Michael Suckow
Ausgabe 2217 | 14.06.2017 | 06:00

All diese Vatermörder

Kino Matti Geschonneck verfilmt Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“

All diese Vatermörder

Ein Film über das Ende der DDR? Eher ein Film über die Funktionärskaste

Foto: Hannes Hubach/X Verleih AG

Der Film In Zeiten des abnehmenden Lichts ist ausgeklügelt besetzt. Wir sehen Bruno Ganz und Sylvester Groth in Hauptrollen, eine Angela Winkler aber in einer Nebenrolle. Wir sehen international bekannte Gesichter wie das der israelisch-russischen Darstellerin Evgenia Dodina. Wir sehen Schauspieler, die nach Typ besetzt wurden, wie Gabriela Maria Schmeide und Thorsten Merten, beide aus Andreas-Dresen-Filmen bekannt.

Als Schauspielerfilm funktioniert das Kammerspiel – Wolfgang Kohlhaase hat die Handlungen des gleichnamigen weitverzweigten Romans von Eugen Ruge auf einen einzigen Tag im Herbst des Jahres 1989 verdichtet. Spannung wird erzeugt in einem Setting, das sich äußerlich als das verlegene, gelangweilte, heuchlerische Herumstehen von Leuten auf einem steifen Jubiläumsempfang zeigt. Es sind die Typen, die unsere Schaulust wecken und Affekte hervorrufen. Der ABV, die Arbeitervertreter, die Pionierleiterin, das Nachbarsehepaar aus der privilegierten Wohngegend, die kleinen Parteifunktionäre, Dienstpersonal. Alles Protagonisten in vielen kleinen Komödien und einem großen Drama.

Keine Filmmusik überdeckt die Geräusche beim Treppensteigen, Schranköffnen, Geschirrklirren in einem Haus, das ebenso ein Akteur der Handlung ist. Hier ist die Metapher von der Wohnung als dritter Haut des Menschen wörtlich genommen. Die Protagonisten stecken nicht nur in ihren strengen Anzügen mit den Orden und Parteiabzeichen, den formellen Kleidern, sie sind auch in den gebauten Hüllen ihrer Häuser gefangen, deren Verfall längst eingesetzt hat. Und wichtig auch die Requisiten: Gläser mit eingelegten Gurken, Teetassen, ein präparierter Leguan – und der „Nazi-Tisch“, ein Monstrum von Ausziehtafel, das zum Gegenstand einer regelrechten Slapstick-Nummer wird.

Ein Film über das Ende der DDR, über die Agonie einer Idee? Eher ein Film über die Funktionärskaste. Über die großen Sekretäre und die kleinen Büttel. Über die bildungsbürgerlichen kulturellen Ingredenzien und die zugleich hofierten und verachteten proletarischen Relikte.

Der Film karikiert das eine, dramatisiert das andere. Und er zeigt in all dem Stumpfsinn, den Alexander, der Enkel, hinter sich lassen will, den erst Markus, der Urenkel, qua später Geburt hinter sich lassen kann, noch einen winzigen Rest von handfester revolutionärer Tatkraft. Wilhelm (Ganz), der 90-jährige Jubilar, schlägt Nägel in den Ausziehtisch, den er einst mit der Villa übernommen hatte, denn: „Das ist ein Nazi-Tisch.“ Er schlägt wütend grobe Nägel in diesen Tisch, der auch ein Symbol seiner eigenen Situation ist: freiwillig gefangen in einem erstarrten System, das dem ähnelt, das er einst mit revolutionärer Gewalt zu zerstören versuchte.

In Zeiten des abnehmenden Lichts ist ein Film über das Altern, über scheiterndes Leben, den bitteren Blick zurück auf das Eigene, das vorbei geht, das nun vorbei ist, in das man geworfen war, das man doch in die eigenen Hände nehmen wollte. Aber ein Leben hängt mit allen Leben zusammen. „Ich hätte gern ein anderes Leben gehabt“ sagte Hildegard Schmahl als Lotti.

Niemand hat das Leben, das er haben will. Die Frauen noch weniger als die Männer. Deshalb flüchten sie alle, trinken, begehen Gattenmord, denken an Vatermord. Auch die weglaufenden Kinder, die DDR-Wenderevolutionäre, darin den West-68ern ähnlich – ein Haufen Vatermörder. Eine heroische Illusion. Denn, so Thomas Brasch: „Vor den Vätern sterben die Söhne“.

In Eugen Ruges Roman kommen die Söhne an die Punkte, an denen die Väter schon waren. Aus verlassenen Söhnen werden flüchtende Väter.

Info

In Zeiten des abnehmenden Lichts Matti Geschonneck D 2017, 100 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/17.