Al Qaida in den Köpfen

Jemen Auch das autokratische Regime von Präsident Saleh wackelt. Überfluss gibt es nur an einem: an ­den Gründen für die Unzufriedenheit

Die Einladung nach Sanaa zu einer Konferenz über Wasserversorgung lag seit Wochen auf meinem Schreibtisch. Als ich schließlich im Jemen landete, wurde in Tunis gerade dazu aufgerufen, die Revolution in alle arabischen Länder zu tragen. Kurz darauf brachen die Proteste in Kairo aus, während ich auf den Straßen der jemenitischen Hauptstadt zunächst nur kleine Grüppchen mit Transparenten sah, auf denen tapfer mehr Lohn gefordert wurde. Was würde geschehen in einem Land, in dem seit 20 Jahren immerhin so etwas wie demokratische Spielregeln versucht werden, mit Oppositionsparteien, Gewerkschaften, einer relativ regierungskritischen Presse und einer Ministerin für Menschenrechte, deren rund um die Uhr geschaltete Hotline seit Jahren mit Beschwerden überflutet wird.

Auch vor den Protesten war der Regierung klar, dass es Überfluss nur an einem gibt: an Gründen für Unzufriedenheit. Aber es mangelte an dem Willen, unter Aufgabe eigener Macht- und Besitzinteressen dagegen vorzugehen. Der seit 32 Jahren herrschende Präsident Saleh hat es vorgezogen, eine riesige Moschee in Sanaa bauen zu lassen und protzige Ministerien. Es fehlt an Schulgebäuden, erklärt mir eine Lehrerin, weshalb der Unterricht im Schichtsystem stattfindet. Sie unterrichtet nachmittags, 120 Mädchen sind in ihrer Klasse. Und die sind noch privilegiert, denn sie gehen überhaupt zur Schule.

Es gibt wohl kein anderes Land, das von so vielen Plagen heimgesucht wird wie der Jemen. Eine Armut, die jedes dritte Kind hungern lässt, mehr als die Hälfte der Erwachsenen sind Analphabeten und es herrscht 40 Prozent reale Arbeitslosigkeit. Dazu Korruption, Inflation, Überschwemmungen und Wassermangel, Bevölkerungsexplosion, Stammesrivalitäten – das alles wäre noch nicht einmalig. Als speziell jemenitische Zugaben kommen aber eingeschleuste Al-Qaida-Extremisten hinzu, ein religiöser Bürgerkrieg im Norden, eine Separationsbewegung im Süden und Piraten vor der 2000 Kilometer langen Küste. Dazu Bootsflüchtlinge aus Somalia und Äthiopien. Schließlich die zerstörerische Droge Qat, gegen deren Anbau die Regierung nicht vorgeht, auch weil viele Plantagen deren Günstlingen gehören. Die meisten Männer und zunehmend auch Frauen flüchten jeden Nachmittag in die Beseeligung, statt etwas gegen ihre Situation zu unternehmen.

Wut gegen Amerika

Die Jemeniten leiden auch unter ihrem Image. Der für seinen Humor bekannte Autor Ar-Razihi, den ich bei einer Buchpräsentation kennenlerne, erzählt: Er war zu einem Meeting nach Deutschland eingeladen. In Tegel fragt die Reiseleiterin: Woher kommen Sie? Er: Aus dem Land der alten Kultur, dem Reich der Königin von Saba. Wo liegt das? Ich komme aus dem Land des antiken Staudamms von Marib, dem Wunder Arabiens, half er nach. Aus Afrika? Nein, aus dem Land des Weihrauchs. Wo ist das? Ich komme aus dem Land der Entführungen. Ah, aus Jemen, wusste sie nun sofort.

Dabei lässt einen der Jemen, den ich kennenlernte, als ich vor acht Jahren an einer Begegnung deutscher und arabischer Autoren teilnahm, auf andere Art nicht mehr los. Mühelos kann ich an damalige Kontakte anknüpfen. Wege werden mir gebahnt, denn ausländische Besucher sind selten geworden. Die Vorstellung, Reisende würden gleich am Flughafen von al Qaida empfangen, sitzt tief in den Köpfen der Europäer. Das ist ruinös für den Jemen, der früher nicht unerheblich von Touristen gelebt hat. Kaum Kunden finden jetzt die duftenden Gewürze, antiken Silberketten und bunten Kaschmir-Schals im Basar der märchenhaften Altstadt.

Die jetzige Wut richte sich nicht gegen Amerika und den Westen, weiß die deutsche Presse erleichtert zu berichten. Die „orientalischen Despotien“ müssten endlich selbst Ordnung schaffen. Zweifellos, aber mir ist doch ein starkes Bewusstsein darüber begegnet, wie sehr die Konflikte ursächlich auch auf die Einmischungen von außen zurückgehen, etwa auf die willkürlichen, kolonialen Grenzziehungen. 1990 hatte Saddam Kuweit größenwahnsinnig besetzt, weil der Nachbarstaat große Mengen irakischen Öls angezapft hatte. Zuvor war Sadam dazu bekanntlich von der amerikanischen Botschafterin dazu ermutigt worden. Bald darauf reiste US-Außenminister James Baker nach Sanaa. Er habe, so sagt mir jetzt der Oppositionspolitiker Kassim Sallam, Präsident Saleh 25 Millionen Dollar geboten für ein Ja des Jemen im UN-Sicherheitsrat zur Kriegsoption. (Wer hat die Mechanismen der Korruption eigentlich hoffähig gemacht?) Doch der Jemen erhörte den damaligen Ruf von Millionen Demonstranten in aller Welt: Kein Blut für Öl! Dafür hat er bis heute die Konsequenzen zu tragen. Über eine Million jemenitischer Gastarbeiter wurde hauptsächlich aus Saudi-Arabien zurückgeschickt, Grenzen geschlossen. Statt wie früher vom Ausland ihre Familien zu ernähren, müssen die Heimkehrer seither durchgefüttert werden.

Ein schmutziges Spiel

„Nach den 9/11 Anschlägen stand Saudi-Arabien vor der Weltöffentlichkeit schlecht da“, erklärt mir Mohy Al-Dhabbi in einem kürzlich eröffneten japanischen Restaurant mit Blick über das friedlich scheinende abendliche Sanaa. Ich hatte ihn einst als einen um offene, kulturelle Kontakte bemühten Botschafter in Berlin kennengelernt. „Die Saudis haben die Schwäche des Jemen missbraucht und einen Teil ihrer Al-Quaida Leute in unsere abgelegenen Regionen geschleust. Damit war der Schwarze Peter bei uns – wer spricht heute noch von Al Qaida in Saudi Arabien? Die Paketbombe war doch ein schmutziges Spiel! Woher weiß der saudische Geheimdienst, unter welcher Nummer ein bestimmtes Paket aufgegeben wird? Und seit wann braucht man in den USA jemenitische Drucker?“ Ob die Fundamentalisten geschwächt oder gestärkt aus den jetzigen Unruhen hervorgehen werden, weiß bisher niemand. Islah heißt die stärkste Oppositionspartei im Jemen.

Der Richter und Islamgelehrte Hamoud Al-Hitar ist ein auch international gefragter Mann – ich muss etwas warten in seinem Büro mit den ledergebundenen Büchern und den dazu passenden Sesseln. Entgegen dem Klischee vom Jemen als sicheres Rückzugsgebiet für aus Afghanistan geflohene Al-Qaida Kämpfer, sitzen viele von diesen im Gefängnis. Die meisten von ihnen haben einen starken Glauben aber eine schwache Bildung, können den Koran nicht richtig interpretieren, erklärte Al-Hitar damals unserer um Günter Grass gescharte Autorengruppe. Er faszinierte uns mit seinem Dialogprojekt, durch das die Fundamentalisten nach mehrwöchigen Gesprächen von der Gewalt ablassen sollten. Er versuchte, ihnen den Irrglauben zu nehmen, durch Terror in die Nähe von Allah zu kommen. Tatsächlich schworen viele ab und konnten entlassen werden.

Al-Hitar erscheint in schwarzer Robe, darüber der Janbiya, der traditionelle Krummdolch und ein bestickter Schal, auf dem Kopf eine weiße Kappe. Ich will wissen, ob der Dialog noch funktioniert. Der Rechtsgelehrte redet nicht drum herum: Einige hätten ihm seinen Erfolg nicht gegönnt. Denn sein Mittel war wirksamer und billiger als amerikanische Raketen. Es habe unter seinen Kandidaten keine Rückfälle gegeben. (Nicht im Jemen, wird später ein solcher Neider behaupten, aber einige seien doch nach Afghanistan zurückgekehrt.) Gewalt beseitige nie die Ursachen von Extremismus. „Frieden kommt nur von den Friedfertigen. Vom Kampf der Meinungen.“ Aus Angst, Islamisten frei zu lassen, hätten die Sicherheitsbehörden den Dialog seit einiger Zeit gestoppt. Er hoffe, dass er irgendwann wieder aufgenommen werden könne.

Reif für die Revolution

Nach all seinen Gesprächen weiß Al-Hitar mehr als andere über Motive von potenziellen Selbstmordattentätern: „Die Fehlinterpretation des Islam ist der dominante, aber nicht hinreichende Grund. Denn falsche Koran-Auslegungen sind viel älter als der gewaltsame Extremismus. Da ist die Wut, über die ungerechte Position des Westens zur muslimischen Frage hinzugekommen. Die einseitige Parteinahme für Israel, die Mitschuld an der wachsenden wirtschaftlichen Kluft zwischen dem Okzident und dem Orient. Im Islam soll der Reiche dem Armen helfen. Aber die USA bringen nur Waffen, nicht Unterstützung sondern Investitionen. Privatfirmen, die uns aufkaufen. Es ist die Ohnmacht, keine legalen Mittel gegen das Unrecht zu haben.“

Er sagt es sehr ruhig. Was mich ermutigt, eine tabuisierte Frage anzusprechen. Schließlich haben erst die Anschläge vom 11. September Repressionen und Krieg gegen arabische Länder eskalieren lassen. Ich habe nicht einen Jemeniten getroffen, der glaubt, die wenig gebildeten Al-Qaida-Leute seien zu diesem Präzisionsangriff fähig gewesen. Er habe doch viele vertrauliche Gespräche geführt – zu welchem Schluss er dabei gekommen sei? Er lächelt wissend. „Zum 11. September gibt es zwei Versionen, die beide angezweifelt werden. Fakt ist, die Ereignisse haben stattgefunden. Extremisten von dieser oder jener Seite waren da am Werk.“ Eine diplomatische Antwort.

Das südliche Aden, spektakulär in einem Doppelkrater gelegen, macht einen helleren, aufgeräumteren Eindruck. Auf dem Fischmarkt, direkt an einer malerischen Meeresbucht, sind große Hechte im Angebot und ein kleiner Baby-Hai. Man kauft den frischen Fisch und lässt ihn nebenan in einem Grillrestaurant unter einer Chilikruste garen. Dazu wird knuspriges Fladenbrot serviert. Frauen sollen eigentlich hinter einer Mauer, im Separee für Familien speisen, aber Ausländerinnen, die sich nicht daran halten, werden nicht zurechtgewiesen. Hier im einst sozialistischen Süden trifft man immer wieder deutsch sprechende Akademiker, die noch in der DDR studiert haben. So komme ich mit einem pensionierten, seinerzeit hochrangigen Mitglied der Sozialistischen Partei ins Gespräch. Genannt werden will er nicht, denn seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren sind 150 seiner Genossen von Extremisten als Gottlose umgebracht worden. Hier im Süden gibt es einen großen Unwillen darüber, wie sich die regierende Präsidentenfamilie und ihr Hofstaat bei der Vereinigung die volkseigenen Grundstücke unter den Nagel gerissen haben. Wie ungerecht die Reichtümer des Südens verteilt wurden: Öl, Gold, Mocca, Fisch, die Einnahmen der Häfen. „Ich fürchte, das Land zerbricht daran.“

Der subjektive Faktor

Wann kommt die Revolution?, will ich wissen. Die objektiven Bedingungen sind reif, wie in Tunesien oder Ägypten, meint er, aber mit dem subjektiven Faktor hapere es in der jemenitischen Stammesgesellschaft. Auch mit einem klaren Ziel. Die westliche Demokratie sei nicht glaubwürdig. Um das Kapital zu mehren, unterstütze sie radikal-fundamentalistische Regime. „Nehmen Sie Saudi Arabien. Die dort herrschenden Salafisten unter König Abdullah sind die religiösen Wortführer von Taliban und al Qaida. Bis heute gibt es nach jedem Freitagsgebet in Riad öffentliche Strafrituale: Auspeitschungen, Hand-Abhacken, Enthauptungen; wegen sexueller Belästigung, Ehebruch, Alkoholkonsum, Raub, Gotteslästerung und Rebellion gegen den König. Theater, Kino und weltliche Musik sind bei den Saudis genauso verboten, wie der Empfang des TV-Senders Al Jazeera. Die Internetzensur hat 400.000 Webseiten abgeschaltet. Werden diese Menschenrechtsverletzungen im Westen angeklagt? Gibt es gar einen Boykott?“ Saudi Arabien ist der größte Erdölexporteur der Welt, Mitglied der WTO, seine Währung ist an den Dollar gekoppelt.

Unvermittelt sagt der Ergraute: „Um meine volle Rente bin ich betrogen worden. Früher habe ich vier Mal die Woche Fleisch gegessen, heute nur noch ein Mal im Jahr, nach dem Fastenbrechen. Vielleicht kommt sie ja plötzlich, das haben Revolutionen so an sich.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:20 05.02.2011

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 1