Alle reden vom Wachstum, ich merke davon nichts

Bruttoinlandsprodukt Der Pariser Konjunkturforscher Jean-Paul Fitoussi über die Krise, den König der Indikatoren, und die erstaunliche Wirkung von Staus auf die Volkswirtschaft

Der Freitag: Wirtschaft wieder im Aufschwung, so lautete das Echo auf die jüngsten Prognosen. Die Konjunktur springe wieder an. Ist die Wirtschaftskrise wirklich schon vorbei?

 

Jean-Paul Fitoussi: Nein. Viele verwechseln das Niveau mit den Wachstumsraten. Das Bruttoinlandsprodukt ist innerhalb eines Jahres um etwa sechs Punkte gefallen. Und jetzt haben wir ein Miniwachstum in Deutschland und Frankreich von etwa 0,3 Prozent. Wir sind also nicht mehr bei minus sechs, sondern bei minus 5,7 Prozent. Das kann man nicht als Ende der Krise bezeichnen. Auch deswegen nicht, weil die Beschäftigung noch weiter zurückgehen wird. Bis wir wieder auf dem Niveau von 2008 sind, vergehen noch mehrere Jahre.

Sie rechnen immer noch in BIP?

Bis jetzt habe ich keine anderen Daten.

Aber Sie haben doch gerade mit Kollegen wie Amartya Sen und Joseph Stiglitz einen Bericht vorgelegt, der die Fokussierung auf das BIP scharf kritisiert.

Wir sagen zunächst, das man das BIP verbessern kann. Und dass es ein Indikator der Produktion ist und nicht des Wohlstands. Wenn das BIP der König der Indikatoren bleibt, wird sich die Gesellschaft immer weniger darin erkennen. Wegen der wachsenden Ungleichheiten. Und wegen neuer Probleme, etwa der Umweltzerstörung.

War das BIP früher etwa sinnvoller als Indikator?

Während der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre hatte man ein Problem: Es gab in den betroffenen Ländern kein funktionierendes nationales Rechnungswesen, mit dem man die Entwicklung der Wirtschaft verfolgen konnte. Die Regierungen mussten gewissermaßen im Blindflug reagieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben dann alle Staaten ein System eingeführt, mit dem die Produktion von Gütern gemessen werden kann – eben das Bruttoinlandsprodukt.

Warum hat sich die Messmethode nicht bewährt?

Weil sie ungenau und fehlerhaft ist. Wenn zum Beispiel in einem Entwicklungsland die Kleidung nicht mehr zu Hause genäht, sondern auf dem Markt gekauft wird, steigt das BIP. Aber in Wirklichkeit gibt es nicht mehr Produktion. Ein anderes Beispiel stammt von dem Ökonomen und Nobelpreisträger Paul Samuelson: Was passiert, wenn ein Professor seine Hausfrau heiratet. Das BIP sinkt. Warum? Vorher hat er seine Hausfrau bezahlt, jetzt bezahlt er sie nicht mehr. Aber sie macht die gleiche Arbeit. Das Bruttoinlandsprodukt steigt sogar, wenn es mehr Staus gibt.

Das hat lange Zeit nur wenige Experten gestört.

Ein großes Problem des Bruttoinlandsprodukts besteht darin, dass man die Aktivitäten des öffentlichen Sektors nur sehr schlecht messen kann. In den vergangenen 50 Jahren hat sich das Gewicht des Staates jedoch verdoppelt. Beim Gesundheitssektor etwa messen wir die Summe der Ausgaben der Haushalte. Aber das sagt uns nichts über die Qualität der Gesundheitsversorgung. Sie können viel ausgeben, aber nichts kommt dabei heraus – wie in den USA. Oder weniger ausgeben und eine bessere Qualität haben – wie in Europa. In Wahrheit ist die Gesundheitsproduktion in Europa viel besser, aber die Zahlen des BIP behaupten das Gegenteil. Auch der Anteil der Dienstleistungen hat deutlich zugenommen. Tätigkeiten, die früher von Familien übernommen wurden, handelt man jetzt auf dem Markt, etwa bei der Betreuung Angehöriger. Es gab gravierende Veränderungen in der Gesellschaft. Jetzt müssen wir unser Statistiken anpassen.

Was schlagen Sie und Ihre Kollegen vor?

