Aktivistische Intervention

Theater und Migration Im Spannungsfeld zwischen Kulturpolitik und Bildungspolitik könnten die Bühnen eine neue Rolle spielen - wenn sie sich auf andere Weise für die multiethnische Gesellschaft öffnen

Es sind ganz alltägliche Geschichten. Von der ersten Liebe, vom Streit mit den Eltern, einer Begegnung mit dem Tod oder davon, wo man sich zuhause fühlt. In dem Projekt Homestories am Essener Schauspiel erzählen zwanzig Jugendliche aus dem Stadtteil Katernberg, in dem vor allem Migranten wohnen, ihre Geschichten. Lebensgeschichten, die sie zusammen mit dem Autor Nuran Calis in eine dramatische Form gebracht haben und nun mit Verve und Elan einem "normalen" Theaterpublikum vorstellen. Also wieder ein sozialkritisches Projekt im Hochkulturtempel, das der Akquirierung neuer Publikumsschichten dient? Im Gegenteil.

Die Essener Homestories sind zunächst als Beispiel für die Auseinandersetzung des Stadttheaters mit dem Thema Migration zu verstehen. Immerhin rechnet man in NRW damit, dass 2020 fast 50 Prozent aller Jugendlichen in Großstädten einen Migrantenhintergrund haben werden. Ähnliche Projekte am Berliner HAU, den Münchner Kammerspielen oder am Forum Freies Theater in Düsseldorf lassen darauf schließen, dass die Erkenntnis von Deutschland als einem Einwanderungsland auch in den öffentlichen Kultureinrichtungen angekommen ist.

Ein Prozess, der mit einer Umdeutung zu tun hat. Nach Meinung des Erziehungswissenschaftlers Sven Olaf Radtke gewann der Begriff Multikulturalismus erst in dem Maße Bedeutung, wie die Politik mit den Folgen von Einwanderung und Integration nicht mehr zurechtkam. Soziale, politische, rechtliche Probleme wurden zu kulturellen umgedeutet. Mit allmählich immer deutlicheren Forderungen an die Kulturpolitik. So heißt es im Reader Demographischer Wandel - Konsequenzen für die kulturelle Infrastruktur des Instituts für Landes- und Stadtentwicklung in NRW (ILS) klipp und klar: "Dabei sind auch die bestehenden kulturellen Infrastrukturen stärker für Migranten zu öffnen, was gleichzeitig bedeutet, die bestehende Programmatik von Infrastrukturen wie Volkshochschulen, aber auch von Theater und Oper zu überdenken."

In Köln hat Kulturdezernent Georg Quander nun prompt die Beschäftigung mit dem Thema Migration zum Stellenprofil der neuen Schauspielintendanz erhoben. Das Theater lebe noch viel zu sehr, sagt er, "aus einem bürgerlich gewachsenen Partizipationsverständnis. Unsere Gesellschaft ist so (multiethnisch, d.A.), also muss sie sich auch in entsprechenden Einrichtungen widerspiegeln." Inzwischen wurde Karin Beier als Intendantin ab 2007 gekürt, die ein multiethnisches Ensemble zusammenzustellen will, was ein Novum in Deutschland wäre.

Auch auf dem Feld der Dramatik besteht Nachholbedarf. Zwar tauchen in Stücken von Gegenwartsautoren wie Marius von Mayenburg, Anja Hilling, Moritz Rinke oder Theresia Walser Migrantenfiguren auf, doch als gesellschaftlicher Konfliktstoff wird das Thema nicht gehandelt - außer in Jugendstücken wie Lutz Hübners Ehrensache. Die Nachfrage bei Verlagen ergibt noch ein, zwei Namen, doch das mit Abstand meistgespielte Stück zum Thema Migration ist bis heute Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher aus dem Jahr 1969. Als Grund nennen Verleger vor allem das langjährige Desinteresse der Theater. Marion Victor vom Verlag der Autoren erwähnt Emine Sevgi Özdamar, deren Stücke aus den späten achtziger Jahren schlicht ignoriert worden seien.

Dass die Ausbeute unter zeitgenössischen Autoren so mager ausfällt, hat aber noch andere Gründe. Zum einen kommt man den Fragen der zweiten und dritten Generation mit linearen Konfliktdramaturgien heute kaum noch bei. Zum anderen haben Debatten über Differenz, Authentizität und Repräsentation im Theater die abbildhafte Darstellung von Migrationsproblematiken schwierig gemacht. Wenn Ariane Mnouchkines in ihrem Stück Caranvansérail mit hochästhetischen Mitteln Fluchtszenen an Grenzzäunen nachstellt, ist die Obszönität nicht weit.

