Alle brauchen einen Traum

Erzählknäuel In seinem Roman "Istanbul war nur ein Märchen" öffnet Mario Levi eine etwas vollgestopfte Erzählkommode

Der Trend zum Großbuch scheint sich unaufhaltsam fortzusetzen. Einer editorischen Anmerkung ist zu entnehmen, dass die 1999 in einem Istanbuler Verlag erschienene Originalausgabe von Mario Levis Roman Istanbul war nur ein Märchen für die deutsche Übersetzung, die immerhin knapp 850 eng bedruckte Seiten umfasst, extra noch gekürzt wurde. Es soll aber nicht allzu boshaft klingen, dass man sich gewünscht hätte, das deutsche Lektorat wäre noch etwas mutiger gewesen und hätte manch wilden Trieb dieser literarischen Rank- und Schlingpflanze entschlossener gekappt. Denn der bei uns bislang noch nicht in Erscheinung getretene türkische Autor Mario Levi, 1957 in Istanbul geboren und dort als Kommunikationswissenschaftler an der Universität tätig, gehört nicht zu jenen strengen Kollegen, denen erzählerische Ökonomie über alles geht. Vermutlich liebt Levi das Dominospiel, so wie er eine Geschichte in die nächste kippen lässt und diesen Effekt bis ins Letzte auskostet.

Auf den ersten Blick scheint der Roman wie ein großes Drama aufgebaut zu sein, eingeleitet von einer Art Register, das 47 handelnde Figuren knapp und leicht ironisch charakterisiert und dann in ein vielstimmiges Erzähl- und Sprechtheaterstück mündet. Doch sofort beginnen sich sämtliche angedeuteten Ordnungsprinzipien in alle Richtungen zu zerstreuen und aufzulösen; weder die Kapitelüberschriften noch der vage Erzählrahmen tragen dazu bei, die Fülle des Stoffes und den Mitteilungsdrang des Erzählers zu bändigen. Der Roman erscheint wie eine altmodische Erzählkommode mit vielen Schubladen, in denen es zuweilen höchst interessantes und unterhaltsames Spielzeug zu finden gibt, meist aber sind sie entweder zu voll gestopft, so dass man sie gar nicht öffnen kann, oder sie gaukeln lediglich Bedeutung vor und sind einfach nur leer.

In einer Vorbemerkung spricht der Erzähler von einer ehemaligen Geliebten und schwärmt von ihrer tiefen Beziehung: "Was ich mit ihr erlebte, war ein kreatives Sterben, wenn man so sagen kann." Dass diese Dame sich dann als "Schwermut" entpuppt, macht die Sache nicht einfacher. Auch wenn sie angeblich mit ihrer Art alle guten Eigenschaften dieses Mannes hervorgelockt hat, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Beziehung nicht unbedingt jedermann begeistern wird.

In den nun folgenden Lebensgeschichten spiegeln sich viele Schicksale; ein orientalisches Kaleidoskop entsteht, das die Schicksale des "menschlichen Treibguts" (Friedrich Hollaender) dieser Stadt reflektiert und in seinem großzügigen Erzählraum inventarisiert. Hier wird viel geraunt und angedeutet, geheimnisvoll über "Hoffnungen, Enttäuschungen, kleine Freuden" räsoniert. Häufig ist in diesem Erinnerungstext die Rede von Flucht und Verlust, von Suchen und Bewahren, Aufbrüchen und Fremdheiten. Krieg, Verbannung und Asyl, Todes- und Konzentrationslager sind wiederkehrende Signalwörter - der Autor will einen Roman des letzten Jahrhunderts liefern, bewusst in dieser Grenzstadt zwischen Orient und Okzident angesiedelt, in der Juden, Osmanen und Christen mit- und neben einander leben.

"Wenn auch die Leben nicht immer unsere Leben gewesen waren, so waren die Toten doch unsere Toten." Für Muhittin Bey ist das Leben nur ein schlechter Scherz, Estrella war vorübergehend in einem anderen Leben zuhause, und Olga aus Riga hatte gelernt, "was es heißt, Abschied zu nehmen, durchzuhalten und zu verlieren". Es geht Levi offenbar darum, von Möglichkeiten zu erzählen, die eigene Identität zu bewahren. Meistens handelt es sich um jüdische Identitäten und Schicksale: "In Istanbul, wo es zu jener Zeit nur wenige Automobile gab und wo die Einwanderer aus anderen Ländern neue Lebensformen einführten, die Stadt veränderten, war ein langsamer, sehr langsamer, vielgestaltiger Verfall zu beobachten."

Die Istanbuler Juden sprechen zwar auf der Straße noch jiddisch, doch der Schein trügt. Spätestens mit den Pogromen von 1955 gegen Christen und Juden geht ein Zeitalter zu Ende. Was soviel heißt wie "ein verlorenes Leben zu suchen und - unabhängig vom Finden - die Hoffnung nicht zu verlieren; es hieß, die Zugehörigkeit zu einer Vergangenheit zu bewahren, zu einem Ort, zu einzelnen Menschen". Levi erzählt vom Schneider Mozes Bronstein und der kleinen Frau aus Riga, die ihren Sohn Jacob auf der Flucht in Alexandria zurückgelassen haben, wo dieser prompt kriminell wird und schließlich nach Amerika geht; von Henri Moskowitsch, der wie Valentino aussieht und ein Herzensbrecher ist; von Onkel Kirkor, einem Armenier, der im Laden von Monsieur Jacques arbeitet, bei einem Arbeitsunfall seinen Arm verliert und die hinkende, leider etwas liederliche Ani heiratet; vom Verwandlungskünstler Sedat, der einen plötzlichen Herztod erleidet, dem Wiener Offizier Schwartz, der sein Gedächtnis verloren hat, dem Lotsen Carlo, der nur auf dem Wasser leben kann und Madame Roza aus Trakien, die immer alles ertragen hat. Alle brauchen einen Traum, pflegen gefährliche Liebschaften und geheime Sehnsüchte, um zu überleben. Und wenn dieser Traum nur eine kleine Pension im Süden ist, die sich Sükrün erhofft und dafür auf den Strich geht. In der Stadt am Bosporus enden manche Erzählungen nie, weil auch die Träume nicht in Erfüllung gehen.

Das ist im Grund ein apartes Erzählkonzept, nur hat es Mario Levi etwas übertrieben mit den Märchen und Erinnerungen, damit wir verstehen, was es zu verstehen gibt. Es zieht sich mit all den langen Tagen und Nächten, und manches anekdotische Juwel wird im Garn des Erzählknäuels erstickt. Levi ist immer da am besten, wo er konkrete kleine Geschichten erzählt, und da am langweiligsten, wo er die Welt anschaut und über sie nachdenkt. Man möchte an den Uhrmacher aus Odessa erinnern, der nie seine Stadt verlassen hatte, dafür aber in seiner kleinen Welt einen Ort erreicht hatte, den sonst keiner erreicht hatte. Wenn Levi dieser Einsicht gefolgt wäre und seine Mitteilungsfreude seiner Bescheidenheit untergeordnet hätte, dann müsste am Ende des Romans auch nicht der Wunsch stehen: "Erzähl mir eine wahrere, realere, ‹unbeschützte› Geschichte... Erzähl ... Erzähl ... Erzähl"-

Mario Levi Istanbul war ein Märchen. Roman. Aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas und Hüseyin Yurtdas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 845 S., 24,80 EUR

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