„Eine Bewegung wird Amazon besiegen“

Interview Agnieszka Mróz arbeitet in Polen für den Konzern. Von dort aus wird vor allem Deutschland beliefert

Vor ein paar Tagen hat Agnieszka Mróz eine Online-Gedenkfeier mitgestaltet. Sie und andere gewerkschaftlich organisierte Amazon-Beschäftigte aus verschiedenen Ländern erinnerten an ihren Vorkämpfer Christian Krähling aus Bad Hersfeld, der jüngst unerwartet verstorben war.

Mróz, die in Poznan in einem der neun Amazon-Versandzentren in Polen arbeitet, sagt: „Christian war das wichtigste Bindeglied zwischen der organisierten Arbeiterschaft in Polen und Deutschland, er besuchte uns in Polen viele Male. Er betonte immer, dass wir das gemeinsame Interesse als Arbeiter in verschiedenen Ländern sehen müssen und uns nicht auf die Unterschiede konzentrieren dürfen, die uns trennen. Wir waren unendlich inspiriert von seinem starken Engagement für die Organisierung und den Aufbau von Arbeitermacht in den Betrieben und die Mobilisierung der Kolleginnen und Kollegen für konfrontative Aktionen gegen das Management.

In Deutschland ist vielen, die bei amazon.de bestellen, gar nicht bewusst, woher und unter welchen Bedingungen ihre Waren geliefert werden. Agnieszka Mróz hingegen weiß das sehr genau. Sie ist Betriebsratsmitglied und Delegierte der Basisgewerkschaft OZZ Inicjatywa Pracownicza bei Amazon und gehört dem Lenkungsausschusses der Amazon Workers International an.

der Freitag: Frau Mróz, 2014 eröffnete Amazon sein erstes Versandzentrum in Polen. Mittlerweile betreibt das Unternehmen neun solcher Einrichtungen, die Eröffnung eines zehnten in Swiebodzin nicht weit von Frankfurt/Oder ist für dieses Jahr geplant. Gleichzeitig gibt es bisher keine polnische Amazon-Verkaufsplattform im Internet. Was macht Amazon in Polen eigentlich?

Agnieszka Mróz: Seit sechs Jahren sind wir für die Plattform amazon.de tätig, und zwar ausschließlich. Mittlerweile hat Amazon in Polen 18.000 Tausend festangestellte Beschäftigte. Dazu kommen Tausende in Leiharbeit und an die 10.000 Saisonkräfte im Weihnachtsgeschäft. Bis jetzt haben sie alle Pakete nach Deutschland oder an andere europäische Kunden geschickt, die über amazon.de bestellen.

Ende Januar hat Amazon bekannt gegeben, dass sie eine polnische Seite eröffnen wollen. Wir wissen noch nicht, wie sich das auf die Anzahl der Beschäftigten und die Arbeitsbedingungen auswirken wird.

Gibt es Unterschiede zwischen den Versandzentren in Polen und denen in Deutschland?

Die Versandzentren in Polen sind größer als in Deutschland. Mein Lager POZ1 beschäftigte im vergangenen Dezember offiziell mehr als 10.000 Leute. Es ist ein Lager alten Typs, mit traditionellem Kommissionierturm. Amazon hat verschiedene Arten von Lagern in Polen: mit Kiva-Robotern für große und schwere Artikel, eine der wenigen Cross-Dock-Sortieranlagen, wo Waren sortiert und an verschiedene Lager in Europa verschickt werden, eine riesige Abteilung für Kundenrücksendungen, eine Buchdruckerei, eine T-Shirt-Druckerei usw.

Wie sehen die Arbeitsbedingungen in den polnischen Versandzentren aus?

Es gibt drei Hauptprobleme: niedrige Löhne, hoher Druck auf das Arbeitstempo und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Verbesserungen in diesen Bereichen waren eine Forderung im laufenden Tarifkonflikt. Eine Etappe dieser Auseinandersetzung war eine Urabstimmung im Jahr 2019, bei der mehr als 5.000 Beschäftigte für einen Streik stimmten.

Die Expansion von Amazon nach Polen steht im Zusammenhang mit den niedrigen Arbeitskosten. Level-1-Beschäftigte verdienen 20 Zloty pro Stunde brutto (4,44 Euro). Das ist knapp über dem Mindestlohn, der seit 2021 bei 18,30 Zloty liegt und macht im Schnitte etwa 600 Euro netto im Monat.

Wer bei Amazon anfängt, arbeitet zunächst bis zu einem Jahr über eine Zeitarbeitsfirma, wie Adecco oder Randstad. Der Vertrag läuft zunächst nur für zwei Wochen. Wer zu langsam arbeitet oder krank wird, ist danach gleich wieder draußen. Diejenigen, die schnell arbeiten, sich gut benehmen und nicht krank werden, werden dann „umgeschult“. Amazon bietet ihnen erst einen Vertrag für einen Monat, dann für ein Jahr und erst dann auf unbestimmte Zeit an. Insgesamt kann man mit Zeitverträgen zweieinhalb Jahre lang arbeiten. Das macht es sehr schwierig, sich zu organisieren. Nach ein paar Jahren Arbeit gehen viele Menschen von sich aus, sobald sie einen anderen Job finden. Sie sind körperlich erschöpft und haben genug von der monotonen Arbeit und der ständigen Überwachung.

Können Sie denn dagegen etwas ausrichten?

Als Gewerkschaft sind wir in ständigem Streit um die Leistungsbewertung. Wir haben es geschafft, das kranke System der Leistungskontrolle und Bewertung der Beschäftigten für einige Weile auszusetzen, später brachte Amazon es wieder zurück. 2020 musste Amazon das Feedbacksystem wieder aussetzen. Es ist ein nicht endender Konflikt zwischen uns und Amazon. Mitglieder von uns haben vor den Arbeitsgerichten erfolgreich gegen Entlassungen wegen der Nichterfüllung von Normen geklagt. Diese Urteile konnten wir gegen Amazon einsetzen.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Arbeitsbedingungen ausgewirkt?

Während es im Land Verbote gab, das Haus ohne Grund zu verlassen, Einkaufszentren und Schulen geschlossen wurden, waren die Amazon-Lagerhäuser die ganze Zeit über geöffnet. Wir sind trotz Krankheitsfällen zur Arbeit gegangen. Amazon in Polen hat nie offiziell angegeben, wie viele Mitarbeiter krank wurden.

Unter dem Druck von Arbeiteraktionen auf der ganzen Welt hat Amazon eine Reihe von Hygienemaßnahmen eingeführt, und die sahen überall ähnlich aus, auch in Polen. Trotzdem lässt es sich nicht verhindern, dass sich Menschen in den Firmenbussen, in Umkleideräumen, in den engen Gassen auf dem Picktower treffen.

Doch während diese Maßnahmen in allen Lagern in Europa gleichermaßen eingeführt wurden, behandelte Amazon die europäischen Arbeiter unterschiedlich, wenn es um Lohnzuschüsse ging. In den meisten Ländern bot Amazon zwei Euro Bonus pro Stunde,in Polen aber nur einen Euro. 2020 hat Amazon auch – zum ersten Mal seit 2015 – den Grundlohn nicht angehoben, trotz der riesigen Gewinne, für die wir erarbeitet haben. All das hat viel Unzufriedenheit hervorgerufen.

Wie drückte die sich aus?

Die eindrucksvollste Aktion war, als die Beschäftigten im November in einem Lagerhaus in der Nähe von Wroclaw protestierten. Die Gabelstaplerfahrer (darunter auch unsere Mitglieder) unterbrachen die Arbeit für eine Stunde, veranstalten ein Hupkonzert und forderten höhere Prämien. Arbeiter trugen Westen mit einem handgemachten Slogan auf dem Rücken: „2.000 Zloty für jeden“. Am 15. Dezember gab es im Rahmen der #MakeAmazonPay-Kampagne eine dreistündige Torblockade an einem Versandzentrum bei Wroclaw. 80 Lastwagen konnten das Lagerhaus weder verlassen noch befahren, während unsere Mitglieder Flugblätter unter der Belegschaft verteilten.

Wie wird Amazon als Arbeitgeber und Unternehmen in der polnischen Öffentlichkeit gesehen?

Amazon hat in Polen keinen guten Ruf, die Arbeitsbedingungen gelten als schlecht. Sicherlich haben unsere Aktivitäten als Gewerkschaften im Laufe der Jahre dazu beigetragen, die Probleme aktiv in die Öffentlichkeit tragen: Durch Kundgebungen vor den Versandzentren, aber auch vor Arbeitsagenturen, durch Pressekonferenzen vor Arbeitsgerichten, wenn unsere Mitglieder Gerichtsverfahren gewonnen haben, durch Konferenzen und Debatten. All das hat geholfen, Druck auf das Unternehmen auszuüben.

Wie arbeitet Ihre Gewerkschaft in dieser Situation?

Unsere Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza („Arbeiterinitiative“) hat 750 Mitglieder und ist die größte Gewerkschaft im Unternehmen Amazon Fulfillment Poland. Wir haben 23 Betriebsratsmitglieder in verschiedenen Versandzentren. In den letzten Jahren haben wir eng mit der anderen Gewerkschaftsorganisation, Solidarność, in kollektiven Konflikten zusammengearbeitet. Wir haben gemeinsam mit der Geschäftsleitung verhandelt und die Streikabstimmung gemeinsam organisiert, gemeinsam mit den Medien gesprochen usw.

2020 haben wir eine Vielzahl von Aktionen durchgeführt: von der Unterschriftensammlung im März im Rahmen einer Petition, die auch von Amazon-Beschäftigten in New York unterzeichnet wurde, über das Sammeln und Veröffentlichen von Videos und Fotos von Arbeitern aus dem Inneren der Lagerhallen von gesundheitsgefährdenden Situationen, bis hin zu Flugblattaktionen am „Black Friday“, unzähligen Gesprächen mit den Gesundheits- und Arbeitsschutzbehörden und gewerkschaftlichen Gesundheits- und Sicherheitsüberprüfungen in den Lagerhallen. Regelmäßig haben wir unsere Mitglieder rechtlich unterstützt, wenn sie aus disziplinarischen Gründen oder wegen zu langer Pausen bestraft wurden.

