Alle lieben Königin Beatrix

Niederlande Schockwirkung: Nach dem Anschlag von Apeldoorn steigt in den Niederlanden die Zustimmung zur Monarchie. Verlierer ist die demokratische, republikanische Bewegung

Es sind keine leichten Zeiten für Gegner der Monarchie. "Lasst eure Pfoten von Beatrix!" stand in einer der Zuschriften, "wir werden euch finden" in einer anderen, und eine Frau zog das Fazit: "Da sieht man mal, wozu Republikaner im Stande sind." Eine Anzeige wegen Anstiftung zum Hass, emotionale Ausbrüche und "vor allem viele Ausrufezeichen" - so fasst Bob Elbracht, Publizist und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Thinktanks Pro Republica, die Hassmails und Anrufe zusammen, die die zugehörige "Neue Republikanische Genossenschaft" zuletzt empfing. Dabei setzen sich Elbracht und seine Mitstreiter nur "mit Stiften und Worten" für die Ausrufung einer Republik ein und keineswegs gewaltsam. Doch in der orangen Welle, die die Niederlande nach dem "schwarzen Königinnentag" ergriffen hat, scheint der Schock den Blick für solche Nuancen verstellt.

Überraschend kommt es da nicht, wenn das Haus Oranje-Nassau in Umfragen Sympathierekorde einfährt. Kurz nach dem Anschlag bekannten 81 Prozent ihre Sympathie für Königin Beatrix, unmittelbar vor den Ereignissen taten das nur 72 Prozent. Dass sie "nahe beim Volk" stünde finden nun 44 statt zuvor 30 Prozent. Die aktuelle Zustimmung zur Monarchie geht gar gegen 90 Prozent. Die Gretchenfrage ist daher auch nicht mehr die nach der Staatsform, sondern nach Befugnissen und Personalien.

Immerhin ein knappes Drittel der Niederländer ist der Meinung, die königliche Familie solle nur noch eine rein zeremonielle Funktion haben. Und vor den Feiern von Apeldoorn hatten sich selbst seriöse Zeitungen an Spekulationen beteiligt, wann wohl die Zeit reif sei für eine Machtübertragung auf den Thronfolger Prinz Willem Alexander. Bob Elbracht gab zwar zu bedenken, weder das Ausmaß öffentlicher Trunkenheit am Königinnentag noch das Mitleid für die königliche Familie sprächen für Monarchietreue. Doch dass große Teile der Bevölkerung sich hinter den Oranjes scharen, zeigt, dass die Emotionen eben doch in Zustimmung umschlagen.

"Die Niederlande wurde in ihrer Seele getroffen"

Auf dem Kamm dieser Welle reiten zur Zeit die zahlreichen Oranjevereinigingen, die in den meisten Orten des Landes die Feierlichkeiten zum Königinnentag vorbereiten. Michiel Zonnevylle, nationaler Vorsitzender der Organisation, wählt die gleichen Worte wie Ministerpräsident Balkenende, um den Effekt der Bluttat zu beschreiben. "Die Niederlande wurden in ihrer Seele getroffen." Dahinter steckt nicht allein Rhetorik. Zonnevylle führt die enorme politische Zweiteilung der Niederlande ins Feld, um die Stellung des Königshauses zu erklären. Tatsächlich spaltet der latente Konflikt zwischen der lange dominanten sozialliberalen Strömung und dem starken konservativen Rollback das Land. Er schafft Raum für den Wunsch nach Gemeinschaft, den die Oranjes ausfüllen. "Die Abscheulichkeiten von Apeldoorn verstärken diesen Effekt noch", analysiert Zonnevylle.

Noch in den 1980er Jahren war die Frage Monarchie oder Republik keineswegs deutlich zu beantworten. Gerade die Königin wird sich daran erinnern, dass ihr Einstand auf dem Thron 1980 die schwersten Aufstände der niederländischen Geschichte nach sich zog. "Keine Wohnung, keine Krönung", so lautete das Motto, als auf dem Höhepunkt der Amsterdamer Häuserkämpfe die Krakers das Großereignis zum Anlass für einen landesweiten Tag der Hausbesetzungen nahmen. Unterstützung bekamen sie dabei nicht nur aus der autonomen Szene. Der sozialdemokratisch-katholische Volkskrant schrieb: "All zu oft hat Oranjegetöse wie eine Decke über gesellschaftlichen Konflikten gelegen." Nach der Amokfahrt von Apeldoorn ließ die gleiche Zeitung verlauten, eine nationale Illusion sei kaputt gegangen, und ein Kommentator seufzte, die Oranjes beim Bad in der Menge werde man wohl nicht mehr erleben.

Nicht nur die Koordinaten der politischen Debatte haben sich grundlegend verändert. Die Popularität des Königshauses geht auch auffallend einher mit einer tiefen Legitimationskrise der traditionellen Parteien und ihres Personals. Teilweise wird diese durch Populisten ausgeglichen, die mit harter Hand und einfachen Lösungen Dauerkonjunktur haben. Das Königshaus steht daneben für die Bedürfnisse des Gemüts und den Mythos des alten Holland. Dass sich in Extremsituationen der beschriebene Schulterschluss einstellt, erscheint einleuchtend. Gerade weil, schreibt die protestantische Regionalzeitung Friesch Dagblad, die Königin das eigentliche Ziel des Anschlags war, sei sie nun das "nationale Zentrum der Gefühle". In den gleichen Kreisen zeichnet sich inzwischen auch eine gewisse Demokratiemüdigkeit ab. Weiterhin argumentiert die Zeitung, die emotionale Bindung zu gewählten Volksvertretern sei schon wegen der absehbaren Amstzeit zwangsläufig schwächer.

Die republikanische Bewegung wird sich gedulden müssen. Dabei bemängeln Kommentatoren noch immer den sehr reellen politischen Einfluss der Oranjes. Den Informateur genannten Vertrauensmann, den das Königshaus nach Wahlen anstellt, eine Koalition auszuhandeln. Die wöchentliche Zusammenkunft der Monarchin mit dem Ministerpräsidenten. Die Tatsache, dass jedes neue Gesetz den Hof passieren muss. Der – nicht stimmberechtigte – Sitz im Staatsrat, der dem Kabinett beratend zur Seite steht. Oder die Kosten von Hundert Millionen Euro pro Jahr, die das "Puppentheater" die Steuerzahler kostet. Mehr als rituell ist diese Kritik für die meisten aber nicht mehr. Noch weniger seit Apeldoorn.

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13:07 15.05.2009

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