Alaa teilt sein Glück

Westjordanland Ein junger Palästinenser bittet zum Wandern durch die Berge. Für Stunden lassen sich Wut und Trauer des Alltags vergessen

Tagsüber überschlagen sich die Stimmen der vielen Händler, wenn sie ihre Orangen und Datteln anpreisen, die Süßigkeiten oder ihre Hühnchen. Nun aber, in der Frühe, ruht der Souk. Alaa Hamoz genießt den stillen Moment, nur seine Schritte sind zu hören, wie er einen Fuß vor den anderen auf die noch feuchten Pflastersteine setzt. Er weiß, dass ein aufregender, auch anstrengender Tag vor ihm liegt. Vor Nervosität hat der 24-Jährige in der Nacht kaum geschlafen. Hat er den Kompass dabei, für alle Fälle? Hat er die Telefonnummern der Busfahrer? Am wichtigsten ist die Anmeldeliste, die gefaltet in seiner Hosentasche steckt. Auf ihr stehen mehr als 150 Namen von Männern, Frauen, Jungen und Mädchen aus Nablus. Sie sollen an diesem Tag die Berge ihrer Heimat kennenlernen. Für viele ist es das erste Mal. Wandern ist in der Westbank kein üblicher Sport und die Beweglichkeit im besetzten Land sowieso eingeschränkt.

Fantasie und Palaver

Schon vor Monaten hat Hamoz Flyer in der Stadt verteilt und den Plan immer wieder auf seiner Facebook-Seite beschrieben. So kamen die vielen Interessierten zusammen, darunter mancher, der den Freund oder Nachbarn Alaa unterstützen will. Vielleicht wird die Geschichte zum Ereignis des Monats in Nablus. Eine Geschichte, von der man auch irgendwann noch reden wird.

„Manchmal erzählt dein Kopf von einem Traum. Und dem musst du folgen“, sagt Hamoz, als er am Abend zuvor am Küchentisch im Haus seiner Familie sitzt, neben ihm die Mutter und der ältere Bruder Khaled. „In den Bergen bin ich glücklich“, sagt Hamoz. „Das möchte ich nun den anderen zeigen.“ Glücklich oder frei sein – welchen Sinn hat dieses Motiv für einen jungen Palästinenser? Nablus liegt im Norden der Autonomiegebiete, Hamoz liebt die Gegend und unterscheidet sich damit nicht groß von anderen Palästinensern seines Alters. Für viele freilich ist es von der Liebe nicht weit zu Trauer oder Wut. Auch jetzt noch – über zehn Jahre ist die zweite Intifada schon her – kleben Nachrufe für die Opfer von damals an Hauswänden und Ladentüren. Als seien die Jungen gestern gestorben. Nie schwindet das Fieber der Erinnerung, es bringt Schauder, Ängste und Todesschrecken mit sich. Empört sind die Leute in Nablus über die israelischen Siedlungen ringsherum. Sie zerstückeln die Heimat mit Checkpoints und Mauern aus Beton. Wütend sind sie auf die eigenen Politiker. Korrupt seien die und unfähig, hört man in den Teehäusern der Stadt, wo kaum jemand seinen Unmut verheimlicht.

„Klagen und Selbstmitleid, was soll das helfen?“, fragt Hamoz. „Ich kann nichts damit anfangen, was von einem arabischen Mann in meinem Alter verlangt wird. Geld verdienen und protzen.“ Was hätten seine Freunde schon erreicht? Als Verkäufer von Schuhen, Küchenuhren oder Nüssen säßen sie vor ihren Läden und warteten auf den nächsten Kunden. „Die Zeit dazwischen palavern oder träumen sie. Zum Beispiel davon, ins Ausland zu gehen und Millionen zu scheffeln.“

