Alarmglocken für die Ausgestoßenen

Demokratischer Geist Ein Plädoyer für das Amerika von Walter Roberts, Bob Dylan und John Rawls

Kein europäischer Schriftsteller muss die schreckliche Last tragen, sich zwischen Europa und Amerika zu entscheiden, und dass ich es tun muss, scheint hart zu sein. Für einen Amerikaner ist die Last zwangsläufig größer, denn er muss sich, wenn auch nur stillschweigend, mehr oder weniger mit Europa auseinandersetzen, während kein Europäer genötigt ist, sich auch nur im mindesten um Amerika zu scheren." Seit den Tagen des amerikanischen Schriftstellers Henry James, von dem dieser Satz stammt, hat sich einiges geändert. Heutzutage sehen sich die Europäer so stark zur Auseinandersetzung mit Amerika gedrängt, dass es ihnen schwer fällt, sich überhaupt anders als durch ihr Verhältnis zu Amerika zu definieren, und das anscheinend ganz unbekümmert darum, welches Amerika denn nun gerade den Ton angibt.

Der Streit zwischen Europa und Amerika ist durch den amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld angeheizt worden. Von ihm stammt bekanntlich die Unterscheidung zwischen dem "alten und neuen Europa". Henry Kissinger persönlich bezeichnete diesen Mann einmal als "den schrecklichsten Menschen, dem ich je begegnet bin". Wie auch immer: Rumsfelds Wortwahl entsprang nicht einem Nachdenken über die historische oder geopolitische Entwicklung. Sie gehörte zu einer krassen politischen Polemik mit dem Ziel, um Unterstützung für einen ungerechtfertigten Krieg zu werben. So gesehen besitzt die Unterscheidung zwischen altem und neuem Europa ebensoviel theoretischen Tiefgang wie der Ausbruch eines Teenagers, der auf die Versuche seiner Eltern, ihn von seinem Leichtsinn abzubringen, mit der Antwort reagiert: "Alte Knacker seid ihr!" Das Amerika, für das Rumsfeld und Konsorten sprechen, steht nur für eine radikale rechte Ideologie, und Europäer sollten sich nicht dadurch narren lassen, dass sie diesen Leuten die Deutungsmacht zugestehen. Dazu kann man auch Robert Kagan zählen, den amerikanischen Politikprofessor, der mit seiner These bekannt geworden ist, die Amerikaner stammten vom Mars und die Europäer von der Venus. Kagans Behauptung, die Amerikaner seien Hobbesianer, die Europäer Kantianer, ist ein radikaler Bruch mit dem Selbstverständnis, dass Amerikaner Moralisten und Europäer Realpolitiker seien.

Der Streit zwischen Europa und Amerika wird schärfer. Deshalb möchte ich nicht diese unfruchtbare Dichotomie vertiefen, sondern ein anderes Amerika aufrufen. Wenn ich beschreiben sollte, welche amerikanische Kultur mein Leben beeinflusst, möchte ich, von drei Persönlichkeiten reden, die mich geprägt haben. Sie alle sind völlig verschieden, und sie alle sind sehr amerikanisch.

Von dem Ersten werden sie wohl nie etwas gehört haben, es sei denn, sie lesen eifrig Filmzeitschriften. Walter Roberts starb unbekannt und ohne einen Cent. Dass seine Tochter der Filmstar ihrer Generation werden würde, hat er nicht mehr erlebt. Doch für eine kleine Gruppe Jugendlicher aus der Provinzhauptstadt Atlanta, wo ich in den sechziger Jahren aufwuchs, war der Vater von Julia Roberts ein Held an der Kulturfront. Von ihrem baufälligen Haus leiteten er und seine Frau den Actors´ and Writers´ Workshop. Es wäre einfacher, an Roberts Stelle Martin Luther King zu erwähnen, dessen Geist dort wehte und dessen Kinder Mitglieder des Workshops waren. Doch lieber als die großen Redner möchte ich an die kleinen erinnern: daran, wie ein Erwachsener mit Witz und Leidenschaft einer Gruppe Jugendlicher beibrachte, Theaterstücke zu schreiben und sie auf der Ladefläche eines Lastwagens vor Hunderten jüngerer Kinder aufzuführen, deren Unterhaltungsprogramm sich ansonsten in Trickfilmen auf der Mattscheibe erschöpfte.

Avant la lettre waren wir politisch korrekt, aber wir lernten dennoch, dass vor allem Qualität zählt und die süßlichen und herablassenden Plattitüden, die andere darboten, zu verachten sind. Nur gute Kunst - pfiffige, witzige und vielschichtige Kunst - könne Herzen und Köpfe so bewegen, dass ein kleines Stück der Welt verändert wird. Und wir gewannen die Überzeugung, dass sie tatsächlich ein kleines Stück der Welt verändert; dass eine Gruppe schwarzer und weißer Jugendlicher, die eine gute Aufführung auf die Beine stellt, sehr wohl ein Vorbild für Ghetto-Kinder sein kann. Die Familie Roberts verdiente damit wenig, außer unserer unendlichen Bewunderung für ihre Mühen; sie war so arm, dass die Familie King die Krankenhausrechnung für Julias Geburt bezahlte. Dass sie zu den 40 Millionen Amerikanern ohne Krankenversicherung gehörten, brachte die Roberts nicht von ihrem Weg ab und ließ sie nicht nach einer einträglicheren Arbeit suchen. Aber wir, die wir im Schatten der Bürgerrechtsbewegung groß geworden sind, haben uns alle einen Funken Hoffnung bewahrt. Als ich acht Jahre alt war, war es unmöglich, gemeinsam mit Schwarzen in einem See zu schwimmen; als meine Kinder in diesem Alter waren, verschwendeten sie nicht einen Gedanken darauf, dass die Poster von Michael Jordan oder Aliyaa, mit denen sie ihre Zimmer schmückten, Poster von Afro-Amerikanern waren. Nicht, dass der Rassismus überwunden wäre, im Gegenteil, wer jedoch in den sechziger Jahren im amerikanischen Süden aufwuchs, sah, dass die Welt sich vor seinen Augen veränderte. Wir wussten, dass dies nur der unermüdlichen Anstrengung von Erwachsenen aus unserer Umgebung zu verdanken war, von Menschen, die berühmt oder unbekannt, oft einen bitteren Preis dafür zahlten. Sie siegten nicht auf der ganzen Linie. Aber sie siegten.

Der Zweite, an den ich denken muss, wenn ich über amerikanische Kultur grüble, ist Bob Dylan: der größte amerikanische Dichter spätestens seit T.S. Eliot. Dylan fegte die Trennung zwischen Hoch- und Volkskultur hinweg. Man erinnere sich nur an den Stand der Popmusik in den frühen sechziger Jahren: Niemand benutzte Wörter mit so vielen Silben wie "desolation", und erst recht machte keiner Anspielungen auf Einstein, Shakespeare und die Bibel. Texte wie "My heart went boom/ When I crossed that room" oder "Weine nicht, wenn der Regen fällt/Es gibt einen, der zu dir hält", mögen einen gewissen Schwung haben, aber einfallsreich sind sie nicht. Dylan griff die befreiende Kraft - nennen wir es ruhig Erotik - der Popmusik auf und verband sie mit Reflexion und geradezu bodenloser Ironie. Zugleich sind seine Themen klassisch, seine Mittel häufig traditionell. Er ist zum Beispiel ein Meister des Reims, und lange nachdem die meisten Dichter den Reim als überholt abgetan hatten, erneuerte er dessen Möglichkeiten.

Im allgemeinen vermischt große Literatur Hoch- und Volkssprache, Klassisches und Neues, Ernst und Ironie. Shakespeare tut es, und dass Dylan ihm nacheifert, muss - sieht man einmal von dem besonderen Idiom ab, in dem er schreibt - nichts spezifisch Amerikanisches haben. In Dylans Händen geht es aber um eine Demokratisierung der Kultur, und als ich vor kurzem einem späten Song zuhörte, fiel mir wieder einmal die moralische Geradlinigkeit in Dylans Werk auf, die ist doch made in Minnesota. Der Titelsong Ring Them Bells ist schlechtes Englisch. Nur wer kaum die Schule besucht hat, wird eine grammatisch so falsche Form verwenden - oder aber jemand, der zu solchen Leuten sprechen will. Das Lied möchte die Alarmglocken für alle Ausgestoßenen läuten: den Sohn des Armen, die Blinden und Tauben. Wie so häufig greift Dylan auch hier religiöse Motive auf, doch das Lied endet mit einem moralischen Aufruf, von dessen atemberaubender Schlichtheit man sich nicht vorstellen kann, dass ein anderer als Dylan damit durchkäme. Die Glocken müssen geläutet werden, heißt es am Ende: "For the lines are long/And the fighting is strong/And they´re breaking down the difference between right and wrong". (Denn der Fronten sind mehr/ und der Kampf ist sehr schwer/ Sie wollen verwischen, was Unrecht, was Recht, setzt euch zur Wehr.)

Ich vermute, dass es gerade diese unerschrockene moralische Schlichtheit ist, die Amerikas größten Moralphilosophen zu Amerikas größtem Dichter zog. Zwar war Abraham Lincoln der einzige Mensch, den John Rawls je als seinen Helden bezeichnet hat, aber er liebte Dylan und machte sich ein Vergnügen daraus, seine Kollegen mit Deklamationen aus dessen Texten zu irritieren, etwa beim Abendessen eines Kant-Kongresses. Mit seiner Arbeit passt Rawls besser in die Riege der europäischen Sozialdemokratie als in die politische Landschaft der USA, und aus seiner fast schon übertriebenen Großzügigkeit heraus war er der Erste, der anerkannte, wie tief er in der Schuld der großen europäischen Denker des Gesellschaftsvertrags steht. Der Impuls hinter seinem Werk ist jedoch sehr amerikanisch. Die Hoffnung, unbelastet von vorn beginnen zu können, zog die Einwanderer nach Amerika. Söhne von Herzögen und Bauern und verschiedenste Sekten konnten alles abwerfen, was sie in Europa beengt hatte, und sich eine neues Selbstverständnis und zugleich eine neue Welt schaffen.

Rawls geht noch ein paar Schritte weiter. Bei grundlegenden moralischen und politischen Fragen sollte nicht nur die soziale Herkunft irrelevant sein, sondern auch alles, was einem sonst noch an Erbe zufällt. Die angeborene Intelligenz ist ebenso wenig ein Verdienst wie der materielle Reichtum. Niemand verdient die ihm durch Geburt zugefallenen Vorteile, und ein gerechtes politisches System wird darauf achten, dass die natürlichen Unterschiede sich zugunsten der Benachteiligten auswirken. Rawls´ Auffassung ist auf eine bis dahin unerhörte Weise egalitär. Wenn der Selfmademan das amerikanische Ideal ist, so ebnet Rawls das Spielfeld völlig ein, um auch sicherzustellen, dass es sich tatsächlich verwirklichen lässt. In Rawls´ idealer Welt zählt nichts von dem, was wir geerbt haben.

Rawls´ Egalitarismus war nicht nur eine Sache der Theorie. Ein Beispiel muss dafür genügen. Er, der ohnehin auf Preise und Ehrungen nichts gab, lehnte auch den mit einer halben Million Dollar dotierten Kyoto-Preis ab, weil er ihn verpflichtet hätte, an einem offiziellen Abendessen mit dem Kaiser von Japan teilzunehmen. Dass diese Geschichte erst nach seinem Tod durchsickerte, ist für Rawls typisch, denn er scheute jede Geste, die nach Selbstgerechtigkeit roch. Es bereitete ihm aufrichtig Vergnügen, mit Kellnerinnen zu essen, für Aristokraten hatte er nur Verachtung übrig und fühlte sich in ihrer Gegenwart nicht richtig wohl, doch nie hätte er sich angemaßt, sich zum Vorbild für andere aufzuwerfen - auch nicht, wo es um die öffentliche Ablehnung eines Preises ging.

Nur für sehr wenige Menschen waren Worte und Taten so sehr dasselbe wie für Rawls. Er strahlte auch in alltäglicheren Handlungen ein demokratisches Ethos aus, das in Europa schwer vorstellbar ist. Angesichts der Debatte in Deutschland über Eliteuniversitäten möchte ich gern ein bisschen Polemik betreiben. Als besonderer Professor in Harvard - ein Lehrstuhl, der ihn von allen anderen Verpflichtungen befreite - war Rawls die crème de la crème de la crème. Aber seine Bescheidenheit war geradezu sprichwörtlich. Statt die Gelegenheit zu ergreifen, nichts anderes tun zu können, als seinen eigenen Forschungen nachzugehen, arbeitete er weiter mit Studenten und besuchte regelmäßig die Seminare seiner Kollegen - um, wie er sagte, von beiden lernen zu können. Die Aufsätze seiner Studenten las er stets zweimal, um auch wirklich sicher zu sein, dass er sie "gut genug versteht, um sie fair zu benoten". Am liebsten verglich er seine eigene Arbeit mit der eines Malers, dessen Bilder der von Rawls so geliebten Küste Maines die dortigen Fischer freundlich belächelten. "Armer Bursche", sagten die Fischer in der von Rawls gern erzählten Geschichte, "jeden Tag fuhr er raus und gab sich alle Mühe, aber er hat es einfach nie richtig hingekriegt." Nach Jahrhunderten professoraler Selbstgenügsamkeit erinnert uns ein amerikanischer Philosoph daran, dass das Wissen, dass man nichts weiß, das Kennzeichen eines wirklichen Philosophen ist.

Rawls war sicherlich eine Ausnahme, doch er verkörperte auf außergewöhnliche Weise ein merkwürdiges Phänomen. In den USA fehlen viele soziale Voraussetzungen dafür, dass alle Bürger am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen können, und dennoch ist der Umgang zwischen den Bürgern immer noch von einem demokratischen Geist beseelt, der in Europa so nicht herrscht. Deshalb kommt es an der berühmtesten Eliteuniversität der Welt zu einem zwangloseren und demokratischeren Austausch als an einer unbekannten europäischen Universität. Hin und her gerissen zwischen ihrer übertriebenen Hochachtung vor Titeln und Autoritäten und dem Unmut über ihre eigene Übertreibung fällt es vielen Europäern schwer, die demokratischen Haltungen einzunehmen, die ihre Institutionen ihnen ermöglichen.

Die oben skizzierten Gedanken müssen selbstverständlich noch entwickelt werden, doch selbst wenn mir alle Zeit der Welt zur Verfügung stünde, wären meine Thesen gewagt. Den Anfang gemacht habe ich mit Henry James´ "schrecklicher Last, sich zwischen Europa und Amerika zu entscheiden". In James´ Tagen mag die Last größer als heute gewesen sein, denn die Unschuld und Frische, die Amerika einst so anziehend machten, scheinen längst verbraucht. Und dennoch gibt es noch stets eine für Amerika spezifische moralische Sensibilität, mag sie auch nicht mehr so ungetrübt sein, wie sie James vorkam, eine Sensibilität, die sich durch eine Offenheit und ein demokratisches Ethos auszeichnet, das Europäern oft abgeht. Im Jahr 2004 muss die Vorstellung, Amerika könne irgendeine Führungsrolle in der Moralkultur einnehmen, nur provozierend wirken.

Aberwitzig aber wird es nur denen erscheinen, die den aktuellen amerikanischen Debatten nicht folgen. Die Folterbilder, die jetzt alle anderen Themen beiseite fegen, wurden von dem großen Sender CBS veröffentlicht, und die Forderungen nach Rumsfelds Rücktritt kommen aus ungewohnten Ecken. Die Wut und Empörung sind beispiellos - denn es sind nicht nur Menschen, die durch Folter und Demütigung geschändet wurden, sondern die Werte, an denen die Amerikaner festhalten wollen. Europäer werfen Amerikanern oft vor, sie würden mit moralischen Kategorien an eine Realität herantreten, die dafür viel zu komplex sei. Wären Europäer tatsächlich Kantianer, so wüssten sie, dass Wirklichkeit und Moral immer Gegenspieler sind; Aufgabe der Moral ist es, uns zu erinnern, dass das, was ist, nicht das ist, was sein sollte. Mit der Erinnerung an einige entschieden nicht-hobbesianische amerikanische Tugenden, die Rumsfeld und Kagan gern vergessen würden, habe ich nicht die moralischen Tugenden vergessen, die Europa zu bieten hat. Als Nicht-Europäerin möchte ich daran erinnern, was Europa heute in die Waagschale werfen könnte. Europäer sind eins im Bekenntnis zur sozialen Gerechtigkeit, die die Kluft zwischen Reich und Arm nicht so groß werden lässt; im Bekenntnis zu einer echten Demokratie, die nicht nur für eine Mindestausbildung sorgt, sondern die staatliche Finanzierung kultureller Einrichtungen einschließt, die den Menschen überhaupt erst die Mittel für eine aktive Bürgerbeteiligung an die Hand geben; sie sind eins im hart erkämpften Bekenntnis zur Konfliktlösung durch den Dialog statt durch Blutvergießen, im zunehmenden Engagement dafür, dass diese Werte nicht nur innerhalb der Grenzen Europas, sondern auch außerhalb Gültigkeit haben. Selbstkritik ist eine Tugend der Aufklärung - und Europäer sind darin besser als viele. Natürlich sind die Bekenntnisse nur unvollkommen verwirklicht, doch es fällt schwer, sich zwischen Afghanistan und Arkansas einen Ort vorzustellen, der es darin weiter gebracht hätte, moralisch den Ton anzugeben.

Wenn Europäer doch nur nicht so allergisch auf amerikanische Moraldiskurse reagieren und sich mit ihren Zweifeln lähmen würden! Ist die Hoffnung utopisch, dass die alte und die neue Welt immer noch voneinander lernen könnten?

Susan Neiman, geboren 1955 in Atlanta, Georgia, ist Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam. Sie lehrte Philosophie in Yale und an der Universität Tel Aviv. Zuletzt erschien von ihr: Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie im Frankfurter Suhrkamp-Verlag. Der hier abgedruckte Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung eines Vortrags, den Susan Neiman Ende März auf der Leipziger Buchmesse hielt.

00:00 21.05.2004

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