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Kulturkommentar Der Klimawandel hat auch sein Gutes. Er sorgt regelmäßig für einen Menge neuer Bestseller

Mit dem Wetter hatten die Hundstage ursprünglich ja nichts zu tun. Ihren Namen haben die heißesten Wochen des Jahres von dem Sternbild des Großen Hundes, der stets während der schlimmsten altägyptischen Hitze am Himmel stand. Heute und von Deutschland aus besehen ist das anders: 4.000 Jahre nach seiner Mythologisierung geht der Große Hund immer erst im Herbst auf, er ist eines der schönsten Wintersternbilder. Der Bedeutung imponiert das wenig, sie hat sich bruchlos fortgeschrieben. Die Hundstage sind nicht im September oder Oktober, sondern jetzt, kein Zweifel: Deutschland ächzt, wie man so sagt, unter einer Hitzewelle.

In den Jahren, in denen der spätere Schriftsteller Friedrich Christian Delius sich daran machte, die meteorologische Semantik unter die Lupe zu nehmen, wurden mithilfe des Wetters ebenfalls Mythen in die Stifte der Öffentlichkeit diktiert: Vier Schüsse kündigten den Sommer 1968 an, ein Frühling in Prag, auch Tauwetter genannt, endete blutig, und der Deutsche Herbst stand vor der Tür. Delius‘ Doktorarbeit Der Held und sein Wetter wurde bald nach ihrem Erscheinen 1971 legendär. Der Unter- titel zeigte an, wohin die Reise ging: Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus). Sprich, wer übers Wetter schreibt, darf von der Gesellschaft nicht schweigen! Noch heute wird der protestantische Autor als Experte für den literarischen Blick in den Himmel und dessen Profanierung herangezogen. Nur weist er mittlerweile darauf hin, dass die ideologischen Momente von Realität eingeholt werden könnten: „Es stimmt schon: Blauer Himmel ist neuerdings verdächtig. Blauer Himmel stand in der Literatur immer für Harmonie, aber solche Metaphorik gerät mehr denn je ins Wanken.“

Delius spricht von den Folgen des Klimawandels für die Literatur: Was soll sein, wenn nicht mehr ein metaphysisches Prinzip die Verantwortung für Hitze oder Donner übernimmt, sondern wir das tun müssen? „Wir können nicht mehr verdrängen, dass wir mitdrehen am großen Rad der Erwärmung“, sagt Delius auch. Statt der schlichten Gleichsetzung von strahlender Sonne und strahlendem Held wird der zukünftige Leser zuerst die eigene Mitschuld am Klimawandel entdecken? Das Wetter taugte dann nicht mehr zur Illustration der Befindlichkeit des Protagonisten, sondern nur mehr als Symbol für eine Ressourcen verschwendende, ökologisch ignorante Gesellschaft. Das klingt schlimmer, als es ist. Denn am Ende würde dadurch wenigstens das im 19. Jahrhundert so dreist privatisierte Wetter ein wenig politisiert.

Auch die Literaturbranche sollte sich angesichts des Klimawandels glücklich schätzen: Er kostet vielleicht ein paar Helden ihre Exklusivrechte auf Sonnenschein, sorgt im Gegenzug aber für jede Menge Bestseller à la Frank Schätzing. Überhaupt die Umsätze: Zu Weihnachten mögen die meisten Bücher verkauft werden, gelesen werden sie vorwiegend dann, wenn der erhitzte Mensch nichts anderes mit sich anzufangen weiß, als einen Blick in irgendein Buch zu werfen. Sollten die Hundstage tatsächlich immer mehr werden, dürfen sich die Verlage freuen, weil ihre Produkte dann besseren Absatz finden werden. Vor allem die Romane des bürgerlichen Realismus. Denn die erzählen von den Zeiten, da das Wetter noch allein dem Helden der Geschichte ein göttlich glänzendes Spiegelbild zurückwarf.


Katrin Schuster lebt in München

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16:27 09.07.2010

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