„Men“ ist mehr als woker Pseudofeminismus: Viele Männer, ein Gesicht

Kino Alex Garland treibt im Body-Horror von „Men“ sein Unbehagen am männlichen Machtstreben auf die Spitze
Harper (Jessie Buckley) ist auf der Suche nach der emotionalen Unabhängigkeit, die sie durch ihre toxische Beziehung verloren hat
Harper (Jessie Buckley) ist auf der Suche nach der emotionalen Unabhängigkeit, die sie durch ihre toxische Beziehung verloren hat

Foto: Kevin Baker/ Koch Films/ Men Film Rights LLC.

Es gibt viel Verstörendes in Alex Garlands neuestem Film Men. Wohl der prägnanteste Moment ist der, als sich zwei Blicke kreuzen: Ein Mann fällt von der Balkonbrüstung eines Hochhauses herab und im Fall blickt er in die Augen der Frau, die einen Stock tiefer aus dem Fenster schaut. Die Frau heißt Harper (Jessie Buckley), und der Mann, der seinem sicheren Tod entgegenrast, ist ihr Ehemann James (Paapa Essiedu). Einen Moment zuvor hat sie ihn nach einem gewaltsam eskalierten Streit vor die Tür gesetzt.

Es ist eine Szene, auf die Men mehrfach zurückkommen wird, da Harpers Gedanken fortan um ebendiesen Augenblick in all seinen grausigen Details kreisen. Kurz danach versucht sie bei einem Kurzurlaub in der Kleinstadt Cotson den Schrecken zu verarbeiten. Der Ausflug entwickelt sich jedoch zu einem Horrortrip, der mit seinem Fokus auf ein mysteriöses Naturidyll, auf Isolation und rätselhafte Riten zunächst an Folk-Horrorfilme wie Robert Eggers’ The Witch (2015) oder Ari Asters Midsommar (2019) erinnert.

Viele Männer, ein Gesicht

Bei seinem US-amerikanischen Start im Mai dieses Jahres stieß Men auf ein eher geteiltes Echo. Einen derart viszeralen Horrortrip hatte man von dem zuletzt auf Sci-Fi-Dramen abonnierten Garland nicht erwartet. Manche zeigten sich angenehm überrascht von der psychologischen Tiefe, mit der sich Men den Folgen emotionalen Missbrauchs widmet. Anderen stieß der Film als plumper Schocker auf, der auf der #MeToo-Welle reite und von pseudofeministischer Wokeness erfüllt sei.

Man kann das auf den zentralen Erzählkniff von Men zurückführen: Bei ihrem Aufenthalt in Cotson stößt Harper auf männliche Figuren, die alle, vom Schuljungen über den Polizisten bis zum Priester, das gleiche Gesicht haben (das von Rory Kinnear, der hier einen beeindruckenden darstellerischen Facettenreichtum zeigt). Die zunächst nur seltsam scheinenden Begegnungen entwickeln sich schrittweise zur konkreten Bedrohung für Harper, die sich beim Spazierengehen, im Pub und in ihrem Ferienhaus bald von zunehmend übergriffig agierenden Männern umzingelt findet.

Der Plot scheint passgenau auf den allgegenwärtigen Diskurs um toxische Männlichkeit zugeschnitten, aber die Auseinandersetzung mit Garlands Werk belegt, dass diesen schon länger das Unbehagen mit destruktiven männlichen Verhaltensweisen beschäftigt.

Garland begann seine Filmkarriere als Bestsellerautor: Sein international gefeiertes Romandebüt Der Strand (1996) wurde 2000 von Danny Boyle mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle verfilmt. In der literarischen Welt konnte er mit seinen folgenden Romanen nicht recht Fuß fassen, dafür schrieb er die Drehbücher zu zwei weiteren Filmen von Danny Boyle: für das postapokalyptische Zombie-Drama 28 Days Later (2002) und den Sci-Fi-Thriller Sunshine (2007). In beiden Filmen geht es darum, dass die Menschheit auszusterben droht.

28 Days Later erzählt von diesem Szenario durch die Augen von Jim (Cillian Murphy), der sich mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden durch das von der Zombie-Apokalypse erfasste Großbritannien schlägt. Nachdem sie militärische Funksignale empfangen haben, machen sie sich von London aus auf den Weg Richtung Norden, wo sie sich Schutz durch eine Soldatentruppe erhoffen. Doch dort angekommen wird Jim mit einem Rückfall ins Archaische konfrontiert: Major Henry West (Christopher Eccleston) erklärt ihm, dass er seiner unter schwindender Moral leidenden Truppe „Frauen versprochen“ habe und sie es deshalb auf Jims Weggefährtinnen Selena (Naomie Harris) und Hannah (Megan Burns) abgesehen hätten. „Denn Frauen bedeuten Zukunft“, erklärt ihm West, der die beabsichtigte Gefangennahme und Vergewaltigung von Selena und Hannah als folgerichtigen Schritt angesichts des drohenden Aussterbens der Spezies Mensch betrachtet.

Auch in Sunshine, angesiedelt im Jahr 2057, wird über destruktives männliches Gebaren innerhalb eines umfassenderen Bedrohungsszenarios reflektiert: Eine internationale Weltraumtruppe soll das Erlöschen der Sonne durch die Detonation einer Bombe inmitten des Planeten aufhalten. Doch gleich zu Beginn des Films kommt es zu einer Schlägerei zwischen Physiker Capa (wieder Cillian Murphy) und Ingenieur Mace (Chris Evans), die die Frauen an Bord mit genervtem Augenrollen über den „Überschuss an Männlichkeit“ im Raumschiff kommentieren. Die Rangeleien zwischen den Männern geraten erst dann in den Hintergrund, als ihr Plan von außen sabotiert wird – durch den Kapitän einer vorangegangenen Mission, der unter der Last der geplanten Weltrettung zusammengebrochen ist und sich fundamentalistischer Gottesehrfurcht verschrieben hat.

Kein Mitleid mit Maschinen

Gewaltsames männliches Machtstreben in Situationen von existenzieller Bedrohung und die damit einhergehende psychische Überforderung spielen auch in Garlands eigenen Regiewerken eine zentrale Rolle: Im eleganten Sci-Fi-Drama Ex Machina (2014) entwickelt der überhebliche Tech-Milliardär Nathan (Oscar Isaac) humanoide Roboter mit weiblichem Erscheinungsbild. Diese verfügen über ein eigenes Bewusstsein, trotzdem sei Mitgefühl mit diesen Kreaturen – wie er seinem Besucher Caleb (Domhnall Gleeson) erklärt – völlig unangebracht: „Irgendwann werden uns die KI rückblickend genauso sehen wie wir irgendwelche fossilen Skelette in der Wüste von Afrika: als aufrecht gehende Affen, die durch den Staub rennen, mit rudimentärer Sprache und Werkzeugen, dazu verdammt, auszusterben.“ Nathan kann mit der ihm schmerzlich bewussten Überlegenheit der von ihm geschaffenen künstlichen Intelligenz nur umgehen, indem er Macht über sie ausübt, sie sexuell ausbeutet und sich sicher wähnt, ihr Bewusstsein jederzeit durch das Löschen ihrer Festplatten zerstören zu können.

Auch Garlands überaus sehenswerte Sci-Fi-Miniserie Devs (der Freitag 35/2020) stellt einen entrückten Tech-CEO in den Mittelpunkt: Forest (Nick Offerman) arbeitet an einem gigantischen Algorithmusprojekt, das mithilfe einer 2.000 Jahre rückwirkenden Projektion belegen soll, dass der Lauf der Geschichte dem Determinismus unterliegt. Entwickler*innen, die diese Sichtweise anzweifeln, werden zur Strecke gebracht. Seine Technologie soll die menschliche Existenz neu definieren, gibt er vor – doch seine Projektpartnerin Katie (Alison Pill) entlarvt schließlich, worum es Forest wirklich geht: Mit dem Beharren auf der Vorherbestimmtheit aller Ereignisse versucht er vor allem, sich den Unfalltod seiner kleinen Tochter fernab eigener Schuldgefühle zu erklären.

Eingebetteter Medieninhalt

Treibt Garland also in Men das Thema männliches Machtgebaren einfach weiter auf die Spitze? Das wäre so kurz gegriffen wie der Befund, dass Garland mit Men, an dessen Plot er nach eigener Aussage 15 Jahre lang gearbeitet hat, plump den Anschluss an gegenwärtige Feminismus-Debatten versuche. Der Horror, den Harper in Men erlebt, wird zwar durchaus von männlichen (selbst)zerstörerischen Tendenzen verursacht, ist aber auch von einem anderen Motiv aus Garlands Filmen geprägt: der Bedeutung emotionaler Bindung angesichts existenzieller Bedrohung. Sowohl in 28 Days Later als auch in Ex Machina und schließlich in der Romanverfilmung Auslöschung (2018) wenden sich die Protagonist*innen trotz oder gerade wegen des drohenden Endes der Menschheit der Liebe zu. In Men hingegen droht das, was als Liebe begonnen hat, Harpers Psyche und Leben auszulöschen.

Inmitten des Grauens wartet Men – wie alle Filme Garlands – dabei auch mit einer Reihe von Momenten meditativer Schönheit auf: Prägnant-harmonische Bildkompositionen, eine vieldeutige Farbsymbolik und betörend mit Musik untermalte Landschaftserkundungen durchziehen den Film – bevor der letzte Akt seine verstörenden Horrorsequenzen voll entfaltet. Und immer wieder wird der Moment der sich kreuzenden Blicke von Harper und James reflektiert.

Jenseits seines viel diskutierten Body-Horrors entpuppt sich Men schließlich als Drama über eine Frau auf der Suche nach der emotionalen Unabhängigkeit, die sie durch ihre toxische Beziehung verloren hat. Aus dem bisherigen Werk Garlands sticht der Film hervor, weil er sich damit einem urmenschlichen Bedürfnis ganz ohne intellektuellen Sci-Fi-Überbau oder Apokalypsenszenario widmet, tiefgreifend und unvergesslich.

Men – Was dich sucht, wird dich finden Alex Garland Großbritannien/USA 2022, 100 Min.

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