Hamoz möchte in keinem Himmel der Seligen, sondern anders leben. Und er hat damit früh begonnen. Als Achtjähriger lernte er auf dem Einrad fahren und schaute sich das bei Straßenkünstlern ab. Zehn Jahre später kaufte er sich eine gebrauchte Kamera, stellt Fotos und Videos von seinen Kunststücken, die er auf den Flachdächern von Nablus vollbrachte, auf seine Facebook-Seite. Mit dem Rad drehte er sich, hüpfte und sprang. Manchmal war bei den Aufnahmen die Kuppel der Moschee im Hintergrund zu sehen. Drinnen war Hamoz schon lange nicht mehr. „Religion ist mir nicht wichtig.“

Einmal packte ihn das Fernweh. Im Internet las er von einem österreichischen Ensemble der Einradfahrer, die zu einem Festival aufgerufen hatten. Hamoz bewarb sich und erhielt eine Einladung, doch darf ein junger Palästinenser nicht einfach ausreisen. Das nötige Visum blieben ihm die israelischen Autoritäten schuldig. Was will er in Österreich?

Auf dieses Scheitern reagierte Hamoz mit einer neuen Idee. Er besorgte sich ein normales Fahrrad, mit dem er fortan durch die Berge Palästinas tourte. Kurioserweise las er bei israelischen Bloggern im Internet, welche Routen durch das Westjordanland die schönsten seien. So gründete Hamoz die Palestine Riders, die Biker von Palästina, und fand bald Sympathisanten. Die Touren erwiesen sich als neue Erfahrung, um Männlichkeit auszuleben und sich gegenseitig anzuspornen, Berge zu erklimmen. Gemeinsam flickten sie abends kaputte Reifen. Die Geschäfte in Nablus bieten keine Mountainbikes an, um defekte Räder zu ersetzen – es sei denn, Bekannte können sie in Jerusalem besorgen, dazu Fahrradhosen, Trinkflaschen und Schutzhandschuhe. Immer öfter konnten die jungen Biker Bekannten erzählen, was sie in den Bergen erlebt hatten. So kam Hamoz die Idee mit der Wanderung. Ein Fahrrad hat nicht jeder, zwei Beine schon.

Biken und Reisen

An diesem Tag im Mai ist es endlich so weit. Hamoz steht am vereinbarten Treffpunkt inmitten einer aufgeregten Menschenmenge. Auch der letzte der drei georderten Busse, ein älterer Jahrgang, fährt gerade an den Straßenrand. „Für euch bin ich gern früh aufgestanden“, ruft der Fahrer aus dem offenen Fenster und lacht. Familien, beladen mit Tüten voller Essen, kommen die Straße entlang. Alle wollen sportlich aussehen, Gruppen von Jungen und Mädchen stehen jeweils einige Meter voneinander entfernt. Unvorstellbar, dass sie sich mischen. Neugierige, wenn auch schüchterne Blicke lassen sich dennoch kaum vermeiden. „Kommt Malina auch?“, wird Hamoz von einem jungen Mann gefragt. Es scheint ein guter Tag zu werden, um Kontakt aufzunehmen. Vielleicht kann man einem Jungen ein selbst gebackenes Fladenbrot anbieten.

Hamoz schaut auf die Uhr und gibt ein Zeichen. Jetzt müssen alle einsteigen, auch die, die noch herumstehen und wichtig tun. Die Helfer geben Marmorkuchen aus als vorläufigen Proviant. Im ersten Bus sitzt Hamoz auf dem vordersten Sitz wie ein Reiseleiter eben.

„Ich habe manchmal Angst, dass sie ihn einfach überfahren”, hat seine Mutter am Abend zuvor in der Küche gesagt und ihrem Sohn liebevoll über den Kopf gestrichen. Immer wieder gebe es Nachrichten über Farmer oder eben Radfahrer, die von den Jeeps der Siedler von der Straße geräumt würden. Vor ein paar Monaten fuhr ein Siedlerfahrzeug nahe der Stadt Hebron zwei palästinensische Jungen an. Es geschah am helllichten Tag in einer Gegend, die für besonders radikale Siedler bekannt ist. Hamoz hat versucht, die Ängste seiner Mutter zu zerstreuen. Für ihn seien die meisten Begegnungen mit israelischen Soldaten friedlich und entspannt verlaufen. Tatsächlich erzählt er seiner Familie nicht alles, was ihm in den Bergen widerfährt.