Eine Lösung liegt im wiedererwachten Interesse am Dokumentartheater. Feridun Zaimoglus fünfteiligem Monologstück Schwarze Jungfrauen liegen Interviews mit intellektuell-kämpferischen muslimischen Frauen zugrunde. Und ähnlich wie Homestories entwickelte auch das zweiteilige Bunnyhill-Projekt der Münchner Kammerspiele Theaterstücke mit Jugendlichen aus dem Stadtteil Hasenbergl über deren Lebenswirklichkeit - und holte sie als Protagonisten selbst auf die Bühne. Das Theater wird zum Ort der social inclusion, das sich für Gruppen der Gesellschaft öffnet, die bisher keinen Zugang zur Bühne hatten.

Das ist insofern neu, als das Stadttheater bisher das Thema weitgehend den zahlreichen originalsprachigen Migrantenensembles überließ, die es seit den sechziger Jahren gibt - mit Ausnahme des Theaters Mülheim a.d. Ruhr, das mit der Beherbergung des Romatheaters Pralipe oder Gastspielprojekten den Dialog vorantrieb. Ansonsten sind Migrantenensembles, so der Kulturwissenschaftler Sven Sappelt in einem Aufsatz zum Theater der Migrant/innen, bis heute weitgehend Teil der freien Szene. Was nichts anderes bedeutet als chronische Unterfinanzierung, schlechte Auftritts- und Probenmöglichkeiten und hohe Fluktuation. Oft dienten sie den Migranten auch einfach "nur" als Ort der Erinnerung und Stabilisierung kultureller Identität. Fataler allerdings wirkte sich die Verortung der Migrantenensembles in der Soziokultur aus. Diente der Terminus ursprünglich der Erweiterung des Kulturbegriffs, so reduzierte er im gegebenen Kontext die Migrantentheater zum Folkloretupfer im Patchwork des Multikulti, was langfristig die nötige Professionalisierung verhinderte.

Soziokultur hatte nicht nur etwas mit der Enthierarchisierung des Kulturbegriffs, sondern auch mit der Dezentralisierung des Stadtraums zu tun. Auch die Theater schwärmten damals aus auf der Suche nach neuen Spielorten. Wenn sich heute Bühnen in Essen, München oder Berlin mit Migration beschäftigen, entdecken sie zwar auch den Stadtraum neu; doch nicht im Sinne einer ästhetischen Kolonialisierung, sondern als Diskurs mit den Bewohnern in ihrer städtischen Realität. Am Düsseldorfer Forum Freies Theater hat der theatrale Ethnograph Jörg Lukas Matthaei gerade das Projekt Eure gefährlichen Orte realisiert. In einer Art audiovisueller Schnitzeljagd führen junge Migranten Besucher durch den Stadtteil Oberbilk. Man lernt ihr Viertel, ihre Ausbildungsplätze kennen, muss gegen Streetkids Basketball spielen oder in einer Schule Hausaufgaben lösen. Einübung in einen fremden Alltag an fremden Orten. Wie beim Essener Homestories-Projekt gehen urbanistischer und Migrationsdiskurs dabei Hand in Hand - und erschließen dem Theater eine neue Rolle.

"Soll das Theater das gesellschaftliche Vakuum nutzen und im Spannungsfeld zwischen aktivistischer und künstlerischer Intervention selber zum Ersatz-Akteur der Politik werden?" lautet eine Frage des urbanistischen ErsatzStadt-Projekt der Berliner Volksbühne. Die Frage ist inzwischen Realität und könnte unser Theaterverständnis grundlegend verändern, so der Essener Chefdramaturg Thomas Laue: "Theater findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern Theater findet seinen Stoff auch in der Realität und nicht nur in der Beschreibung, sondern auch in einer Beteiligung an dieser Realität." Das Theater erreicht so möglicherweise einen Grad sozialer Unmittelbarkeit, wie es ihn bisher nie hatte, sich aber immer erträumte.

Land und Kommunen in NRW verpflichten ihre Kulturinstitutionen bereits auf "Handlungskonzepte Interkultur" oder knüpfen die Unterstützung von Künstlern an Aktionen in Schulen. Kulturpolitik und Bildungspolitik gehen so ineinander über - gestützt durch die Erkenntnis, dass die mangelnde kulturelle Partizipation der Migranten in erster Linie ein Bildungsproblem ist. Nicht zuletzt geht es dabei, so die zitierte ILS-Studie, ums Geld: "Eine stärkere Legitimation über den Bildungsgedanken könnte ein möglicher Ansatzpunkt der Kulturpolitik sein" - was sich in Zeiten knapper Kassen als etatrettendes Argument erweisen könnte.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 23.06.2006

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare