„Alle unter Wasser“

Tourismus So beliebt, wie Kreuzfahrten bei vielen Urlaubern sind, so hart ist das Schuften an Bord. Ein Insider erzählt

Den Sonnenuntergang an Deck genießen, mit einem gepflegten Glas Schaumwein in der Hand, vielleicht mit einem leichten Kaschmirschal über den Schultern und freiem Blick aufs große, dunkle, edle Blau: Mit solch idyllischen Bildern wird gern und oft für Kreuzfahrten geworben. Tatsächlich ist diese Art des Urlaubmachens von Jahr zu Jahr beliebter und längst nicht mehr nur ein Oberschichtsvergnügen, sondern inzwischen auch für Normalverdiener durchaus erschwinglich.

Dennis G., der seinen vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, kennt das Keuzfahrtwesen nur zu gut – allerdings nicht vom Oberdeck, sondern aus einer ganz anderen Perspektive: aus dem Bauch eines solchen Schiffes.

der Freitag: Sechs Monate lang mit denselben Leuten auf engstem Raum arbeiten, das stelle ich mir anstrengend vor. Wie sah Ihr Tag auf dem Schiff aus?

Dennis G.: Es gibt verschiedene Schichten, ich selbst habe meistens zwischen 6 Uhr und 9 Uhr morgens angefangen und dann im Schnitt zehn Stunden pro Tag gearbeitet. Ich war als einziger Deutscher im Team zuständig für alle Fragen und Probleme der deutschen Passagiere. Das ist schon anstrengend, so ganz ohne Pausen. Auch Wochenenden gibt es für die Besatzung nicht.

Das klingt nach einem echten Knebeljob. Ist das arbeitsrechtlich überhaupt erlaubt?

Na ja, nach deutschem Recht natürlich nicht, deshalb fährt auch kaum ein Kreuzfahrtschiff unter europäischer Flagge. Das Schiff der amerikanischen Reederei, für die ich sechs Monate gearbeitet habe, stand unter der Flagge der Bahamas. Dann gilt das Recht der Karibik: Arbeitnehmerschutz gibt es dort praktisch nicht, deshalb kann die Reederei einfach ihre ganz eigenen Regeln aufstellen.

Was sind das für Regeln?

Zum Beispiel ein sehr strenges Drogenverbot, dazu gehört auch Alkohol. Wenn man nach einem Abend an der Crew-Bar mit mehr als den erlaubten 0,4 Promille erwischt wird, muss man beim Kapitän vorsprechen. Er entscheidet dann, ob das zur Kündigung führt oder ob er eine Ausnahme macht. Man muss sich gefallen lassen, dass auf dem Schiff andere Leute über einen bestimmen, auch am sogenannten Feierabend.

Zur Person

Dennis G. ist 26 Jahre alt und Student im Hotelmanagement. Ein halbes Jahr lang hat er auf einem US-Kreuzfahrtschiff mit internationaler Route gearbeitet, täglich rund zehn Stunden

Das klingt ja fast nach einer „Diktatur des Kapitäns“, könnte man das so sagen?

Viel schlimmer ist noch etwas anderes: Unter den Angestellten auf dem Schiff gibt es eine knallharte Dreiklassengesellschaft. Die Offiziere dürfen sogar den Fitness-Bereich der Gäste nutzen. Aber alle, die im Housekeeping, als Zimmermädchen oder in der Küche arbeiten, müssen längere Schichten bei schlechterer Bezahlung machen. Das sind oft Philippiner.

Wie war Ihr eigener Kontakt zur philippinischen Besatzung?

Ich bin ihnen nicht sehr oft begegnet. Die Unterschiede zwischen uns waren groß: Die meisten Philippiner schlafen in Achter-Kajüten, wir anderen Mitarbeiter waren jeweils nur zu zweit untergebracht. Die Bedingungen für die Philippiner sind schon krass: Nach ihren bis zu 14-stündigen Schichten haben die echt keinen Raum, um mal richtig zur Ruhe zu kommen, geschweige denn eine Privatsphäre. Sie haben auch ihre eigene Kantine an Bord, in der es jeden Tag nur Reis und Fischsuppe gibt. Ich habe diese Suppe einmal probiert und fand sie ziemlich ekelhaft. Auf jeden Fall ist das, was ihnen dort serviert wird, keine ausgewogene Ernährung – bei so schwerer körperlicher Arbeit. Es muss besonders hart sein, wenn man gleichzeitig als Schiffskoch für die Gäste nur Gourmet-Menüs zubereitet.

Die „unterste Klasse“ der Bediensteten arbeitet also härter ...

... und sie haben auch weniger dafür bekommen. Um genug Geld an ihre Familien schicken zu können, versuchen viele, nach Schichtende noch etwas dazuzuverdienen. Es gibt eine informelle Dienstleistungsbörse aller Mitarbeiter an Bord. Da kann man seine Fähigkeiten anbieten, etwa Haareschneiden oder Massagen. Ich habe mir für 20 Euro pro Woche mit meinem Mitbewohner eine Putzkraft geleistet, damit wir unsere Kajüte nach einem langen Tag nicht saubermachen müssen. Manche Philippinerinnen bieten sogar Sex an.

Eine Metapher für die Weltwirtschaft: oben Prunk, unten Stunk.

Könnte man so sagen. Die Gäste bekommen gar nicht mit, was hinter dem Luxus an Deck für Arbeit steckt und unter welchen Bedingungen ihr Essen zubereitet wird. Ohne diese Ungleichheit könnte sich niemand so einen Urlaub leisten. Auf dem Schiff liegt das alles sehr nah zusammen. Die schlechten Arbeitsbedingungen sind nicht so weit weg wie eine Fabrik in Bangladesch. Die Angestellten sind buchstäblich ganz unten, unsere Kajüten waren alle unter Wasser.

Braucht man eine besondere Ausbildung oder Schulung für einen solchen Schiffsjob?

Nein, im Prinzip nicht, es werden alle möglichen Leute gebraucht, Techniker, Ingenieure, Tänzer. Und natürlich alles im Bereich Hotellerie, da hat es geholfen, dass ich Hotelmanagement studiere. Ich kenne auch Sportstudenten, die auf dem Schiff Workouts anbieten, oder Lehrerinnen, die im Kinderclub arbeiten. 3.200 Euro habe ich im Monat verdient – davon können andere Studenten nur träumen. Unterkunft und Verpflegung waren inklusive, daher konnte ich sehr viel davon sparen.

Wofür wollen Sie es ausgeben?

Nach dem Studium möchte ich eine Weltreise machen.

Aber Sie sind doch jetzt schon einmal um die Welt geschippert.

Alles in allem war der Job eine gute Erfahrung, ich habe interessante Leute kennengelernt und viel gesehen. Aber seien wir ehrlich: Die Landgänge sind echt oberflächlich. Ich würde gerne noch einmal nach Südamerika, weil ich bislang nur die Hafenstädte in Mexiko und Argentinien kennengelernt habe.

06:00 02.08.2017

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