Bettina Hartz
Ausgabe 2114 | 27.05.2014 | 06:00 17

Alle Macht von oben

Vermögen Wie schaffen es die Superreichen bloß, dass ihnen keiner etwas kann? Jens Berger versucht, das in "Wem gehört Deutschland" zu erklären

Alle Macht   von oben

Bild: AFP

E r lässt Populistisches erwarten, der reißerische Titel des Buches Wem gehört Deutschland? Aber gleich im ersten Absatz stellt Jens Berger klar, dass es ihm nicht um einen Beitrag zur Neiddebatte geht. Der Autor weiß: Diesem Vorwurf sieht sich jeder ausgesetzt, der sich mit Verteilungsgerechtigkeit und Vermögensfragen beschäftigt, die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und den Status quo kritisiert – und dabei nicht der Schicht der Vermögenden angehört. Aber wer gehört schon dazu?

Damit sind wir mittendrin. Jens Berger, freier Journalist und Blogger, Beiträger für die NachDenkSeiten, sah sich gleich zu Beginn seines Vorhabens, eine Antwort auf die Frage zu finden, wem was in Deutschland gehört, mit dem Problem konfrontiert, dass es zwar zu den unteren und mittleren Einkommensgruppen valide statistische Erhebungen gibt, nicht aber zu den Vermögenden.

Unvorstellbare Zahlen

Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Bundes und der Länder (EVS), alle fünf Jahre vom Statistischen Bundesamt und den Statistischen Ämtern der Länder durchgeführt, stützt sich auf 60.000 ausgewählte Haushalte, die Teilnahme ist freiwillig und wird mit 60 Euro honoriert. Es ist unwahrscheinlich, dass sich jemand mit nennenswerten Einkünften daran beteiligt, und das geben die Ämter indirekt selbst zu, werden doch monatliche Nettoeinkommen oberhalb von 18.000 Euro in den Statistiken nicht berücksichtigt, da sie die Repräsentativität verzerren würden. Und der jährlich durchgeführte Mikrozensus, an dem immerhin ein Prozent der Haushalte verpflichtend teilnimmt, stellt überhaupt keine Fragen zum Vermögen.

Die Datenlage ist also schlecht. Berger musste für seine Analyse nicht nur akribisch Statistiken vergleichen, die auf je eigenen Berechnungsgrundlagen fußen, sondern diese auch zu großen Teilen erst mal selbst erstellen. Das geht nicht ohne Schätzungen; insbesondere beim obersten Prozent lässt sich nur indirekt, durch Hochrechnungen aus Dividendenzahlungen etwa, halbwegs verlässliches Zahlenmaterial generieren. Bleibt als erster Befund: Über Einkünfte und Vermögen im oberen Viertel ist sehr wenig bekannt. Und das ist kein Zufall.

Denn die Zahlen, die durch Bergers indirekte Methode zusammenkommen, grenzen ans Unvorstellbare. Seinen Berechnungen zufolge verfügt das oberste Prozent über fast die Hälfte des gesamten deutschen Nettovermögens; zwei Drittel gehören den oberen zehn Prozent. Und diese Ungleichverteilung betrifft alle Vermögensarten: Geldvermögen, Immobilien, Betriebskapital. Bei Letzterem gehören den oberen zehn Prozent sogar 92 Prozent.

Selbst wenn man diese Zahlen als übertrieben ansähe (Berger vermutet allerdings das Gegenteil), ist offensichtlich, dass von einer Verteilungsgerechtigkeit nicht die Rede sein kann. Dieser Zustand ist politisch gewollt, und es wird nichts dagegen getan, im Gegenteil. In den letzten beiden Jahrzehnten hat eine ganze Reihe politischer Maßnahmen die Entwicklung hin zur Vermögenskonzentration bei wenigen und zum Vermögensabbau bei vielen forciert – dazu gehören die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010, die dazu führten, dass kleine Vermögen aufgelöst werden mussten und in die Sozialsysteme flossen und dass die Zahl der prekär Beschäftigten rapide anstieg. Sowie: die Aussetzung der Vermögenssteuer und die Abschaffung der Gewerbeertragssteuer, die Absenkung der Kapitalertragssteuer, der Körperschaftssteuer und des Spitzensteuersatzes sowie die Erhöhung der Freibeträge bei der Erbschaftssteuer; die Erhöhung der Mehrwertsteuer; die Erhöhung der Sozialabgaben auf Arbeitnehmerseite bei gleichzeitigem Zwang zur privaten Vorsorge; die Privatisierung öffentlichen Vermögens an Immobilien, Krankenhäusern, Stadtwerken et cetera.

Dass dies keineswegs irgendwelchen Gesetzen des Marktes geschuldet war, sondern den Interessen einer kleinen Gruppe von Vermögenden diente, zeigt Berger durch seine Analyse der Vermögensstruktur: Gleich welches Vermögenssegment er untersucht, er stößt immer auf dieselbe Gruppe von etwa 500 sehr potenten Besitzenden – diese bilden inzwischen eine Parallelgesellschaft, die ihre gegen die der Mehrheit gerichteten Ziele effizient umzusetzen weiß: mithilfe von Thinktanks, die auffällig oft durch eigene Familienstiftungen finanziert werden; durch Parteispenden; durch die Medien (sämtliche großen Tageszeitungen, viele Wochenzeitungen und Privatsender befinden sich im Besitz von Familien mit einem mindestens dreistelligen Millionenvermögen).

Erst mal eine Basis

Vermögen bedeutet Macht, und dass sich die Macht der Superreichen nicht nur materiell ausdrückt, sondern auch in Ideen und Meinungen, zeigt sich im Alltag – bei jedem Einzelnen. Die meisten von uns handeln, kommunizieren, wählen gegen ihre Interessen. Die Mittelschicht unterliegt dem Selbstbetrug, sich zur Oberschicht zugehörig zu fühlen und unterstützt eine Politik, die den Eliten dient und die Unterschicht links liegen lässt. Sie unterwirft sich dem Denken von Effizienzsteigerung, Kostensenkung, Privatisierung, obwohl sie dabei verliert, anstatt sich für eine höhere Staatsquote oder solidarische Sozialsysteme einzusetzen.

Jens Berger hat mit seinem Buch eine Basis geschaffen, um über Vermögens- und Verteilungsgerechtigkeit überhaupt erst diskutieren zu können. Am Ende macht er 16 Vorschläge für den Weg hin zu einer gerechteren und stabileren Gesellschaft. Die überall entstehenden Graswurzelbewegungen, die in Baugruppen oder Energiegenossenschaften aktiv sind, zeigen, dass der Wille zu einem anderen Leben und Wirtschaften da ist. Er widersetzt sich der geschürten Angst vor dem Weniger, die die Gier nach dem Immer-Mehr produziert. Um einen wirklichen Wandel herbeizuführen, reicht dieser Wille jedoch nicht aus. Hierzu bedarf es einer Politik, die dem Gemeinwohl und nicht nur dem einer kleinen Minderheit dient, also einer anderen Sozial- und Steuergesetzgebung. Die 16 Punkte von Jens Berger wären ein Anfang.

Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen Jens Berger Westend Verlag 2014, 256 S., 17,99 €

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 21/14.

Kommentare (17)

Peinhard 27.05.2014 | 12:55

"Dass dies keineswegs irgendwelchen Gesetzen des Marktes geschuldet war, sondern den Interessen einer kleinen Gruppe von Vermögenden diente..." - könnte es nicht eventuell auch so sein, dass die 'Gesetze des Marktes' selbst ganz einfach 'den Interessen einer kleinen Gruppe von Vermögenden dient', dass es dieses implizierte entweder/oder so gar nicht gibt? Es gab da ja schließlich mal so Theorien...

Denn er stößt zwar "immer auf dieselbe Gruppe von etwa 500 sehr potenten Besitzenden – diese bilden inzwischen eine Parallelgesellschaft, die ihre gegen die der Mehrheit gerichteten Ziele effizient umzusetzen weiß" - man darf sich aber doch auch fragen, ob das in der Geschichte des Kapitalismus denn je anders war? Finden wir denn nicht schon im England des 17. Jahrhunderts im Grunde die gleichen Einflußstrukturen, hat sie nicht auch schon Adam Smith thematisiert und vor ihnen - offensichtlich vergeblich - gewarnt?

Die 'sozialliberale' Fraktion macht im Grunde das gleiche Faß auf wie die 'marktradikale' Kapitalfraktion auch - den angeblichen Gegensatz von Politik und Wirtschaft, von Markt und Staat. Nur fordern sie eben Regulierung, wo die andere gerade - und in letzter Zeit ohne Zweifel besonders erfolgreich - Deregulierung forderte, also das möglichst ungehinderte Wirken der 'Marktgesetze' - denen aber diese Entwicklung dann doch nicht geschuldet sein soll?

Beide vergessen eins, oder wollen es vergessen machen - wir leben nicht in irgendeiner idyllischen 'Marktwirtschaft', in der freie Subjekte aus freien Stücken freien Austausch pflegen. Vielmehr gibt es eine entscheidende Bedingung - wenn dabei das Kapital nicht wächst, unterbleibt nicht nur der Tausch, sondern schon die Produktion.

Das wußte auch der Staat schon immer, selbst wenn es seinen Protagonisten vielleicht nicht immer klar war. Und er trug und trägt dem Rechnung, den ganzen langen Konzentrationsprozess hindurch. Der nicht nur die Vermögen betrifft, vielmehr läuft auch die weltweite Reproduktion heute unter der Herrschaft nur noch einiger weniger Konzerne ab, und natürlich ist genau da auch das Kapital, auf das es hauptsächlich ankommt.

Nun kenne ich zugegebenermaßen die 16 Punkte des Herrn Berger nicht, nehme aber doch mal an, dass die Abschaffung des Kapitalverhältnisses da nicht auf der Agenda steht...?

Daniel Uxa 27.05.2014 | 21:05

Es gibt übrigens auf youtube ein recht ausführliches Interview mit Herrn Krysmanski, sehr empfehlenswert, das .... ach verdammt, den Namen darf ich hier nicht schreiben, oder? Das Interview hat der Antichrist geführt, der Belzebub, der Unaussprechliche ohne Namen ... ach verdammt, was soll´s, also Ken Jebsen hat es geführt. Zum Glück ist der Krysmanski als Marxist sicher zunächst unverdächtigt, ein Neurechter Verschwörer zu sein. Wer Jebsens Stimme nicht ertragen kann, hält sich einfach bei den Fragen die Ohren zu und lauscht nur den interessanten Antworten.

knattertom 27.05.2014 | 23:56

Ja, auch interessiert gelesen......, aber auf Punkte zu verweisen, die dann nicht mal auszugsweise genannt werden, klingt eher wie Promotion für das Buch......, das, wenn es der Inhalt wirklich hergibt, auch ohne eine solche seine Käufer finden wird.

In diesem Zusammenhang verweise ich auch gern mal wieder auf Bernt Engelmann, seine Bücher aus den 70ern findet man auch gern mal auf Flohmärkten.

Da, wie hier beschrieben wird, auch Jens Berger für sehr lange Zeit keine nennnenswerten Verteilungsveränderungen feststellen kann, sollte einiges des Inhalts auch heute durchaus noch interessant sein.

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Ehemaliger Nutzer 29.05.2014 | 15:16

Das Problem wird sich schon bald lösen. Die Börsen, sind heute an dem Punkt, wo damals die Tulpenzwiebeln auch waren, bevor die Sache zusammenbrach. Ein Börsenrelevantes Ereignis könnte reichen. Die Börse, scheint wohl so bestimmte Grenzen zu kennen, die sie überschreiten muss, um sich wieder beruhigen zu können. Schon zweimal, war es beim DAX, die Achttausender Grenze, (Beim Nemax sogar die Neuntausender Grenze). Diesmal, wird es wohl die Zehntausender Grenze sein.

Im Unterschied zu 2009, wird es diesmal wohl richtig krachen. Die USA und die EU, sind dermaßen überschuldet, das sie kaum eingreifen können. Es ist zu befürchten, das es diesmal, wie bei den Tulpenzwiebeln kommt. Dann aber, erledigt sich auch das Problem mit den reichen 500. Die Börse, ist brutal. Dort löst sich Geld in Luft auf, was es dort auch weitestgehend immer war und nur mit viel psychologischem Geschick, als "tatsächliches" Geld ausgewiesen werden konnte. Ob diese 500, es aber dann nochmal schaffen, diesen Stand einzunehmen, den sie bis jetzt hatten, bleibt abzuwarten.

Es ginge auch anders. Die EZB (Fed), brauchte nur als Konkurrent zu den Banken, in der Ökonomie auftreten, und über den Zinssatz, echten Wettbewerb aufzubauen, der dann zu einem nachhaltigen System führen könnte. Die 500, hätten dann die Wahl, in einem Kreis von 1.000.000 mitzuwirken, oder durch neue 500 ersetzt zu werden. Wenn sie Klug sind, werden sie sich für das Erstere entscheiden.