Agieren in der Etappe

Retrogarde Einige Anmerkungen zu der neuen gegenständlichen Malerei der so genannten "Leipziger Schule"

Seitdem jeder Laie die immer intelligenter und billiger werdenden Foto- oder Videokameras halten und mit deren Hilfe Bilder der fast ungefilterten Realität machen kann, wurden in den vergangenen Jahren Kunstausstellungen mehr und mehr mit Videos und Werken der Fotografie überschwemmt. Privatsammler hat diese Entwicklung kaum interessiert. Gerade Sammler, die in erster Linie die Ausstattung ihrer Privat- und Geschäftsräume im Auge haben, setzen traditionell auf Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Kleinskulpturen, Objekte.

Freunde der Malerei, insbesondere ihrer abbildenden beziehungsweise "gegenständlichen" Strömungen, begrüßten angesichts dieser Entwicklung denn auch frenetisch das visuelle Ausdrucksvermögen einiger weniger internationaler Vertreter ihrer Zunft, die in den letzten Jahren plötzlich weltberühmt wurden. Der in Leipzig lebende und dort 1960 geborene Maler Neo Rauch kann dieser Richtung unzweifelhaft zugerechnet werden, und es ist seinem Galeristen Judy Lybke zu verdanken, dafür mit langfristig angelegtem Verkaufskonzept, insbesondere auch in den USA, wo sich alles verkauft, wenn es nur ein bisschen deutsche Innerlichkeit atmet, gesorgt zu haben. Weiterhin kann man etwa den Belgier Luc Tuymans, den Schotten Peter Doig aber auch einen Maler wie den 1968 im sächsischen Radeberg geborenen Thomas Scheibitz dazu zählen. Stilistisch verbindet beide allerdings kaum etwas miteinander.

"Neue darstellende Malerei" heißt also das Schlagwort der Saison. Gemeint ist damit eine Absage an die Arroganz des etablierten, herumspaßenden Blicks und die erneute Hinwendung zu gegenständlich abbildenden, häufig realitätsfixierenden Formen, wobei die Welt der Medien, insbesondere der allgegenwärtigen Fotografie, das Materialreservoir und die Inspirationsquelle sowie den Bezugsrahmen dieser Malerei bildet. Ein weiteres Phänomen ist der "Neurotische Realismus" (Jonathan Meese, André Butzer, Tal R und andere), der ein Naturalismus mit spektakulärem Hang zur Wiedergabe von Depressionen und Zwangsphänomenen ist.

Zu einem regelrechten Malerei-Boom wuchs sich diese Tendenz freilich erst aus, als pinselbereite Jungkünstler die Malklassen an den Akademien stürmten, nachdem sie vorher noch Model oder Popstar werden wollten. Ihr Eifer, die formalen Erfindungen erfolgreicher Generationsgefährten zu kopieren, hat nicht nachgelassen. Galeristen haben weltweit die steigende Nachfrage nach Tafelbildern kommen sehen. Ihre Lager sind gut gefüllt mit Werken aller Stile und Qualitätsstufen. Die Preise steigen.

Einigen dieser jüngeren Künstler, Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst etwa, hat man das DDR-Label "Leipziger Schule" angeheftet (aus US-Distanz heißt das dann "Leipzig School"), nichtsahnend welch staatstragender Maleifer von damals sich eigentlich mit dieser Rubrizierung verbindet. Ihre Dresdner Kollegen wurden griffig zu Vertretern des "Dresden Pop" degradiert. Das sind nichts als Etiketten. Im Ausland ziehen sie jedoch. Auf dem traditionellen Rundgang der Leipziger Hochschule vor zwei Wochen will der Spiegel die ersten Emissäre des New Yorker MoMA gesichtet haben. 15 Jahre nach dem Fall der Mauer beweist sich die Lebendigkeit einer akademischen Tradition mit sächsischer Wurzel zunächst einmal darin, dass einige der Künstler der jüngsten Generation die international geführten Diskurse nicht nur angenommen haben, sondern sie mitbestimmen. Doch noch werden zu viele Missverständnisse perpetuiert in Bezug auf das, was "Leipziger Schule" genannt wird. Grausam wüteten die Promoter. Sie beförderten neben einer absurden Kunstfremdheit des akademischen Redens über Bilder eine Genie-Ideologie reinsten Wassers. Neo Rauch wurde so zum Sprachrohr höherer Kräfte.

Die zwischen Leipzig und Berlin pendelnde Künstlergruppe betrieb bis Mitte vergangenen Jahres erfolgreich die Produzentengalerie LIGA in der Berliner Tieckstraße, professionell geführt von Christian Ehrentraut, der früher für die Berlin/Leipziger Galerie Eigen+Art gearbeitet hat. Zum Markenzeichen der LIGA wurden Malerei-Ausstellungen, die den Weg des historischen Fernblicks der alten "Leipziger Schule" ebenso verließen wie den expressiven Anspruch auf Gefühl-und-Härte.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, die LIGA war alles andere als ein genuines Ostgewächs. Osten und Westen steckten in der LIGA ineinander wie die Matrjoschka-Püppchen. Aber deshalb war die LIGA noch lange keine Kommune. Sie pflegte keinen Gruppenstil. Die LIGA war ein Galerieprojekt, eine Produzentengalerie, ein Instrument der autonomen Selbstvermarktung, deren Mitglieder wesentlich in ihrer künstlerischen Entwicklung konditioniert wurden durch ihr Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Das ist alles.

Wenn man heute wieder von "der" "Leipziger Schule" spricht, dann kann das natürlich leicht zu Missverständnissen führen. Denn es muss gefragt werden: Welche Leipziger Schule ist gemeint? Die von Bernhard Heisig oder die von Arno Rink, die von Hartwig Ebersbach und seinen Versuchen offener intermedialer Arbeit oder die von Volker Stelzmann, der nach seinem Abgang in den Westen an der Berliner Hochschule der Künste (heute UdK) seine malerischen Impulse gehobener mönchischer Düsternis weiterhin international verbreitet. Oder meinen wir das neo-renaissancistische Ideal von Werner Tübke, dem es gefiel, einerseits seine persönlichen Kontakte ins Headquarter der Diktatur des Proletariats zu pflegen und andererseits durch sein Herumturnen auf der Zeitachse die Provinzfunktionäre in die Verwirrung zu treiben?

Die Idee der Leipziger Schule war bereits zu DDR-Zeiten ein Hirngespinst und sie ist es heute, wo die LIGA-Abkömmlinge den besten Beweis dafür liefern, keine stilistische oder konzeptionelle Gruppenidentität zu haben. Der kleinste gemeinsame Nenner war: sie malen - mehr oder weniger gegenständlich. Aber gegenständlich, abbildend, realistisch mit Bezug auf Foto, Film und Fernsehen wurde seit Anfang des Jahrzehnts auch andernorts gemalt - und das ist kein Verdienst der Leipziger Schule. Außerdem: Bea Meyer war eine Künstlerin im LIGA-Verbund, die nicht malte! Sie bevozugte Zeichnungen, Fotografien und Text(il)objekte, in denen sie sich mit Hintersinn über unsere Waren- und Werbewelt hermachte und mal ausgeruht, mal mandelbitter die Gesellschaft in ihren Geschlechterverhältnissen ad absurdum führte. Die LIGA war überdies eine Kollektivkette, und wer Augen im Kopf hatte, erfreute sich an der Aufreihung verschiedener, einzigartiger Perlen.

Wir leben in einer Zeit der reifeunfähigen Kinder. TV-Strategien, Werbespots und das Gebuhle um das junge Publikum mit Popmusik, schnellen Schnitten und Bildern in Alltagsästhetik dominieren unser Erleben. Auch die "Leipziger" und "Dresdner" seien allesamt "unpolitisch", wird berichtet, wären außerdem im Umgang mit den neuen Medien nicht erprobt, ja hätten ihnen gegenüber sogar eine Abneigung.

Schimmert in dieser Charakterisierung möglicherweise das alte Vorurteil vom sächsischen Hinterwäldler durch, vom aus der Zeit gefallenen Ostler? Abgesehen davon, dass sich an den deutschen Akademien mit starker Maltradition Studenten einschreiben, die aus allen Himmelsrichtungen und nicht nur aus "dem Osten" kommen, ist der Vorwurf, sie lehnten es ab, ihre künstlerischen Ansätze zu reflektieren und würden ihre Position lediglich über ihr Einverständnis mit dem Marktgeschehen definieren, absurd.

