Alle wollen ins Kuppelkabuff

Nicht in Berlin Das begehrteste Objekt bei Airbnb ist eine winzige Hütte in den kalifornischen Wäldern
Merope Mills | Ausgabe 11/2016 4

Anfangs war sie nicht mehr als eine selbstgezimmerte Notunterkunft für einen gerade obdachlos gewordenen Freund. Heute ist die winzige Holzhütte, die in Aptos, Kalifornien, im Schutz von Eichen und Mammutbäumen steht, das beliebteste Mietangebot bei ganz Airbnb. Andere Objekte mögen mehr Glamour verströmen und auf mehr Wunschlisten stehen. Doch was die tatsächlichen Buchungen angeht, steht die Hütte – genannt The Mushroom Dome Cabin und beschrieben als „geodätisches Kuppel-Loft“ – konstant ganz oben, seit sie vor sieben Jahren erstmals auf Airbnb geführt wurde. Die über 800 Gäste haben in allen Kategorien ausnahmslos positive Bewertungen hinterlassen

Zuvor hatte ihre Besitzerin, Kitty Mrache, auf der Anzeigenwebseite Craigslist inseriert, „aber es nervte mich, wie unzuverlässig die Leute waren“, sagt sie. „Sie buchten, und dann kamen sie einfach nicht.“ Airbnb befand sich damals noch im Start-up-Zustand, der Onlineübernachtungsdienst aus dem Silicon Valley war gerade elf Monate alt. Die Unterkünfte im Angebot lagen entweder in New York oder in San Francisco. Die Mushroom Dome Cabin zählte zu den ersten Airbnb-Offerten ohne Großstadtflair.

Superstars im Silicon Valley

„Die ersten Reservierungen kamen quasi sofort“, erinnert sich Kitty Mrache, die das pilzförmige Objekt der Begierde zusammen mit ihrem Ehemann Michael managt. Wie erfolgreich sie im Vergleich zu anderen waren, wurde ihnen jedoch erst klar, als Airbnb sie zu einer Party für ausgewählte Gastgeber einlud. Dort erklärten aufgedrehte Firmenmitarbeiter den Mraches, sie seien Popstars und schleppten sie sogleich vor die Unternehmensgründer. „Das haute uns um.“ Für die Mraches war es der erste Kontakt mit der Start-up-Szene im Silicon Valley. „Wir kannten uns mit der Kultur in San Francisco überhaupt nicht mehr aus. 1968 hatte ich dort gelebt. Für mich war das ein Schock. Fast alle bei dieser Party waren jung und hip und mochten es, dass sehr laute Musik lief. Sie haben sich erlesen-extravagant gekleidet, und wir standen dazwischen in unserem Santa-Cruz-Strand-Outfit. Ich fühlte mich schon etwas fehl am Platz.“

Die Mushroom Dome Cabin, die anfangs nur knapp drei Quadratmeter Grundfläche einnahm, hat die gleiche unprätentiöse Ausstrahlung wie ihre Eigentümer. Zwar ist sie inzwischen um ein Stück verlegt, ein wenig vergrößert und aufgehübscht worden, aber ihr urig-hölzerner Charme bleibt erhalten. Bei ihrer Beschreibung auf Airbnb betonen die Mraches vor allem, wie winzig sie ist: „Die Hütte ist nicht so groß, wie sie auf diesem Foto aussieht“, lautet eine Bildunterschrift. Und eine weitere, zum klitzekleinen Badezimmer: „Der Zauber des Weitwinkelobjektivs!“

„Ich möchte, dass die Leute sich über die Platzverhältnisse keine Illusionen machen“, sagt Kitty Mrache. Für 110 Dollar können sich drei Personen in die Hütte quetschen. Über eine Leiter ist das Doppelhochbett zu erreichen. Von dort aus hat man das hölzerne Kuppeldach, das aus Dreiecksplatten zusammengesetzt ist, in Griffweite und kann durch einen gläsernen Teil dieses Dachs hinaus in den Wald schauen. Unten befinden sich ein Futon, eine Kochzeile und ein kleiner Tisch. Hinter einem Vorhang liegt das Bad, mit Komposttoilette und gefliester Mini-Nasszelle.

Nicht so groß

Viele der Mieter stehen dem „Tiny House Movement“ nah, einer Bewegung für möglichst platzsparendes Wohnen, die nicht nur in den USA in den vergangenen Jahren viel Zulauf erhalten hat. Als Mutter der Not-so-big-Bewegung gilt die Architektin Sarah Susanka, eine gebürtige Britin, die seit ihrer Jugend in den USA lebt und 1998 das Buch The Not So Big House: A Blueprint for the Way We Really Live veröffentlichte (gefolgt von Creating the Not So Big House, Inside the Not So Big House, Outside the Not So Big House und vier weiteren Standardwerken). In San Francisco und Portland gibt es inzwischen ganze Tiny House-Siedlungen. Ein durchschnittliches Tinyhouse ist um die 10 bis 40 Quadratmeter groß. „Sie wollen ausprobieren, wie sich das anfühlt, ehe sie sich selbst so etwas bauen, um darin zu leben“, sagt Kitty Mrache.

Im Airbnb-Hauptquartier steht inzwischen als Vorbild für außergewöhnliche Unterkünfte ein leicht verkleinerter Nachbau der Mushroom Dome Cabin, und eine Sprecherin des Unternehmens erklärt: „So wie all unseren Superhosts ist Kitty und Michael daran gelegen, außerordentliche Gastfreundschaft zu bieten, was das Angebot natürlich noch reizvoller macht.“

Interessenten müssen sich allerdings gedulden. Mehrere Monate lang ist inzwischen die Warteliste, und die Frühlings- und Sommerwochen sind bis auf einzelne Tage längst ausgebucht. Im ganzen Jahr 2015 war die Hütte nur drei Nächte nicht belegt. Neuerdings vermieten die Mraches auch noch eine kleine Einzimmerwohnung auf ihrem Grundstück – das Hummingbird Haven Studio –, und sie planen den Bau eines Baumhauses.

„Finanziell ist das ein großer Segen“, sagt Kitty Mrache, die ein ausgeblichenes T-Shirt mit dem Airbnb-Logo trägt. „Zum ersten Mal in unserem Leben müssen wir nicht mehr gucken, wie wir über die Runden kommen.“ Sie weiß um die Kritik an Airbnb, weil die Firma für die drastisch ansteigenden Mieten besonders rund um San Francisco mitverantwortlich gemacht wird. „Ich verstehe, dass es in der Großstadt ein Problem ist, wenn jemand zig Wohnungen auf Airbnb anbietet, anstatt dort Langzeitmieter unterzubringen. Aber der Grund, warum wir die Hütte nicht dauerhaft vermieten wollen, ist, dass ich vier erwachsene Kinder habe, die gern zu Besuch kommen.“ Willkommen sind sie ihrer Mutter jederzeit. „Sie müssen allerdings“, sagt Kitty Mrache, „auch einen Termin machen.“

Merope Mills ist West Coast Editor von guardian.com

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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