Akzente

Schieflage Der Holocaust darf nicht auf die Shoa reduziert werden

Die Ernennung des Direktors des Jüdischen Museums in Frankfurt, Raphael Gross, zum neuen Leiter des Fritz Bauer Instituts ist in der Öffentlichkeit allgemein begrüßt worden. Alle Mitspracheberechtigten - das Land Hessen, die Stadt Frankfurt, die Universität, der Förderverein sowie der Beirat der Überlebenden - haben, so war zu lesen, der Entscheidung zugestimmt. Doch die einvernehmliche Lösung, von der sich die Beteiligten vor allem ein Ende der jahrelangen organisatorischen und finanziellen Querelen erhoffen, ist nicht ohne Brisanz.

Die vorgeschlagene institutionelle Neuregelung, die auf eine Zusammenlegung des Fritz Bauer Instituts mit dem Jüdischen Museum hinausläuft, hat eine problematische inhaltliche Kehrseite. Laut Satzung ist das Institut ein "Studien- und Dokumentationszentrum" zur Geschichte und Wirkung jener Menschheitsverbrechen, zu deren Bezeichnung sich der Begriff Holocaust durchgesetzt hat. Er meint die systematische Vernichtung von bestimmten Volks- und Bevölkerungsgruppen sowie ganzen Völkern in der Form industriellen Tötens durch die Nationalsozialisten in der Zeit von 1940 bis 1945, beginnend mit dem Mord an den Behinderten und kulminierend im Völkermord an den europäischen Juden.

Die Vernichtung von 6 Millionen Juden war zweifellos das Zentralereignis des Holocaust; aber der Blick auf dieses Grauen darf den (erwähnten) Behindertenmord, den Slawenmord (vor allem an Polen und Russen), den Zigeunermord sowie den Massenmord an aus rassistischen, politischen oder sexuellen Gründen verfolgten Gruppen oder Einzelnen (wie Homosexuelle, Spanienkämpfer und Zeugen Jehovas) nicht ausblenden. Die Forschung spricht von immerhin 5 Millionen nicht-jüdischen Holocaustopfern.

Die stillschweigende Reduktion des komplexen Holocaustgeschehens auf die Shoa ist eine ebenso bedenkliche wie wenig diskutierte Entwicklung unserer Gedenkkultur. Aus der Erfahrungsperspektive der Nation, die die Täter gestellt hat, ist eine Hierarchisierung und Ungleichbehandlung der Opfergruppen aber völlig unakzeptabel. Der letzte Einspruch gegen die Schieflage unseres kollektiven Gedächtnisses von Auschwitz fand in der Debatte um das nationale Holocaustmahnmal in Berlin statt. Stimmen wie die von Reinhart Koselleck, die sich gegen die Widmung an eine einzige Opfergruppe aussprachen, unterlagen. Aber die vorgetragenen Argumente gelten bis auf den heutigen Tag.

Mit der neuen Frankfurter Lösung des Fritz Bauer Instituts scheint sich der Trend von der Zentralität des Judenmordes hin zu einer Position der Ausschließlichkeit unhinterfragt fortzusetzen. Angesichts der zu erwartenden Folgen ist aber die jetzt beschlossene Vereinigung und die für später geplante räumliche Einbindung des Holocaust-Instituts unter die "Holding des Jüdischen Museums" (so Hessens Kulturminister Udo Corts) als eine dramatische Akzentsetzung zu verstehen - und solchermaßen öffentlich zu diskutieren. Kaum denkbar, dass der neue Direktor - um ein Beispiel zu nennen - die anhaltende Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma, die in der erweiterten Europäischen Union die größte Minderheit darstellen und als Überlebende und Nachkommen des Holocaust eine besondere Schutzwürdigkeit genießen (sollten), zu einem zentralen Projektthema machen könnte. Den unheilvollen Trend, nicht-jüdische Opfergruppen aus Holocaustdiskurs und Erinnerungsarbeit herauszuhalten, umzukehren, nicht ihn sehenden Auges zu bekräftigen, wäre aber die Aufgabe der Zeit. Sie kann aber nur von einem unabhängigen, an die Partikularinteressen einer Gruppe nicht gebundenen Institut geleistet werden.

Franz Maciejewski ist freier Autor. Er war von 2000 bis 2005 Leiter des Projektes "Erinnerungsrituale des Holocaust" an der Universität Heidelberg.


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00:00 16.02.2007

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