Ahmadinedschad schreibt Obama

Dokument der Woche Der Dialog zwischen Washington und Teheran ist keine Einbahnstraße. Auch der Iran bewegt sich, wie ein Brief von Präsident Ahmadinedschad an Barack Obama zeigt

In den meisten Kommentaren zu den Entspannungsgesten von Barack Obama gegenüber dem Iran wird häufig übersehen, dass es in jüngster Vergangenheit auch Dialogangebote aus Teheran gab. Seit dem Sieg der iranischen Revolution vor 30 Jahren hat beispielsweise noch nie ein Präsident der Islamischen Republik einen neu gewählten US-Präsidenten beglückwünscht. Mahmud Ahmadinedschad brach als erster mit dieser Gepflogenheit und sandte am 6. November 2008 einen Brief an Barack Obama nach dessen Wahlsieg am 4. November. Er drückt darin nicht nur die Erwartung auf einen Wandel in der US-Außenpolitik aus, sondern ließ auch anklingen, dass der Iran an verbesserten bilateralen Beziehungen interessiert ist. Wir veröffentlichen diesen Brief im Wortlaut als Dokument der Woche.


Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen. Herr Obama,
gewählter Präsident der Vereinigten Staaten.

Ich gratuliere Ihnen zum Gewinn der Wahl. Wie Sie wissen gehen die Chancen, die Gott seinen Geschöpfen gibt, schnell vorüber. Sie können für die Vervollkommnung der Menschheit und zum Wohl der Völker genutzt werden oder, Gott behüte, zum Schaden der Völker.

Ich hoffe, Sie werden sich dafür entscheiden, den wirklichen Interessen der Menschen, der Gerechtigkeit und dem Recht zu folgen, statt der unersättlichen Gier einer selbstsüchtigen Minderheit.

Die Menschen erwarten eine unmittelbare und klare Antwort auf ihre Forderung nach grundlegenden Veränderungen der amerikanischen Regierungspolitik, sowohl nach Innen wie nach Außen. Das ist der Wunsch aller Nationen der Welt, einschließlich der amerikanischen, und es sollte Ziel und Grundlage Ihres gesamten künftigen Regierungsprogramms und Ihrer Handlungen sein.

Zum einen erwartet die amerikanische Nation mit ihren spirituellen Neigungen, dass Ihre Regierung ihre Energie und ihren Willen darauf konzentriert, dem Volke zu dienen. Das betrifft den Umgang mit der aktuellen Wirtschaftskrise; die Wiederherstellung des Ansehens, der Moral und der Hoffnung Ihres Landes; Beseitigung von Armut und Diskriminierung; Erneuerung des Respekts vor den Individuen, ihrer Sicherheit und ihren Rechten. Die amerikanische Nation erwartet zugleich eine Politik, die die Grundlagen der Familie stärkt, wie es zu den Lehren der heiligen Propheten gehört, die auch in Amerika verehrt werden.

Auf der anderen Seite erwarten die Völker der Welt die Beendigung einer Politik, die auf Kriegstreiberei, Invasion, Einschüchterung und Schikanen, Täuschung und Betrug, auf der Demütigung anderer Länder durch das Aufzwingen voreingenommener und unfairer Forderungen beruht, auf einem diplomatischen Stil, der Hass gegen Amerika genährt und die Achtung vor dem amerikanischen Volk untergraben hat. Die Nationen der Welt wollen Handlungen sehen, die auf Gerechtigkeit, auf der Achtung der Rechte von Menschen und Staaten, auf Freundschaft und auf dem Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten Anderer beruhen. Sie wollen, dass die amerikanische Regierung ihre Interventionen auf die Grenzen ihres Landes beschränkt.

In der empfindlichen Region des Nahen und Mittleren Ostens ist die Erwartung ganz besonders, dass die ungerechten Handlungen der letzten 60 Jahre einer Politik weichen, die die vollen Rechte aller Nationen anerkennt, besonders der unterdrückten Nationen Palästinas, Iraks und Afghanistans.

Die große zivilisationsbauende und gerechtigkeitssuchende Nation des Iran würde umfassende, faire und reale Veränderungen der Politik und der Handlungen, vor allem in dieser Region, begrüßen.

Wenn Schritte auf dem Pfad der Gerechtigkeit, im Sinne der Lehren der heiligen Propheten, unternommen werden, besteht Hoffnung, dass der allmächtige Gott helfen wird und dass der ungeheure Schaden, der in der Vergangenheit angerichtet wurde, etwas verringert werden kann.

Ich bitte Gott, der gesamten Menschheit und allen Nationen Gesundheit und Glück, Ehre und Gedeihen zu gewähren. Möge er den Herrschern und Amtsträgern die Fähigkeit schenken, aus der Vergangenheit zu lernen und jede Chance zu nutzen, zu dienen, Liebe und Güte zu verbreiten, Unterdrückung zu beseitigen, Gerechtigkeit zu tun und den heiligen Richtlinien zu folgen.

Mahmud Ahmadinedschad
Präsident der Islamischen Republik Iran


13:10 02.02.2009
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