Aktionstage

A–Z Mit dem Reformationstag und dem Weltspartag stehen wieder bedeutsame Termine an. Unser Lexikon der Woche zu kalendarischen Ehrenplätzen
der Freitag | Ausgabe 43/2016
Aktionstage
Foto: Steve Liss/ The Life Images Collection/ Getty Images

A

Antidiät Wenn es ums Abnehmen geht, soll man bekanntlich auf Low Carb setzen. Oder auf Low Fat? Oder auf die Glyxdiät? Oder – ganz klassisch – auf „Friss die Hälfte“? Vielleicht aber am besten doch auf gar nichts davon. Darauf versucht der Internationale Anti-Diät-Tag aufmerksam zu machen, der seit 1992 alljährlich am 6. Mai stattfindet. Ins Leben gerufen hat ihn die Feministin (➝ Prostitution) Mary Evans Young, die selbst unter Magersucht litt und Diäten als ersten Schritt zur Essstörung sieht.

Der Aktionstag will dazu anregen, natürliche Unterschiede in Größe und Gewicht einfach anzuerkennen, fat shaming zu bekämpfen, falsche Versprechungen von Diätgurus aufzudecken und gängige Schönheitsideale zu hinterfragen. Ein nach wie vor wichtiges Anliegen, wenn man bedenkt, dass Werbung und Fashionindustrie noch immer von Models dominiert sind, die ungesund dünn sind – oder mittels Bildbearbeitung dazu gemacht werden. Benjamin Knödler

B

Blockflöte Mit ihren meist sieben Löchern auf der Vorder- und einem auf der Rückseite blickt die Blockflöte auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Irgendjemand (wohl ein Internetportal) hatte deshalb im Jahr 2007 beschlossen, dem Holzblasinstrument den 10. Januar zu widmen. Die Medien nehmen das dankbar an und verweisen zu diesem Anlass gern darauf, dass die Blockflöte aufgrund ihrer phallischen Form bis 1800 vor allem von Männern gespielt wurde. In den Jugendbewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, wurde die Flöte besonders in der musikalischen Früherziehung populär. Finger, Zunge und Atem zu koordinieren (➝ Schwertschlucker) ist jedoch hochkomplex, die Blockflöte daher weit mehr als ein Kinderinstrument. Sonst könnte man sie auch kaum studieren, zum Beispiel in Stuttgart oder in Freiburg. Sarah Alberti

F

Feuchtgebiete Mit dem Tag der Jogginghose (21. Januar) hat der Welttag der Feuchtgebiete nichts zu tun, auch wenn das für manche sicher naheliegend wäre. Denn seit Charlotte Roches gleichnamigem Bestseller denkt hierzulande bei Feuchtgebieten ja kein Mensch mehr an Sümpfe und Auen, sondern an Sex und Aa. Tatsächlich erinnert der Welttag der Feuchtgebiete, der seit 1997 jährlich am 2. Februar begangen wird, an die Ramsar-Vereinbarung. Die wurde 1971 in der iranischen Stadt verabschiedet und ist einer der frühesten internationalen Naturschutzverträge.

Der Aktionstag soll das Bewusstsein für die Erhaltung der Feuchtgebiete stärken. Das seien, sagt die UNESCO, „eine Vielzahl von Lebensräumen, darunter fallen Feuchtwiesen, Moor- und Sumpfgebiete, Auen, Flüsse, Seen und sämtliche Küstengebiete, aber auch vom Menschen geschaffene Feuchtgebiete wie Abwasserbehandlungs- und Speicherbecken“. Weltweit sind in den vergangenen 100 Jahren jedoch rund 50 Prozent (➝ Statistik) von ihnen zerstört worden. Wie man den Tag in Wüstenregionen begeht, ist leider nicht zu erfahren. Tobias Prüwer

H

Hallo Der 21. November ist der Welt-Hallo-Tag. Kurz nach dem Jom-Kippur-Krieg entwarfen zwei US-Amerikaner die schlichte wie meschugge These, Kriege ließen sich allein durch Kommunikation verhindern, weshalb man an diesem Tag mindestens zehn Personen grüßen solle (➝ Pirat). 43 Jahre später ist der Wunsch vieler Staaten nach Auslöschung Israels ungebrochen, auch wird in der Welt weiter Krieg geführt. An der Sinnhaftigkeit des Tages darf man also zweifeln. Oder wäre der Staat Israel ohne den Welt-Hallo-Tag längst von der Landkarte verschwunden? Wir werden es nie erfahren. Einstweilen hält Israel sich weiter eine hocheffiziente Armee, um sich grußunwilliger Nachbarn zu erwehren. Uwe Buckesfeld