Wir sollten Median-Werte veröffentlichen. Und nicht Durchschnittswerte, wie bei den üblichen Indikatoren. Da wird eine Zahl pro Kopf angegeben – aber niemand findet sich darin wieder. Weil es Leute gibt, deren Einkommen, um 20 Prozent gestiegen ist, bei anderen ist es um fünf Prozent gesunken. Unsere Gesellschaften sind ungleicher geworden, daher ergibt es immer weniger Sinn, sich an Durchschnittswerten zu orientieren. Auch bei der Kaufkraft. Die gemessene Inflationsrate ist ein Durchschnittswert, der die Wirklichkeit kaum abbildet. Die Leute konsumieren nicht alle die konstruierten Warenkörbe. In den USA hat man gerade herausgefunden, dass für die reichsten Gruppen die Preise um ungefähr zehn Prozent gesunken sind. Für die Ärmsten gab es dagegen einen Preisanstieg um zehn Prozent. Am Ende werden die Leute sagen, man belügt uns. Alle reden vom Wachstum, aber ich merke davon nichts. Wir müssen versuchen, die Lebensqualität besser zu erfassen.

Wie soll das gehen?

Subjektive Faktoren sollten stärker berücksichtigt werden. Und der Zustand der Umwelt. Mehr noch, wir müssen generell auch die Frage der Nachhaltigkeit in die neuen Indikatoren aufnehmen. Zum Beispiel ist es eine der Ursachen der aktuellen Krise, dass wir keinen Maßstab der Nachhaltigkeit des ökonomischen Systems hatten. Von 2004 bis 2007 hatten wir eine Periode starken Wachstums. Aber wir hatten keine Möglichkeit zu sagen, ob das anhalten wird. Und die Krise hat gezeigt, dass das Wachstum nicht nachhaltig war.

Weil die Eliten blind waren.

Nicht nur die Eliten. Die Leute haben angefangen, ihre Vermögen zu verbrauchen, ohne es zu wissen. Weil ihnen der Markt etwas anderes sagte. Ein Beispiel: Die Leute glaubten, dass ihr Haus 1.000 Dollar wert sei. Also haben sie einen Kredit in gleicher Höhe oder sogar noch höher aufgenommen. Sie hätten das nicht getan, wenn sie gewusst hätten, dass ihr Haus nur 200 Dollar wert ist. Jetzt haben sie Schulden. Der Markt hat in seiner primären Funktion – nämlich der Bestimmung von Preisen – versagt. Wir konnten den Kapitalwert nicht bestimmen. Nachhaltigkeit bedeutet, dass der Kapitalstock – Umwelt, Bildung und so weiter –, der von einer Generation zur nächsten vererbt wird, mindestens genauso groß ist, wie der, den sie geerbt hat.

Werden ihre Empfehlung umgesetzt?

Präsident Nicolas Sarkozy hat die statistische Behörde Frankreichs gebeten, den Bericht, anzuwenden. Das ist ein Anfang.

Unter Bruttoinlandsprodukt (BIP) versteht man die Summe aller Produkte und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft produziert und zu Marktpreisen bewertet werden. Die Kennziffer ist einfach, erlaubt den Vergleich zwischen einzelnen Staaten und avancierte, als Nachfolger des Bruttosozialprodukts (Geier Sturzflug), in der Vergangenheit zum König der Wirtschaftsindikatoren.

Allerdings lässt das BIP viele für die Messung von Wohlstand wichtige Faktoren außer Acht, etwa Nachhaltigkeit, Verteilungsfragen, Umweltkosten. Angesichts der begrenzten Aussagefähigkeit wird schon seit vielen Jahren über alternative Modelle diskutiert.

Ausgehend von Überlegungen von James Tobin und anderen führten 1989 Herman E. Daly und John B. Cobb den Index of Sustainable Economic Welfare ein, der ökologische Folgekosten und soziale Parameter einbezieht. Diese Berechnungsmethode ist später zum Genuine Progress Indicator weiterentwickelt worden.

Ende 2008 haben Hans Diefenbacher und Roland Zieschank einen Vorschlag für einen neuen Indikator veröffentlicht: den Nationalen Wohlfahrtsindex. Ihr Studie findet sich unter beyond-gdp.eu

Bereits Anfang 2008 berief der französische Staatschef Nicolas Sarkozy eine Kommission unter der Leitung von Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi, die im Herbst ihre Ergebnisse vorgelegt hat. Tenor: Die Messung der Wirtschaftsleistung müsse dringend reformiert werden. stiglitz-sen-fitoussi.fr

21:00 21.10.2009

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