Die neueste Schikane von Amazon: Da die Produktivitäts-Feedbacks ausgesetzt sind, können sie die Mitarbeiter nicht mehr aus diesem Grund feuern und drohen ihnen jetzt, wenn sie nicht regelmäßig ihre Handscanner benutzen. Wenn sie im Überwachungssystem sehen, dass Beschäftigte während einer Zehn-Stunden-Schicht hier und da ein paar Minuten keine Artikel gescannt haben, werden sie zu einem Disziplinargespräch gerufen, weil sie „zusätzliche Pausen machen“. Wir finden das lächerlich und helfen den Betroffenen, sich gegen diese Abmahnungen zu wehren. Wir haben auch ein Vorstandsmitglied des Unternehmens wegen unzureichender Konsultation mit der Gewerkschaft zu Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen verklagt, inspiriert von einer ähnlichen Strategie unserer Freunde von der Gewerkschaft Sud Soldiare in Frankreich. Und wir haben Basisaktionen wie die Arbeitsniederlegung der Gabelstaplerfahrer unterstützt. Es war ein sehr intensives Jahr, sowohl in Bezug auf lokale Aktionen als auch auf die internationale Zusammenarbeit als Teil der Amazon Workers International.

Der seit 2013 andauernde Arbeitskampf der Amazon-Beschäftigten in Deutschland ist eng mit dem Namen von Christian Krähling verbunden – dem Streikaktivisten und Gewerkschafter aus Bad Hersfeld, der im vergangenen Dezember unerwartet gestorben ist. Am 21. Februar wollen Amazon-Beschäftigte und Freunde von Christian in vielen Ländern in einer Internet-Gedenkveranstaltung an sein Leben erinnern. Was hat Christian für Sie und Ihre gewerkschaftliche Tätigkeit in Polen bedeutet?

Christian war das wichtigste Bindeglied zwischen der organisierten Arbeiterschaft in Polen und Deutschland. Wir wurden wirklich Freunde und sein Tod war herzzerreißend für alle IP-Mitglieder, die ihn persönlich kannten. Nach seinem Tod machten Beschäftigte ein gemeinsames Foto mit dem Slogan „Ruhe in Frieden, Christian“. Er besuchte uns in Polen viele Male, kam zu Treffen der Amazon Workers International (AWS), aber auch zu Diskussionen, Demonstrationen und inoffiziellen Treffen. Wir sprachen innerhalb des AWI-Komitees fast alle zwei Wochen miteinander, berichteten über lokale Kämpfe in verschiedenen europäischen Ländern, suchten nach Gemeinsamkeiten und Ideen für gemeinsame Aktionen.

Christian betonte immer, dass wir das gemeinsame Interesse als Arbeiter in verschiedenen Ländern sehen müssen und uns nicht auf die Unterschiede konzentrieren dürfen, die uns trennen. Wir waren unendlich inspiriert von seinem starken Engagement für die Organisierung und den Aufbau von Arbeitermacht in den Betrieben und die Mobilisierung der Kolleginnen und Kollegen für konfrontative Aktionen gegen das Management.

Diesem Ansatz folgend sind wir entschlossen, eine internationale Amazon-Arbeiterbewegung aufzubauen, die Amazon besiegen wird. Christian wird immer als ein wichtiger Gründer dieser Bewegung in Erinnerung bleiben. Er sagte immer: „Wir haben in Bad Hersfeld nicht einmal davon geträumt, an den Punkt zu kommen, an dem wir jetzt sind, als wir 2011 mit einer Gruppe von 15, 20 Leuten angefangen haben, uns zu organisieren.“ Heute haben wir ein riesiges Netzwerk mit organisierten Amazon-Beschäftigten, Gewerkschaften, Unterstützern, Journalisten und auch Künstlern aus der ganzen Welt, die mit viel Engagement an der Sache arbeiten.

Zur Person

Agnieszka Mróz arbeitet seit 2014 im Amazon-Lager nahe der 550.000-Einwohnerstadt Poznan auf in etwa halber Strecke zwischen Warschau und Berlin. Sie arbeitet als Packerin, ist Delegierte der Basisgewerkschaft OZZ Inicjatywa Pracownicza bei Amazon und gehört dem Koordinierungsausschuss der Amazon Workers International an. Sie war auch polnische Delegierte eines Beschäftigtengremiums, das mit Amazon über eine Vereinbarung zur Einrichtung eines Europäischen Betriebsrats verhandelt. In ihrer Gewerkschaft ist sie auch am Aufbau der feministischen Bewegung in der Arbeiter*innenklasse beteiligt, die aktiv an den jüngsten Pro-Choice-Massenmobilisierungen teilnahm

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:45 20.02.2021

Ausgabe 23/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 5