K

Kunst Manche Künstler (➝ Towel Day) haben ein übermäßiges Geltungsbedürfnis. So auch der Franzose Robert Filliou (1926 – 1987), einer der Hauptvertreter des Fluxus. Der hatte im Jahr 1963 beschlossen, dass der Tag seiner Geburt auch der Geburtstag der Kunst sei – mit dem Unterschied, dass diese nun eine Million Jahre alt würde. Tatsächlich wird der Tag heute weltweit gefeiert. Die Homepage artsbirthday.net hilft bei der Vernetzung von Künstlern und Institutionen wie etwa dem Leipziger Kunstzentrum Halle 14, das den 1.000.053 Art’s Birthday zuletzt am 16. Januar 2016 mit einer Konzertperformance vieler verschiedener Künstler beging. Sarah Alberti

P

Pirat Bedenkt Sie ein Bekannter eines schönen Tages mit einem „Ahoi, Kumpel!“, dann ist wahrscheinlich gerade der 19. September. Denn am Sprich-wie-ein-Pirat-Tag sollen Menschen, nun ja, eben genau dies tun. Zugrunde liegt all dem eine romantisierende Vorstellung vom goldenen Piratenzeitalter à la Die Schatzinsel. Gelten Freibeuter also als verwegen und modisch (➝ Antidiät) avanciert, sind Papageien, Holzbeine und Dreieckshüte daher willkommene Accessoires für jenen Tag, an dem man am besten jeden Satz mit einem „Arrr“ abschließt.

Zwei US-Amerikaner mit den Spaßnamen Ol’ Chumbucket (Alter Abfalleimer) und Cap’n Slappy (Käpt’n Dummfug) hatten den Tag 1995 als Witz im Freundeskreis verkündet. Ein Kolumnist machte ihn später bekannt, weitere Medienberichte besorgten das Übrige. Zwischenzeitlich bauten Unternehmen auf Webseiten und in Spielen versteckte Hinweise oder Levels mit Piratenreferenz ein. Der Boom ebbte zwar wieder ab, aber bis heute gibt es etwa bei Facebook die Sprachoption „English (Pirate)“. Tobias Prüwer

Prostitution Kirchen sind eher selten Orte von Protesten. Und noch seltener sind es Prostituierte, die dort demonstrieren. Vermutlich war es aber eben jene besondere Form des Widerstands, die 1975 in Lyon für große Aufmerksamkeit sorgte. Damals besetzten mehr als 100 Sexarbeiterinnen das Gotteshaus Saint-Nizier, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Prostitution wurde damals in Frankreich zunehmend kriminalisiert und so aus der Öffentlichkeit verdrängt. Behörden boten den Frauen kaum Schutz.

Seit der Besetzung an jenem 2. Juni findet an diesem Datum der „Internationale Hurentag“ statt, der hierzulande jedoch erst 1989 durch die Feministin Laura Méritt ausgerufen wurde. Dabei ist das Anliegen des Aktionstags, nämlich auf die schlechten Arbeitsbedingungen vieler Prostituierten hinzuweisen, nach wie vor aktuell. Immer noch werden Sexarbeiterinnen vielfach Opfer von Gewalt (➝ Hallo). Das nachhaltig anzuprangern, bleibt das Verdienst der Frauen von Lyon – auch wenn die Kirche nach wenigen Tagen geräumt wurde. Benjamin Knödler

S

Schwertschlucker Schlund auf, Zäpfchen hoch, Klinge rein, aufpassen. So könnte man die Kunst des Schwertschluckens zusammenfassen. Wobei natürlich genaues Zielen geübt und der Würgereflex abtrainiert werden muss. Dafür gibt es dann Engagements auf Straßenfesten oder im Zirkus. Bloß Kinder (➝ Blockflöte) sollten nicht zugucken, denn vom Nachmachen ist freilich abzuraten. Als Schwertschlucker hat man es also wirklich nicht leicht.

