Agrarfabrik und ABM-Museum

Aufstieg und Elend in ostdeutschen Regionen Für die Großbauern die Europagelder, für das produzierende Gewerbe der Bankrott und für die Gemeinden die Sozialleistungen

Mitte der neunziger Jahre gab es in Broock nahe der kleinen, wegen ihres Pilseners nicht ganz unbekannten mecklenburgischen Stadt Lübz unmittelbar nebeneinander drei verschiedene Unternehmen. Das erste war ein Sägewerk, mitten im Dorf gelegen, in den alten Lagerhallen einer abgewickelten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft untergebracht und betrieben von einem ehemaligen Forstarbeiter. Sein Geld verdiente er, neben dem Holzhandel, mit der Fertigung von Holzpaletten für Firmen in Hamburg.

100 Meter weiter - am Rande des Dorfes - war früher die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion, kurz KAP. Ursprünglich hatte dieser agrarische Großbetrieb mehr als 6.000 Hektar unterm Pflug. Davon sind nach der Wende noch etwa 2.000 übrig geblieben, die ein ehemaliger Abteilungsleiter heute bewirtschaftet. Und noch ein paar hundert Meter weiter liegen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts die Fabrikhallen einer Ziegelei. Nach mehr als 80 Jahren Betrieb und einer zwischenzeitlichen Verstaatlichung Anfang der siebziger Jahre, wurde sie 1991 geschlossen, weil der ehemalige und nun wieder neue Eigentümer mittlerweile zu alt und wegen seiner körperlichen Behinderung nicht mehr in der Lage war, den Betrieb aufs Neue in die Marktwirtschaft zu führen. Da der alte Ringofen imposant ist und neben den zahlreichen Seen und verzauberten Hügelgräbern eine der wenigen touristischen Attraktionen sein könnte, wird die alte Ziegelfabrik seit mehreren Jahren in ein Museum verwandelt. Die umliegenden Gemeinden haben sich zusammengetan, Unterstützung vom Arbeitsamt erhalten, und seitdem werkeln 100 und mehr ABM-Kräfte am Umbau der Ziegelei zu einem touristischen Highlight der Region.

Was, könnte man fragen, haben diese drei sehr unterschiedlichen Unternehmungen miteinander zu tun? Gar nichts - muss man leider antworten. Aber der Umstand, dass jenes Sägewerk schon kurz nach seiner Eröffnung wieder schließen musste, weil - wie so oft - die Rechnungen für die Paletten nicht bezahlt wurden, aber Agrarfabrik und Ziegeleimuseum noch existieren, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Entwicklungschancen im ländlichen Raum Ostdeutschlands. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und zum Teil auch in Sachsen-Anhalt ist - von der EU reichlich subventioniert - eine hochmoderne und selbst im weltweiten Vergleich sehr produktive Landwirtschaft entstanden - trotzdem erleben wir den Niedergang von Gemeinden und Regionen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass je erfolgreicher die agrarischen Großbetriebe des Ostens agieren, umso rascher und tiefgreifender der Verfall der Gemeinden ist, in denen sie ansässig sind.

Wenn nun die Agrarminister der EU in Brüssel zusammensitzen, um die Subventionspakete neu auszuhandeln, und sich darum bemühen, die Vorschläge des Agrarkommissars Franz Fischler für eine neue, integrierte Agrarpolitik möglichst grundsätzlich zu verwerfen, stehen genau diese Fragen der Entwicklung des ländlichen Raumes auf der Tagesordnung. Wie schon in den Jahren zuvor werden die Minister sich allerdings ganz auf die Agrarbetriebe selbst konzentrieren, so diffizil und unübersichtlich die einzelnen Unterstützungsprogramme für Landwirte mittlerweile auch schon ausgefallen sein mögen. Für alle weiteren Probleme, die sich im ländlichen Raum, besonders in Ostdeutschland und mit Blick auf die Erweiterung der EU auch in Polen und anderen Ländern, geradezu dramatisch zuspitzen, fühlen sich die Agrarminister der Mitgliedsstaaten nicht zuständig.