Fotoapparat, Fotohandy, Videokamera und Computer sind zivilisatorische Errungenschaften, auf die die junge Künstlergeneration zugreift, ohne deren Nützlichkeit zu hinterfragen. Das ist völlig normal. Sich aber angesichts einer wachsenden Flut medial vermittelter Bilder als Künstler auf Malerei zu orientieren, ist eine sehr bewusste Entscheidung und durchaus ein politischer Akt der Distanznahme. Viele junge Maler teilen nicht die Überzeugung, dass es notwendig sei, sich abzunabeln von bestimmten Traditionslinien. Sie stellen sich vielmehr kräftemessend in die Auseinandersetzung mit ihren Vorläufern und kritisieren die banausenhafte Ignoranz jener Kollegen, die auf ihr "Naturtalent" setzen und meinen, Nichtwissen sei ein besonders cooler Ausgangspunkt für eine artistische Kreation. Nur wer noch nie einem Tresengespräch in einer x-beliebigen Künstlerkneipe dieser Welt gelauscht hat, glaubt noch an die genialen Künstlercäsaren, die zu uns aus dem Olymp herabsteigen. Auch in Großbritannien ist übrigens als Reaktion auf die "YBAs" (die Young British Artists der neunziger Jahre mit ihrer aggressiven Ästhetik, die auf raue Alltagserlebnisse Bezug zu nehmen versuchte, Berliner erinnern sich noch an die Sensation-Ausstellung im Hamburger Bahnhof 1999) eine Opposition "gegen die Anpassung an andere Formen visueller Kultur" zu verzeichnen.

Was die Deutschen anbetrifft: Der 1971 in Leonberg geborne Tim Eitel zum Beispiel, der in Leipzig studierte, hat seine malerische Position in bewusster Auseinandersetzung um die Möglichkeiten heutiger Malerei zwischen den Polen Caspar David Friedrich und Piet Mondrian austariert. Der 1968 in Augsburg geborene geborene Martin Eder, Absolvent der Dresdner Akademie, antwortet in neueren Arbeiten auf das gelackte Luder-Posing in Film und Fernsehen mit einer über die Handschrift des Künstler-Ich gebrochenen Melancholie. Gerade hier handelt es sich nicht um das altkonservative Dandymodell eines Bohemisten, der mit süßlicher Geste verunklart, sondern um den Einsatz von Kitsch im Sinne eines Appropriationsmodells. Schon in seinen Hasenblut-Death-Metal-Installationen wusste Eder die Spezifik eines trübsinnigen subkulturellen Machtpotentials spaßig vorzuführen. Und das soll neokonservativ sein?

Ganz anders als im Schulterschluss von Jörg Immendorf, Daniel Richter und Jonathan Meese und ihrer auf agitatorischer bis wilder Geste beruhenden, diffusen Kapitalismuskritik scheint bei den (ehemaligen) Dresdnern, Thomas Scheibitz, Eberhard Havekost, Frank Nitsche, und den Leipzigern ein Vergewisserungsimpuls auf, der ständig neue Motive sucht, um Übereinkünfte zu destabilisieren. Bei diesen jungen Künstlern haben wir es mit einem Abstandsverhalten gegenüber der infantilen Lachsack-Kultur zu tun. Zu erleben sind Positionen einer Malerei, die sehr bewusst die Bildwelten der Werbung, der Fernseh- und Videoästhetik und der Fotografie wahrnimmt, die sich aber immer auch des eigenen historisch-medialen Unterbaus bewusst ist.

Die Bilder des 1972 in Pfaffenhofen geborenen Christoph Ruckhäberle sprechen auch heute noch wie von Ferne, mit gedämpftem Ton und in verschiedenen, gut eine Generation nicht genutzten Sprachen. Farbenfroh kann man diese zwischen moosig und oliv changierende Farbpalette wirklich nicht nennen. Es klingt nach Tod in Venedig oder nach Wagner, der jeden Gedanken vertreibt, nur nicht die Tränen. Andere bevorzugen einen besonders rätselhaften, besonders poetischen Ton, der dem Empfänglichen eine gewisse Andacht suggeriert, zumindest den Dingen gegenüber, die dieser behandelt. Zu ihnen gehört auch der 1972 in Leipzig geborene Tilo Baumgärtel.

Tim Eitel ist vielleicht der nüchternste unter den ex-LIGA-Artisten. Anders als seine Kollegen, die in Melancholie und Ornament schwelgen, hat es sich Eitel nicht im schwersamtenen Arrangement bequem gemacht. Klimatisch sucht er eher die Temperaturen einer Frischhaltebox. Eitels Bilder (siehe Titelseite) leben aus der Staffelung und geometrischen Ordnung von Farbflächen, die zwar tonal ineinander übergehen, aber scharfkantig voneinander abgegrenzt werden. In gewisser Weise stimmt er in diesem Punkt mit dem 1973 im westfälischen Elte geborenen Matthias Weischer überein, doch Weischer ist viel engagierter im Ineinanderschieben von Oberflächentexturen, die er wie ein manischer Designverwurster behandelt. Schlachtruf "Drei Zimmer, Diele, Bad!"

Der 1972 im sächsischen Radeberg geborene Tom Fabritius schnappt sich seine Bildvorlagen, indem als Hochsitz-Schütze vor dem Fernseher ausharrt und mit der Foto-Kamera im Anschlag auf spannende Konstellationen wartet. Wenn Fabritius diese mit der Kamera vorbereiteten "Augen-Blicke" in Auarell auf Papier oder Aquacryl auf Leinwand umsetzt, gelingen ihm starke, zuweilen dramatische Bilder, wie etwa das eines asche-umwölkten Vulkanausbruchs oder einer Explosion, die kaum noch Fernsehvorbild, vielmehr zischend auflodernde, reine Farbe ist.

Die Arbeiten des 1967 geborenen Oliver Kossacks sind mal wie ein spiritueller Choral, mal wie ein total zerrissenes, entfremdetes, mehrfach überformtes Komplexprogramm, mal naiv und zerbrechlich wie ein Zipfel Kinderseele. Kossack ist einer, der die Geschmackshandschühchen abgelegt hat und dem kunst- und geistesgeschichtlichen Affen richtig Zucker gibt. Der 1971 in Bergisch-Gladbach geborene David Schnell gleitet mit seinen extraterrestrischen "Tellerliften" vom Rätselhaften ins Unwirkliche. Natur und Technik bilden ein eigenständiges Konstrukt für eine Situation des Heiteren wie auch des naturschön Außerweltlichen.

Es ist unsinnig, eine "Malerei nach dem Ende der Malerei" zu beschwören, wenn eine konventionelle Praxis gegen eine konzeptionelle ausgespielt wird, wenn Picasso gegen Duchamp ins Rennen ziehen muss. Und es stimmt nicht, dass Konzept-Kunst unsinnlich ist und jede Art körperausladender Bauchmalerei dagegen eine Sinnlichkeits-Batterie. Avantgarde oder Retrogarde, Hü oder Hott im Stil-Aufschwung, Vor oder Zurück auf der Zeitachse - diese Bewegungen sind keine Gegensatzpaare in der Kunst, denn das Sehen ist variabel und verflochten mit den wechselnden Wissenstypen und Vorstellungswelten der Kultur.

Malerei von heute entwickelt wie eh und je Kraftfelder atmosphärischer Dichte, ganz gleich ob man ihre Schöpfer als Kombattanten der Avant- oder Retrogarde überführt. Malerei in ein progressives Entwicklungsmuster zu pressen oder ihr andererseits ihre traditionellen Bindungen vorzuhalten wie zu bestätigen, sagt etwas aus über den Stand der Kunst der Kunstkritik, nichts, aber auch gar nichts hingegen über die Permanenz des Malstroms als eines andauernden "Fests für die Augen", um mit Delacroix zu sprechen. Kunstgeschichte ist zuallererst als Individual-Kunstgeschichte zu schreiben. Jede Künstlergruppierung lebt und entwickelt ihr Markenzeichen aus den Spezifika, die ihre Mitglieder einzubringen haben.

Neo Rauch zum Beispiel musste keine Verrenkungen machen, um in der Gegenwart anzukommen, gerade weil er sein Konzept bezüglich des Wie und Was des Malens in den letzten zehn Jahren stetig zu einem visuellen Erkenntnisverfahren ausbauen konnte. Unter einem starken Künstler-Vater aufgewachsen, hat Neo Rauch früh zu sich selbst gefunden und sich abgenabelt von der aporetischen Druckluftstation, in der der Kunstbegriff immer wieder neu aufgeblasen wird. Ja, ich behaupte sogar, dass es heute wieder ein Abstandsverhalten gibt im Sinne einer "Retrogarde", die sich auf die Erfahrungen des eigenen Gestern verlässt, weil das Heute durch die Mehrheit der Unbeweglichen amalgamiert und ein Stück Zukunft bereits jetzt aufgefressen wird von amüsierwütigen Erlebnisfetischisten, die nicht an zwingender Form interessiert sind, sondern nur an niedlichem Struktur-Humor. Neo Rauch nennt seine Haltung augenzwinkernd "intensives Agieren in der Etappe, während sich die anderen vorn die Köpfe blutig schlagen."

00:00 25.02.2005

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare