Alle mitnehmen, keinen zurücklassen

Realitätsnah Marion Titzes Roman "Niemandskind" gibt Einblicke in gestörte Psychen im Osten

"Wahrscheinlich sind Psychosen das kommende Outfit." - Einen Satz, den Martin spricht, der unerwartete Besucher, der die ganze Romanerzählung ins Rollen bringt. Marion Titze - 1953 in Lichtenwalde bei Chemnitz geboren - erzählt in ihrem Roman Niemandskind von Psychosen, Borderline und Schizophrenie.

Beinahe wäre der Roman an dieser Stelle, an der jener Satz fällt, zum Sachbuch geraten. Martin fügt an: "Die Zahl der vielfältig Suchtkranken wird die der Nichtsüchtigen bald übersteigen." - Später im Roman übergibt Jans Vater seiner geschiedenen Frau eine "grüne Broschüre" mit dem Titel "Wie kann Nicht-Helfen helfen? Wege aus der Co-Abhängigkeit". Danach lässt er seine Ex mit dem Buch allein, weil er einige Telefonate erledigen muss und ihr Gelegenheit geben will, sich das "inzwischen mal anzuschauen". Aber glücklicherweise liest Jans Mutter nicht darin, sondern erinnert sich an den Moment, da ihr der Arzt mitteilte, dass sie schwanger war.

Die Neunzehnjährige hatte sich in die Mutterrolle zu finden, was in der DDR viele in diesem Alter taten. So ist es, so wird es genommen. Damals lief die Ehe mit Nikolai "nicht einmal schlecht". Jan kam keinesfalls als ungeliebtes Kind zur Welt, seine Eltern taten alles, um aufdringliche Erziehung zu vermeiden und empfahlen sich dem Heranwachsenden als Freunde. Als Jan 14 Jahre alt war, kam die Scheidung der Eltern. Die Mutter ließ Jan zu seinem Vater ziehen. Als sie ihn zehn Jahre später wiederbekommt, ist Jan Mitte zwanzig und psychisch krank. Abgestürzt nach Experimenten mit Drogen. Die verzweifelte Mutter fragt sich: "Wo war das Kind geblieben, wie ich es in Erinnerung hatte?"

Marion Titze erzählt den Roman eines Jungen, den Drogen kaputt gemacht haben. Dass es zugleich der Roman der Mutter ist, die unter Schmerzen lernen muss, mit ihrem kranken Kind umzugehen, und begreifen, nicht wirklich helfen zu können, ist die zweite Geschichte, die erzählt wird. Vielleicht ist es sogar die erste und auch sie ein Tabuthema. Vier Jahre kämpft die Mutter bereits um den Sohn. Im heißen Sommer 2003 erhält sie in ihrer Wohnung in Berlin überraschend Besuch von Martin, dem Sohn des Cousins aus Sachsen. Der Vater hat sich nach fast dreißig Jahren psychiatrischer Betreuung das Leben genommen. Sohn Martin fühlt sich um sein Erbe gebracht, nicht das materielle, sondern das andere. Er weiß fast nichts von seinem Vater, also auch nicht, was er von ihm fürs Leben mitbekommen hat. In dieser Notlage treffen Jans Mutter und der Sohn des Cousins für kaum 24 Stunden und ein paar "überschlagene" Züge an die Ostsee aufeinander: Martin fragt nach seinem Vater und erfährt alles über Jan, und die Mutter fragt nach ihrem Cousin mit der Angst, ob das Verrücktwerden in der Familie liegt.

Marion Titze nennt Niemandskind selbst einen Roman, der dem Leben folgt. Jans Geschichte und die von Cousin Thomas wirken auf den Leser so subtil, dass Authentisches nicht auszuschließen ist. Vieles ist berührend in diesem Buch, erstaunlich, etwa die Innenansichten von Jan im Drogenrausch. Überall waltet Respekt vor den unabweislichen Tatsachen einer Krankheit. Aber Marion Titze verharrt nicht bei diesem Respekt, erspart sich und dem Leser mit einem eher saloppen, realitätsnahen Erzählton den Weg ins Sentimentale, sondern sucht einen ganz anderen. Sie deckt eine Welt auf, die krank macht. Die liegt in ihrer gescheiterten Ehe wie bei Darius, dem Freund von Jan und Partner beim Drogenversuch. Darius, der Gleichaltrige, ist cleverer als Jan, hat alles, um durchzukommen: "Der fiel", heißt es im Roman, "keiner Fahrscheinkontrolle in die Hände und bevor jemand Miete einklagen konnte, zog er weiter." Hat man als Leser Darius schon als erwarteten Gegenentwurf zu Jan abgelegt, zieht die Autorin sein Bild noch einmal zum Übermalen zurück.

Zum Ende des Romans hin lässt ein Suizidversuch bei Darius auf vorgetäuschte Coolness schließen. Jan kann nicht einmal etwas vortäuschen. Ihm fällt es um vieles schwerer, Niederlagen anzunehmen. Immer sollte es ihm gut gehen, immer sollte er alles im Griff haben, immer sollte er Vertrauen haben dürfen. Noble Werte, die am Familienesstisch mitserviert wurden. Sie treiben bei gelehrigen Sprösslingen die Verletzungsgefahr in die Höhe. Genauso wie das Lebensprinzip der Mutter, was ihr im DDR-Leben angewachsen ist, höchste Verletzungsgefahr birgt: Alle mitnehmen, keinen zurücklassen! Der Vater im Fertighaus am Müggelsee hat sich bereits tiefer ins neue Leben hineingearbeitet mit Hilfe seiner neuen Frau und grüner Broschüren über Hilfe, die zu verweigern ist. Für Romanmomente scheint es so, als wollte die Mutter endlich ihre Wende und ankommen in einer neuen Zeit. Aber gibt es Zeiten, wo Mütter verzichten, ihren Kindern zu helfen? Auf der letzten Romanseite gibt es die Antwort, die hier nicht zu verraten ist.

Dass ein Roman, der am Leben entlang schreibt, in unserer Zeit viel Krankmachendes sieht, gehört zu seinem und des Lebens Realismus. Aber er sagt nicht, dass früher alles besser war. Denn Thomas, den Cousin, hat die Staatssicherheit krank gemacht. Der Roman lässt auf seinem bitteren Weg durch gestörte Psychen auch heitere Momente zu. Sie haben übrigens immer mit Tieren zu tun, meist mit jungen Hunden, aber einmal auch mit einer Katze, die einen Fisch verschluckt hat, den der Angler leider noch nicht vom Haken hatte.

Marion Titze hat eben nicht einfach am Leben entlang geschrieben und sich eine große Geschichte aus dem Topf genommen, sondern sie hat ihren Stoff mit beachtlich sicherer Sprache in Form gebracht. Merkwürdig nur, dass ihr mit der Perspektive der Ich-Erzählung einige Ungereimtheiten widerfahren sind. Denn oft wird von Dingen gesprochen, die Jans Mutter gar nicht wissen kann. Der Leser wird ihr das nicht unbedingt ankreiden, denn so erfährt er einiges, was gar nicht für seine Ohren bestimmt war. Und das hört man ja meist besonders gern.

Marion Titze: Niemandskind. Roman. Ammann, Zürich 2004, 187 S., 18,90 EUR


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00:00 19.08.2005

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