Alle, die ich treffen durfte

Kino „Daniel Schmid – Le Chat qui pense“: Pascal Hofmann und Benny Jaberg dokumentieren das Leben eines Autorenfilmers

Auf die gängige Frage, warum er Filme mache, hat Daniel Schmid einmal geantwortet: „Um weniger allein zu sein“. Aus dem Mund vieler anderer Regisseure würde man eine solche Aussage schulterzuckend als Anbiederung abqualifizieren, bei Schmid aber merkt man auf. Gleich aus zwei Gründen: Zum einen mag man kaum glauben, dass dieser hochgewachsene, blendend aussehende Mann es nötig gehabt haben sollte, den Umweg über das Filmemachen zu beschreiten, um aus seiner Einsamkeit herauszufinden. Zum anderen, weil wir es gewohnt sind, uns die Vertreter des Autorenkinos als glückliche Alleinherrscher vorzustellen. Ging es ihnen denn nicht gerade darum, statt als Rädchen im Getriebe einer Filmproduktion funktionieren zu müssen, als auteur über einen künstlerischen Gesamtprozess selbst entscheiden zu können? Und war deshalb das Alleinsein nicht gewissermaßen das erstrebte Ziel eines jeden Autorenfilmers?

Der Schweizer Filmregisseur Daniel Schmid war eben ein bisschen anders. Vor vier Jahren im August erlag er im Alter von 64 einem Krebsleiden. Noch zu seinen Lebzeiten, so erfahren wir gleich zu Beginn des Dokumentarfilms Daniel Schmid – Le chat qui pense, entstand die Idee, mit Pascal Hofmann und Benny Jaberg einen Film zu machen. Es sollte ein Gemeinschaftsprojekt werden, ein Film nicht über Schmid, sondern mit ihm, betonen Hofmann und Jaberg in ihrem Off-Kommentar. Schmids verfrühter Tod hat das Vorhaben notwendig verändert. Das Bedauern darüber ist dieser Dokumentation genauso eingeschrieben wie die Weigerung, vom ursprünglichen Konzept ganz abzuweichen. Das Resultat ist ein gleichermaßen zwiespältiger wie interessanter Film: Weder ist er das, was die Autoren wollten, noch bietet er dem Zuschauer das, was er von einer Dokumentation über Schmid erwartet. Trotz dem allzu monoton und knapp gehaltenen Kommentar und einer dürren chronologischen Erzählweise, gibt der Film mit all seinen Interviewpassagen, Zeugenaussagen, Filmausschnitten und Archivmaterialien aber eine Fülle von Denkanstößen nicht nur zum Werk und zur Person Daniel Schmids, sondern gleichzeitig zur Geschichte des Autorenkinos und einer ganzen Generation.

Während Hofmann und Jaberg sich mit dem trauernden Blick der Hinterbliebenen auf Schmid konzentrieren, kommt heraus, wie stark Schmid selbst sich an anderen orientierte. 1999 wurde er auf dem Filmfestival in Locarno für sein Lebenswerk ausgezeichnet; als er den Preis entgegennahm, dankte er allen Menschen, die er je getroffen hat und betonte eigens: „nicht nur Mama und Papa – allen!“ Dass Schmids Leben im Wesentlichen aus Begegnungen bestand, führt Hofmann und Jabergs Dokumentarfilm vor Augen, ohne dass die Autoren es auf den Begriff bringen würden. Für den Cinephilen aber wird der Film zu einer wahren sentimental journey: Da gibt ein vitaler Werner Schroeter (verstorben im April diesen Jahres) mit der ihm eigenen Schnoddrigkeit Auskunft über den Schweizer Kollegen, mit dem ihn vieles verband. Ausschnitte aus Schmids Hécate zeigen einen jugendlichen Bernard Giraudeau (Mitte Juli verstorben). Ganz zu schweigen von den schon länger Vermissten wie Douglas Sirk, Rainer Werner Fassbinder. Am schönsten aber sind die Archivaufnahmen, in denen man Schmid selbst reden hört: stets klug und bedächtig, immer uneitel und offen. Man ist froh, dass man ihm wenigstens auf diese Weise noch begegnen kann.

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16:30 01.09.2010

Ausgabe 39/2020

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markisen | Community
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