“ Laut einem Bericht des UNDP (United Nations Development Programme) von Dezember 2021 könnte der Schritt, Frauen von der Erwerbstätigkeit abzuhalten, die afghanische Wirtschaft bis zu eine Milliarde US-Dollar jährlich kosten. Ob man die Taliban nicht darauf hinweisen sollte, wenn sie sich an die internationale Staatengemeinschaft wenden, um einen Kollaps des Landes zu verhindern? Frauen machen 20 Prozent der Erwerbstätigen des Landes aus. Die Aussage von UNDP-Chef Abdallah al-Dardari dürfte den Taliban nicht gefallen: „Unsere ersten Ergebnisse zeigen, dass der Beitrag gebildeter Frauen zur afghanischen Produktivität höher ist als der von Männern mit gleichem Bildungsstand.“

Alles nur Fassade

Seraj spricht regelmäßig mit den Taliban. Letztens traf sie sich mit dem Sprecher der Taliban, Zabihullah Mujahid. Sie sagte ihm: „Lass uns miteinander sprechen.“ Bis jetzt sieht es nicht danach aus, dass die Taliban dies vorhaben. Sie sollten es sich gut überlegen, denn mehr als ein Viertel der 400.000 Staatsbediensteten waren Frauen, 89 der 352 Abgeordneten im letzten Parlament waren Frauen, es gab 13 Ministerinnen und stellvertretende Ministerinnen. Im neuen Parlament, das die Taliban im September bekannt gaben, befinden sich 53 Abgeordnete, darunter keine einzige Frau, auch nicht im Kabinett. „Was wollt ihr machen?“, fragt mich Mahbouba Seraj und meint damit die Taliban: „Lasst es uns angehen. Ihr könnt uns 19 Millionen Frauen, die wir hier nun mal sind, nicht loswerden. Was wollt ihr machen? Uns alle töten? Unsere Köpfe abschneiden, uns ins Gefängnis stecken? Uns wegsperren? Das wird nicht passieren! Wir sind nicht mehr die Frauen von vor 20 Jahren. Zweifellos geht es den Frauen im Moment sehr schlecht, sie sind in einer entsetzlichen Lage, aber gleichzeitig hoffe ich, dass es nicht so bleibt. Die Taliban haben viel versprochen, ich hoffe, sie halten ihre Versprechen.“ – „Glauben Sie ihnen?“, frage ich die Frauenrechtlerin. „Ich muss es. Afghanistan und die Zukunft der Frauen Afghanistans sind nicht voneinander zu trennen.“ Ich habe schon sehr viele Interviews geführt. Als Mahbouba Seraj sprach, bekam ich immer wieder Gänsehaut. Am Schluss liefen nicht nur mir Tränen übers Gesicht, sondern auch meinem Producer. Einem gestandenen Paschtunen, der sich seit August fragt, ob er mit seiner jungen Tochter und seiner Ehefrau das Land verlassen soll oder bleiben, für sein Land. ...

Am 3. Dezember veröffentlichten die Taliban ein Dekret zu Frauenrechten. Darin heißt es unter anderem: „Eine Frau ist kein Eigentum, sondern ein freier Mensch.“ Und: „Zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung muss die Frau erwachsen sein.“ Dazu gehört auch ein Verbot des in Afghanistan weitverbreiteten Gewohnheitsrechts, Frauen nach dem Tod ihres Ehemanns gegen ihren Willen an Verwandte weiterzuverheiraten oder als Gegenleistung bei der Schlichtung von Streitfällen zwischen Gemeinschaften oder Familien an die andere Partei zu geben. ...Das ganze Dekret hört sich progressiv an, nach dem, was wir im Westen gerne hören. Ich frage den EU-Abgeordneten Dietmar Köster, er sitzt für die SPD im Ausschuss für Menschenrechte und im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten. „Ich teile Ihre Einschätzung hundertprozentig, dass die Taliban das erklären, was wir hören wollen. Und so ist auch das Spezialdekret zu Frauenrechten zu sehen, das die Taliban erlassen haben. Es hat meiner Meinung nach mehr eine Alibifunktion der Öffentlichkeit gegenüber. Wir sehen, dass zum Beispiel Einrichtungen, die in den letzten 20 Jahren Frauen vor Gewalt geschützt haben, allesamt wieder geschlossen wurden. Dass Frauen aus dem öffentlichen Leben zunehmend verschwinden. Das ist ein deutlicher Beweis, dass Frauenrechte unter dem Taliban-Regime trotz aller Rhetorik überhaupt keine Rolle spielen. Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass die EU nur Gelder an NGOs zahlt – und zwar auf Wunsch der NGOs –, wenn diese weibliche Arbeitnehmerinnen im Land einsetzen können. Und das ist auch die richtige Haltung, die ich unterstütze.“ Als ich Mahbouba Seraj frage, was sie von dem Dekret hält, sagt sie mir, weniger kritisch: „Ich liebe es. Das sind die Dekrete, die wir wollen. Nun müssen wir nur darauf warten, dass es auch wirklich umgesetzt wird.“ ...

Wir sind gerade wieder in Kabul angekommen. Fast vierzehn Stunden waren wir unterwegs, es ist schon dunkel. Wir halten kurz an einem Supermarkt, um frisches Wasser zu kaufen. An der Kasse sitzt eine Frau. Ich frage sie, ob sie regulär arbeiten darf; ihr hat es noch niemand verboten. Die Taliban sind noch nicht gekommen. Aber ja, sie wird von vielen, die an der Kasse anstehen, gefragt, ob sie nicht Angst hätte. Sie antwortete ihnen dann, dass sie doch ihre Familie ernähren muss. Als ich zahle, fragt sie nach meiner Telefonnummer, sie würde sich gerne mit mir anfreunden. Ich gebe sie ihr, habe aber leider keine Zeit mehr, mich mit ihr zu treffen. Nach einer Woche schreibt sie mir. Ich frage sie, wie es ihr geht. Sie arbeitet nicht mehr, schreibt sie mir, der Supermarkt wurde geschlossen. Am 20. Dezember 2021 berichtet sie mir, dass das mächtige Ministerium für islamische Beratung neue Vorschriften erlassen hat: Frauen müssen ihren Kopf vollständig bedecken, wenn sie in einem öffentlichen Taxi fahren, und sie müssen von einem männlichen Verwandten begleitet werden, wenn sie mehr als 72 Kilometer fahren. Ansonsten dürfen Taxifahrer Frauen nicht mehr befördern. Auch Musik zu hören ist jetzt im Auto verboten. Das sei unislamisch.

Zahra wäre lieber tot

„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Geschichte anzuhören.“ Zahra holt tief Luft, ich höre, dass ihre Stimme beginnt zu zittern. Ich habe sie erst nach meiner Rückkehr aus Afghanistan über Instagram kennengelernt. Ich gab ihr meine Nummer, und sie schickte mir Sprachnachrichten mit ihrer Geschichte. Ihre Stimme klingt wie die Stimme von Romy Schneider in „Sissi“, so zerbrechlich. Gleichzeitig würdevoll und gebildet. Sie ist erst 17. „Wir versuchten, den Frauen eine Stimme zu verleihen. Seit die Regierung von den Taliban gestürzt wurde, haben wir große Angst; wir gehören zu der religiösen Minderheit der Schiiten, zum Stamm der Sadat. Wir werden von den Taliban und dem Daesh bedroht und verfolgt. Was wir in den letzten Jahren erreicht haben, müssen wir jetzt vor ihnen verheimlichen. Sie wollen, dass wir genauso leiden wie unsere Mütter damals. Vor 25 Jahren, als die Taliban zum ersten Mal an die Macht kamen, musste meine Mutter nach Pakistan emigrieren. Sie kommt aus der Provinz Paktia, wo die meisten Menschen Paschtunen, fromm und der Meinung sind, dass Frauen nur für die Hausarbeit geschaffen sind. Sie kam erst 2003 nach Afghanistan zurück, als die Republik ausgerufen wurde.“

Und dann höre ich kaum noch ihre Stimme, sie wird von ihren Tränen erstickt: „Seit die Taliban gekommen sind, beginnt jeder Tag für uns mit Tränen und endet mit Tränen. Sie kommen Tag für Tag näher. Wir können uns nie für eine längere Zeit an einem Ort aufhalten. Ich habe so große Angst, dass ich vergewaltigt werde. Und ich habe Angst, all meine Träume begraben zu müssen und dass ich gezwungen werde, jemanden zu heiraten. Ich will wieder meine Freiheit zurück, ich will gehen. Meine Eltern haben uns Kinder immer unterstützt. Meine ältere Schwester ist TV-Journalistin und Moderatorin Manijeh Abbasi. In Afghanistan kennt sie jeder. Sie ist ein Vorbild für Tausende junge Frauen. Für die Taliban ist sie eine verdorbene Frau. Sogar die Familie meiner Mutter meinte, wir hätten den Islam gänzlich vergessen. Es sei eine große Schande, dass eine Frau arbeitet, und das unter so vielen Männern. Sie sagten, sie würden Manijeh töten, wenn sie sie in die Finger bekämen. Wir haben das nicht weiter beachtet, weil uns unsere Eltern immer ermutigten, standhaft zu bleiben. Das nationale Fernsehen ist jetzt in der Hand der Taliban. Sie haben Zugang zu allen Archiven und wissen, welche der jungen Frauen dort gearbeitet haben. Sie haben Zugang zu allen Programmen, die meine Schwester und andere Frauen produziert haben und in den sozialen Medien des nationalen Fernsehens RTA veröffentlicht wurden. Sie haben alles gelöscht. Nichts übrig gelassen. Als hätten diese jungen Frauen und ihre Arbeit nie existiert. Meine Schwester hat sich nun versteckt. Die Frau, die ihre Stimme erhoben hatte, sitzt jetzt stumm in einer Ecke vor lauter Angst, ihre Familie könnte ihretwegen bedroht oder getötet werden.“ ...

Dann wird ihre Stimme ganz leise, fast schon flüsternd: „Der Tod wäre für uns Mädchen vielleicht sogar ein Glück, wenn die Alternative ist, von einem Kämpfer an den nächsten und von einem Mann an den anderen weitergegeben und vergewaltigt zu werden. Selbst wenn dies nicht passiert, würden sie uns mit Gewalt mit einem Mann verheiraten, den wir nicht kennen und nicht lieben. Dann müssten wir Kinder großziehen, die durch diese Vergewaltigungen entstanden, und diese Kinder würden in einer gnadenlosen Welt aufwachsen, ohne zu wissen, wer wir waren: mutige Frauen, die ihre Stimme erhoben.“

Info

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus Natalie Amiris Buch Afghanistan. Unbesiegter Verlierer, welches am 14. März 2022 beim Aufbau Verlag erscheint (255 S., 22 €)

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