Auch die Ressortchefs in den neuen Bundesländern verweigern sich dem Problem. Sie können zwar mit einigem Stolz darauf verweisen, dass sich die Agrarwirtschaft im Osten so erfolgreich - bisweilen als einzige Branche - entwickelt hat. Gleichzeitig blicken sie mit Sorge jeder Veränderung der Subventionsstruktur entgegen und kritisieren die geplante Obergrenze für Großbetriebe, weil sie befürchten, dass damit Geld aus dem Land abfließen würde, was ohnehin knapp ist. Aber die ostdeutschen Agrarminister irren gewaltig, wenn sie den Zusammenhang zwischen dem Erfolg der Unternehmen und dem Verfall der Gemeinden nicht herstellen. Von dem Geld, das über Agrarsubventionen ins Land fließt, bliebt den Regionen und besonders den Gemeinden nur der kleinere Teil. Der größere Teil geht zurück zu den großen Agrartechnikproduzenten, Großbanken und Agrarchemieherstellern. Denn die längst auf wenige Massenprodukte spezialisierten Agrarfabriken sind Teil eines überregionalen, wenn nicht globalen Netzwerkes, in dem Gemeinden und Regionen keine Rolle spielen. Aber ohne diese Verbindung zwischen Unternehmen und Kommunen verkümmern die Entwicklungschancen einer Region. Den Gemeinden bleiben dann nur die sozialstaatlichen Sicherungsmaßnahmen, um wenigstens die gravierendsten Folgen dieser ungleichen Entwicklung abzufedern. Da sieht man dann den Zusammenhang von Agrarfabrik, Sägewerk und Ziegeleimuseum: Für die Großbauern die Europagelder, für das produzierende Gewerbe der Bankrott und für die Gemeinden die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Ohne Unterstützung, wie sie Agrarbetrieb und Museum bekommen haben, hatte das Sägewerk keine Chance. Sein ehemaliger Betreiber - vielleicht fehlten ihm ja auch die notwendigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse - fährt heute als Fernfahrer Holz durch ganz Deutschland. Im Ziegeleimuseum findet einmal im Jahr ein Brennerfest statt. Dann zieht die touristische Karawane weiter zum nächsten Fest ins nächste ABM-Museum. Und der Landwirt produziert mit höchstens drei, meist befristet angestellten Traktorfahrern wenige Produkte in großer Zahl, die er nach der Ernte den Großabnehmern liefert. Die teure Technik, die er braucht, um mit geringem Personaleinsatz so große Flächen zu bestellen, liefern John Deere, Ford oder Claas. Das Geld leiht ihm die Deutsche Bank oder eine der Raiffeisenbanken. Über Vermarktung oder Entwicklung von Produkten muss sich der geschäftsführende Landwirt keine Gedanken machen, denn er ist ausschließlich der Zulieferbetrieb für die globale Lebensmittelindustrie. Keines seiner Produkte gelangt auf einen regionalen Markt, wo es veredelt und weitergereicht werden könnte. Die Subventionen, von den Agrarministern so streng gehütet, rutschen den Regionen quasi unter den Hand wieder weg. Die Frage, warum zwar die Landwirtschaft boomt, aber nicht die Dörfer, in denen die Menschen leben, wird erst gar nicht gestellt. Die stellt sich dann erst der Sozialminister, der einen nicht enden wollenden Anstieg der Arbeitslosigkeit ohnmächtig beobachten darf und dessen Etat von einer Explosion der Sozialhilfeleistungen aufgezehrt wird.

Wenn sich die ostdeutschen Agrarminister nicht endlich die Nachteile einer entbetteten Wirtschaftsstruktur vergegenwärtigen, werden in nicht allzu ferner Zeit die Finanzrestriktionen dazu führen, dass die Gelder pauschal gestrichen werden, ohne dass sie deren Vergabe noch beeinflussen könnten. Es ist an der Zeit, die von den europäischen Gesellschaften aufgebrachten Subventionen so zu verteilen, dass nicht einzelne Unternehmer davon profitieren, sondern unmittelbar auch die Regionen, in denen sie tätig sind.

Andreas Willisch ist Biolandwirt in Mecklenburg-Vorpommern und Mitarbeiter des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung.

Nähere Informationen unter: www.thuenen-institut.de

00:00 20.06.2003
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare