Den Krieg zeichnen

Ukraine Die Künstlerin Alewtyna Kachidse ist in Muzychi bei Kiew geblieben. Ihre Zeichnungen sind Dokumente eines Konflikts, in dem es um Land, Werte und Identität geht

Als am letzten Freitag im Februar die russischen Truppen Richtung Kyjiw drängten und absehbar war, dass dies kein schneller Krieg werden würde, blieb Alewtyna Kachidse in ihrem Studio in Muzychi, etwa 26 Kilometer westlich von der ukrainischen Hauptstadt. In dem Dorf hat Kachidse ein Haus mit Atelier und Künstler-Residency. Die 1973 geborene Künstlerin stammt aus der Bergbauregion um Donezk im Osten der Ukraine, ihren Heimatort verließ sie, um in der Hauptstadt Kunst zu studieren. Sie ist mit der russischen Sprache aufgewachsen, und ihre Mutter hielt nicht viel von den Protesten auf dem Maidan. Die Bruchlinien in der ostukrainischen Identität verlaufen uneindeutig.

Als damals die Demonstrationen gegen den pro-russischen Präsidenten Janukowytsch begannen, sah Kachidse die Barrikaden und ihr kamen die Tränen, denn sie wusste, es würde Gewalt geben. Später half sie in Krankenhäusern den Verletzten – und sie begann zu zeichnen. Das, so sagt sie, sei ein besonderer Zugriff auf die Welt. Jedes Detail wird wichtig.

Dabei wäre es verkehrt, ihre Kunst auf das tagebuchartige Abzeichnen der Wirklichkeit festzulegen, denn eigentlich ist Kachidse Konzeptkünstlerin. Sie erhielt eine Einladung zur Manifesta, der Biennale, die immer in einer anderen europäischen Metropole stattfindet – 2014 ausgerechnet in St. Petersburg, der alten Zarenhauptstadt. Sie erfand einen performativen Dialog. „Wem gehört die Krim?“, wurde in dem hallenden Auditorium der Eremitage gefragt, oder: „Warum sprichst du so schlecht Ukrainisch?“ Kachidse nahm wechselnde Standpunkte ein: als Maidan-Aktivistin, als Putin-Versteherin, alles Aussagen, mit denen sie sich zu jener Zeit Freunde und Feinde machen konnte. Mit Vergnügen lässt Kachidse politische und kulturelle Identitäten zusammenkrachen, und ihr ist daran gelegen, die großen Wahrheiten von Nation, Kultur und dem richtigen Standpunkt einzureißen. „Eine eindeutige Moral“, sagt sie, „wird von der Philosophie ständig infrage gestellt. Nur totalitäre Machthaber glauben an so etwas.“

Die Ukraine sei nun der Ort, an dem sich die Fragilität politischer Konstrukte beobachten lasse. In Muzychi arbeitet sie mit Kindern und trainiert ihre Vorstellungskraft – woran es in post-sowjetischen Gesellschaften so oft fehle, sagt Kachidse.

Jetzt, nachdem der brutale Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, erinnert sich Kachidse, wie sie an den Maidan-Protesten teilnahm und wie manche ihrer Freund*innen Steine geworfen haben. Sie nicht. Als Janukowytsch eines Morgens die Hauptstadt verließ, wusste sie, dass das nicht ihr Verdienst war. „Wann kann man sich Pazifismus erlauben?“, fragt sie.

Kachidse zeichnet weiter, auch im Krieg. Ihre Bilder zeigen eine Befragung von europäisch-aufklärerischen Konzepten, Kants Idee des ewigen Friedens, zum Beispiel. Oder ein Wesen, das auf weiß-blau-roten Ballettschuhen trippelt, ein Kopf (Tolstoi) blickt nach Osten, der andere (Dostojewski) nach Westen, während die russische Avantgarde die Kerzen hält und der Lyriker Joseph Brodsky als Kater um seine Beine streift. „Die Russische Kultur auf der Suche nach einem Alibi für Mord“, steht daneben. In diesem Krieg geht es auch um Identität und Werte. Eine anderes Bild zeigt Kachidse neben ihrem Haus in dem kleinen Dorf westlich von Kyjiw. Zwei Kolonnen russischer Panzer rollen auf die Hauptstadt zu. Die ukrainische Armee sei nicht eingezeichnet, ist da vermerkt – aus Sicherheitsgründen.

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