Damit das in Zukunft nicht mehr vergessen wird, erfand die Sword Swallowers Association 2007 den Tag der Schwertschlucker. Die Kunst, geschmiedete Klingen ohne Verletzung durch Mund und Speiseröhre in den Magen zu führen, existiert seit mehr als 4.000 Jahren. Oft war sie auch der Medizin nützlich – etwa bei der Entwicklung des starren Endoskops. Nur ungefähr 110 Menschen auf der Welt beherrschen sie gegenwärtig. Am letzten Samstag im Februar soll man fortan daran denken, dass Schwertschlucken kein Zuckerschlecken ist. Susann Sitzler

Statistik Adolphe Quetelet hätte den Weltstatistiktag am 20. Oktober sicher gefeiert, war ihm doch zu Lebzeiten (1796–1874) kein offizielles Gedenken an die von ihm so geliebte Wissenschaft (➝ Zahlungsmoral) vergönnt. Obwohl heute nur wenigen bekannt, spukt Quetelet durch unseren Alltag. Er erfand zum Beispiel den Quetelet-Index, der heute Body-Mass-Index heißt. Quetelet vermaß die Menschen und fand heraus, dass fast alle ihrer Eigenschaften normalverteilt sind, vom Brustumfang bis zur Neigung zur Kriminalität. Er fasste seine Erkenntnis als Idealtyp vom „mittleren Menschen“ zusammen und folgerte, dass scheinbare statistische Zufälle einer inneren Notwendigkeit unterliegen müssen. Seine These würde auch heute noch eine gute Entschuldigung abgeben: „Mein BMI ist zwar nicht ideal, aber statistisch notwendig.“ Konstantin Nowotny

T

Towel Day Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Jeder, der Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis gelesen hat, wird „ein Handtuch“ antworten. Das, so behauptet es der gleichnamige intergalaktische Reiseführer, ist die nützlichste Erfindung überhaupt. Es hält warm, schützt vor Sonne, kann als Notsignal geschwenkt (➝ Pirat) oder als Maske um den Kopf gewickelt werden. Kurz: der beste Begleiter, um den Gefahren des Universums zu begegnen. Zudem ist es das wohl flauschigste Trauersymbol. Am 25. Mai wird das Handtuch in Gedenken an den 2001 verstorbenen Adams von dessen Fans getragen. Egal wie düster die Welt aussieht, mit einem Handtuch gilt nämlich stets: keine Panik. Joseph Möller

W

Wettbewerb Das Jahr hat nur 365 Tage, und einige davon, etwa Weihnachten, sind schon so prominent besetzt, dass sie für Aktionstage nicht mehr taugen. Bei der Vielzahl an denk- und gedenkwürdigen Anlässen wird es naturgemäß etwas eng im Kalender. Die Organisationen, die Aktionstage ausrufen, stehen also im Wettbewerb. Mit etwas Glück sind die gleichzeitigen Anliegen so unterschiedlich, dass sie gut koexistieren können.

Oft aber erzeugen die Überscheidungen unfreiwillige Komik. Was hat sich etwa die Welttoilettenorganisation gedacht, als sie ihren Aktionstag auf den 19. November legte, der zwei Jahre zuvor als internationaler Männertag deklariert wurde? Und warum musste der Welttag gegen Rassismus (seit 1967) am 21. März später auch noch zum Tag des Walds, Tag der Hauswirtschaft und Welttag der Poesie (➝ Kunst) ausgerufen werden? Warum der Weltpinguintag zum Weltmalariatag? Zumindest Tiere, Krankheiten und Personengruppen sollten getrennt bedacht werden. Sophie Elmenthaler

Z

Zahlungsmoral 1924 beim Internationalen Sparkassenkongress beschlossen und 1925 erstmals begangen, erfreut sich der Weltspartag heute unterschiedlicher Beliebtheit. Während ihn in den Industrienationen eher die muffige Aura der 50er Jahre umweht, nimmt seine Bedeutung in Schwellenländern hingegen zu. Als Appell an finanzielle Weitsicht und ökonomische Bildung wurde er etwa in Mexiko oder Georgien erst kürzlich eingeführt.

Hierzulande wird der Weltspartag am letzten bundesweiten Werktag im Oktober, dieses Jahr also am 28., begangen. International feiert man ihn am 31. Oktober. Dass er also eigentlich mit dem Reformationstag zusammenfällt (Wettbewerb), ist en passant eine hübsche Hommage an Max Weber, der bekanntlich die These vertrat, dass sich solide Zahlungsmoral aus protestantischer Ethik entwickelt habe. Nils Markwardt

06:00 09.11.2016
Geschrieben von

Kommentare