„Einmal haben sie uns quasi das Leben gerettet“, berichtet er, als sich die Mutter schon schlafen gelegt hat. Seine Biker-Gruppe musste bei einer Tour feststellen, sich verfahren zu haben. Das Wasser war verbraucht. Ein verlassenes Militärgelände versprach Hilfe. Nach wenigen Minuten standen fünf Soldaten vor ihnen, jünger als sie selbst und ausgerüstet mit schweren Maschinengewehren. Sie sprachen die Mountainbiker auf hebräisch an. „Wir wurden zunächst für Siedler gehalten“, erzählt Hamoz. Diesen Irrtum habe man sofort korrigiert und der Patrouille auf Englisch erklärt, in welche missliche Lage man geraten sei. „Die haben uns wirklich Wasser gegeben und gesagt, wir sollten ganz schnell verschwinden. Normalerweise verweigern die Soldaten jeglichen Kontakt und sprechen kein Wort mit Palästinensern.“ Einmal wollte Hamoz mit seinen Bikern hoch in den Norden. Der Weg bis nach Nazareth sei besonders schön, hatten sie auf dem Blog eines Israelis gelesen. Aber sie kamen nicht durch. Schon am ersten Checkpoint war die Tour beendet.

„Wir sind eben nicht frei“, regt sich Hamoz’ Bruder Khaled am Küchentisch auf. Da er in Ramallah arbeitet und nur am Wochenende zur Familie nach Nablus stößt, hat Khaled oft mit israelischen Militärs zu tun. An den Checkpoints wird er regelmäßig aus der Kolonne gewunken. Es erregt Verdacht, wer als junger Palästinenser allein im Auto sitzt. „Natürlich kennen mich die Soldaten. Aber sie ziehen mich immer wieder raus, um mir stets die gleichen Fragen zu stellen, stundenlang und in perfektem Arabisch. ‚Wo kommst du her? Wo arbeitest du? Wie lange schon? Wer gehört zu deiner Familie?‘“ Ein dickes Dossier liege dann vor dem vernehmenden Soldaten oder Offizier auf dem Tisch. „Wahrscheinlich wollen sie mir zu verstehen geben, dass sie längst alles über mich wissen und überprüfen, ob ich die Wahrheit sage – es ist das reine Machtspiel“, meint Khaled. Man müsse es hinnehmen, egal wie demütigend das Verhör sei. „Sie fragen: ‚Warum bist du noch nicht verheiratet? Bist du schwul? Wenn das stimmt, dann lebst du in Israel besser.‘“ Es falle ihm in solchen Situationen nie leicht, ruhig zu bleiben, sagt Khaled. „Da träumst du nicht mehr davon, wegzugehen – da willst du es! Ich bewundere meinen Bruder, der die Schikanen nicht so nah an sich heranlässt“. Würde Hamoz auch mit Israelis radeln? Schließlich boomt der Outdoor-Sport im Nachbarland. „Aber sicher“, ist Hamoz beim Gespräch in der Küche überzeugt. „Wir würden keinen Friedensauftrag brauchen, sondern uns verstehen, weil Radfahren verbindet.“

Zurück zur Busfahrt. An diesem Tag sehen viele Leute aus Nablus erstmals die Berge ihres Landes. „Alaa, wo ist deine Mutter?“, ruft einer durch den Bus. Alaa grinst. „Ich habe ihr gesagt, das wird eine echte Wanderung, kein Picknick und keine Hubbly-Bubbly.“ Die Mädchen in den Reihen hinter Alaa machen entsetzte Gesichter. Keine Zeit für die Wasserpfeifen, die sie in ihren Rucksäcken haben? Alaa hatte doch versprochen, dass sich auf dieser Tour alle wohlfühlen und glücklich werden.

Nora Marie Zaremba ist freie Autorin und hat jüngst die Westbank bereist

06:00 17.06.2015
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