Alle treten auf die Bremse

G8-Gipfel Den Industriestaaten ist der Wachstumsdrang vergangen. Sie kämpfen stattdessen unter dem Eindruck steigender Rohstoffpreise um die ­Neuaufteilung alter Märkte

Nach ökonomischer Zeitrechnung befinden wir uns im vierten Jahr der großen Krise. In Deutschland allerdings sprießen die Konjunkturbäume fast bis in den Himmel. Wenn sich kommende Woche die G8-Staaten in Deauville, am „Strand von Paris“ in der Normandie, treffen, werden sie wie gewohnt um Optimismus ringen. Nur die japanische Delegation dürfte zurückhaltender sein. Nach dem Erdbeben wird es für die große Exportnation Monate dauern, bis die Wirtschaft wieder durchatmen kann. Noch liegt ein Wiederaufbau-Boom in weiter Ferne.

Großbritannien ist ein weiteres Sorgenkind in dieser Runde, denn das Königreich ist nach IWF-Maßstäben kaum weniger verschuldet als die Gruppe der PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) und deshalb beim Sparen ganz vorn dabei. Seit über einem Jahr stagniert das Wachstum der britischen Ökonomie, tendiert einmal einen halben Prozentpunkt nach oben, um dann wieder abzufallen. Derzeit greifen die Sparmaßnahmen, verursachen Massenentlassungen und schwindende Realeinkommen, während die Industrieproduktion, mit der nurmehr 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bestritten werden, nach kurzer Erholung wieder durchsackt, so dass die Abhängigkeit von der Branche Finanzdienstleistungen hoch bleibt. Seit Jahresanfang stieg zudem die Inflation auf zwischenzeitlich über vier Prozent, während die Einzelhandelsumsätze einbrachen. Stagflation plus Austerität – die Briten haben das ihrer konservativ-liberalen Regierung zu verdanken.

Schrumpfkuren überall

Deutschland dagegen sonnt sich im Glanz seines Glücks, weil die eigene Wirtschaft wächst und das schneller als die aller anderen Partner in der EU. Aus einem bescheidenen Zuwachs von 1,5 Prozent – im ­Vergleich zu einem äußerst schwachen Vorquartal Ende 2010 – wird im Handumdrehen das höchste Wachstum seit der Wiedervereinigung. Unbestreitbar hat das Plus der vergangenen Monate den Einbruch des Krisenjahrs 2009 schneller als erwartet wettgemacht – bei den Exporten schon im Sommer 2010. Nur reden die Bundesbanker nach wie vor vom vierten Jahr der Krise, weil Deutschland in Europa liegt, und seine Ausfuhren zu gut 60 Prozent in einer Nachbarschaft absetzt, die sich teilweise in keinem beneidenswerten Zustand befindet. Spanien, Italien, Portugal und Griechenland stagnieren, schrumpfen und sorgen nicht zuletzt dafür, dass die offizielle Arbeitslosigkeit in der gesamten EU bei 9,4 Prozent verharrt, während die Jugendarbeitslosigkeit auf über 20 Prozent im EU-Schnitt gestiegen ist. Zur Nicht- kommt die Unterbeschäftigung in der Staatenunion, gerade in Deutschland, das in den Sparten Niedriglohn-Sektor und prekäre Arbeit den Primus gibt. In der gesamten EU nimmt so das Einkommensgefälle weiter zu, weil fast alle Regierungen auf Austerität setzen. Es wird gespart, was das Zeug hält – die Deutschen dürften die Folgen dieser Schrumpfkuren bald spüren.

Des einen Tod ist des anderen Brot. So auch diesmal, nach der Katastrophe in Japan. Zwar trifft die Unterbrechung weltweiter Liefer- und Wertschöpfungsketten an einem Knotenpunkt des Welthandels die Produzenten in nahezu allen Industriestaaten, aber für einige Branchen der deutschen Ausfuhrwirtschaft bietet das Schicksal des Konkurrenten auch unverhoffte Gelegenheiten. Da öffnen sich plötzlich Marktlücken, und deutsche wie europäische Exporteure stehen als Krisengewinnler bereit.

Und Japan – in eine Extremsituation geraten – zeigt eindringlich, wie eng die Grenzen des Wachstums in der Weltwirtschaft inzwischen sind. Im ständigen Kampf um knappere Ressourcen, unter dem Druck steigender Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise geht es nicht um neue Märkte, sondern die Neuaufteilung der alten. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass sich in den USA – im Moment wieder zweitgrößte Exportökonomie – Stagnation und Wachstum die Waage halten. Die Inflation der Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreise dämpft die Erholung, denn die Immobilienkrise – inzwischen im Prime-Sektor angekommen – ist weiterhin nicht ausgestanden. Die Jobmaschine stottert, wie sich einer Arbeitslosenquote um neun Prozent entnehmen lässt. Etwa 22 Millionen Amerikaner sind derzeit ohne Job, 44 illionen leben von Lebensmittelgutscheinen. Der schwache Dollar hilft zwar dem Export – dem Binnenkonsum aber, von dem mehr als 70 Prozent der US-Wirtschaftsleistung abhängen, nützt er nicht.

In zwei Geschwindigkeiten

Für die reanimierte Weltkonjunktur sind gewaltige Hilfsprogramme verantwortlich, immerhin drei Billionen Dollar warfen Regierungen weltweit in die Konjunkturschlacht. China und die USA brachten dafür 14 beziehungsweise sieben Prozent ihrer Wirtschaftsleistung auf, während Deutschland mit knapp 2,5 Prozent hinterher hinkte. Nun aber sind diese Programme erschöpft und Nachauflagen angesichts der grassierenden Schuldenangst und Steuerphobie sowohl in Europa wie Nordamerika verpönt (auch Chinas Autoritäten stehen längst auf der Konjunkturbremse). Auch deshalb hängt das weltwirtschaftliche Wachstum zusehends von den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) ab. Gelassen und angemessen hat es der IWF ausgesprochen: Sofern sich die Weltökonomie erholt, tut sie das in zwei Geschwindigkeiten. Langsam in den Industriestaaten, flotter in den Schwellenländern.

Das heißt, ohne die Wachstumslokomotiven China und mit Abstrichen Indien sowie Brasilien sähe es schlecht aus in der Weltwirtschaft. Derzeit freilich versuchen die Chinesen zu bremsen, wo immer sie können – weg von einem überzogenen Wachstumsdrang, hin zu einem Binnenmarkt, der diesen Namen auch verdient. Momentan jedenfalls kann China das Tempo bei seinen Anlageinvestitionen, von denen Exporteure wie Deutschland profitieren, nicht länger durchhalten. Die Bremsen scheinen zu wirken.

Alles deutet darauf hin, dass sich ab 2012 das Wachstum in den Schwellenländern deutlich und langfristig abschwächt. So dürfen die G8 in Deauville festhalten, dass die globale Wirtschaft im vierten Jahr der Krise ein Zwischenhoch erlebt, dessen Dauer unbestimmt bleibt. Um so mehr betrachten die führenden Industriestaaten den Arabischen Frühling auch als Chance für neue Märkte. Hinter den Kulissen ist die Rivalität um dieses Terrain voll entbrannt. Fragt sich nur, woher in den vom Umbruch erfassten Staaten Nordafrikas das Geld kommen soll, um sich über das bisherige Maß hinaus als Handelspartner zu empfehlen. Insofern wären für die Region dann doch neue Konjunkturprogramme zu wünschen, die von europäischen, nordamerikanischen und chinesischen Banken finanziert werden.

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Michael Krätke ist Professor für Ökonomie an der Universität Lancaster

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08:00 21.05.2011

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