Alle Zeit der Welt

Lebensweise Können wir die Natur noch jenseits eines Kalküls von Verzicht oder Verlust betrachten? Und gar einen Sinn für uns finden?

In Lewis Carolls Erzählung Alice im Wunderland tritt gleich zu Beginn ein weißes Kaninchen auf. Es hoppelt, schaut hastig auf die Uhr und stößt immer wieder dieselbe Formel aus: „Keine Zeit.“ Das Tier hat die für schneeweiße Fabelwesen typische Aufgabe, in eine andere Welt hinüberzuleiten. Und auf dem Weg dahin ist ihm selbst die Zeit knapp geworden. In unserer Gegenwart scheint die Klimabewegung die Rolle des Mr. Rabbit zu haben. „Keine Zeit“, die Wissenschaft beweist es, die Aktivist:innen proklamieren es. Das Problembewusstsein in den Bevölkerungen wächst. Aber nicht so, dass sie mehrheitlich ihre Regierungen zur Weltrettung zwängen.

Der Hinweis, dass die Zeit dränge, verhallt auch deshalb, weil er uns allzu vertraut ist. „Keine Zeit“: das haben wir doch selber schon. Auch uns feuert das System an, wie gestresste Karnickel durch die Welt zu laufen, die immer spät dran sind. Ein Lockdown, der für kaum jemanden die Pausierung der Lohnarbeit bedeutete, ändert daran nichts. Im Gegenteil, die Pandemie bürdet allen zusätzliche Sorgelast auf. Auch die, die sonst niemanden zu versorgen hatten, waren 2020 damit beschäftigt, nicht verrückt zu werden.

Eine urkapitalistische Tugend

Was bleibt, um auf den Zeitdruck hinzuweisen? Ihn in immer düstereren (und wissenschaftlich klar belegten) Zukunftsszenarien auszumalen, zieht irgendwie nicht. Die Unbelehrbaren wittern hinter solcher Warnung sogar autoritäre Reglementierungslust. Das Einzige, wovor die Wohlstandsgesellschaften auf dem zerfallenden Planeten wirklich Angst zu haben scheinen, ist das Schreckgespenst des Verzichts. Selbst die Grünen scheuen sich, damit assoziiert zu werden. Nie wieder „Verbotspartei“! Und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) macht Klientelpolitik mit der verdrehten Formel, Klimaschutz funktioniere nur, wenn er den Wohlstand nicht gefährde.

Dabei galt der Verzicht einstmals als urkapitalistische Tugend. Die Unterjochung der äußeren Natur, so beschrieben es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung, verlange ein analoges Opfer aufseiten der inneren Natur. Bürgerliches Subjekt wurde nur, wer sich selbst zu beherrschen und Entsagung zu üben wusste. Ohne protestantische Ethik und Disziplinargesellschaft keine Akkumulation. In der Gegenwart haben Opferbereitschaft und Akkumulationswillen hingegen getrennte Wege eingeschlagen. Die einen übernachten selbst bei Schneegestöber im Wald – das eingeschneite Fahrrad ans Zelt gelehnt –, die anderen bauen Autobahnen wie eh und je. Der Kapitalismus hält offenbar selbst seine Profiteure nur noch mit dem Versprechen auf aggressive Hemmungslosigkeit bei der Stange. Denn keiner fährt Auto oder kurbelt die Konjunktur an „wie eh und je“. Wissend um den Treibhauseffekt tut man es entweder reduziert, schuldbewusst und notgedrungen – oder aber mit Nachdruck: aufbrausend-triumphal, in einer völlig entleerten Freiheitsemphase. „Ich lass’ mir nichts vorschreiben“, will sagen: „Nach mir die Sintflut!“

Kann es gelingen, dem Verzichtsunwillen die wahren Verluste entgegenzuhalten? Mit jeder Stunde, die schlägt, verlieren wir Stück um Stück die Welt. Stündlich werden es fünf Arten, 2.700 Hektar Wald, 85 Millionen Tonnen Gletschereis weniger auf der Erde. Etwa 400.000 Hektar Wald sind bis Jahresende allein in Deutschland abgestorben. Diese Angaben wiederholen aber selbst die Verdinglichung, die die Welt zur kapitalistischen Verwertung passend macht. Verlustlisten registrieren die Natur stückweise, wie mit dem Blick des Eigentümers. Solange wir die Lebensgrundlagen so betrachten, wird der Verlust an Weltinventar den des Schrankinhalts womöglich nie an Dringlichkeit überbieten.

Die Natur ist kein Reservoir an Dingen, sondern ein Ensemble von Gezeiten. Wir begreifen das Ausmaß des Weltverlusts vielleicht besser, wenn wir ihn als Zeitverlust verstehen. Aber nicht einfach im Sinne der ablaufenden Spanne – „knappe Zeit, keine Zeit, Mist, schon zu spät“ –, sondern auf Ebene natürlicher Regenerationskreisläufe. Unsere Natur besteht aus Materie, die von unzähligen Lebensvorgängen über Zeitspannen hinweg verarbeitet wird. Und zwar so, dass sich das Leben darin regeneriert. Ganz unterschiedliche Zeiten sind so in der Natur gespeichert. Ein paar Winter im Kaninchen, Jahrhunderte in Eichen, Jahrmillionen in der Kohle. So lange braucht es, bis das jeweils wieder hergestellt ist. In diese Zeit brechen seit über 150 Jahren unsere eskalierende CO₂-Emission und der Ressourcenhunger der Konsumgesellschaft ein. Das Problem ist nicht, dass wir eingreifen. Menschen müssen die Welt verändern, um gut in ihr leben zu können. Wir könnten sie dabei sogar verbessern. Das Problem besteht darin, wie wir eingreifen. Indem die profitgesteuerte Wirtschaft Dinge wahllos herausbricht und in toxischer Form wieder zurückwirft, verunstaltet sie natürliche Zeit. Regenerationszyklen bersten und driften auseinander.

Wald, Wolken, Wildtiere

Auch wenn wir die Weltgeschichte gern als reinen Fortgang menschlichen Handelns begreifen – was da zu Bruch geht ist zugleich die uns zugemessene Zeit. Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg beschreiben in Was hat die Mücke je für uns getan?, wie unverzichtbar für menschliches Wohlergehen noch die kleinsten Verästelungen der Biodiversität sind. Nicht nur gäbe es ohne die Bestäubungsarbeit der Bartmücke keine Schokolade; es verschwindet mit dem Wald auch mehr als der Baumbestand. Der Wald nimmt Windschatten, Wolken, Ackerkrume und Wildtiere mit. Dass wir, verlassen von weiten Teilen der durch uns ruinierten Natur, einsam zurückbleiben könnten, entwirft ein ganz anderes Panorama der Verzichte. Nichts davon werden Menschen mehr genießen können.

In den USA starb 2015 im Alter von 100 Jahren eine Schlüsselfigur der Linken. Grace Lee Boggs, die zeitlebens mit der Schwarzen Befreiungsbewegung zusammengearbeitet hat, versammelte bis zuletzt jüngere Generationen von Aktivist:innen um sich. Sie diskutierte, plante und unterrichtete. Eine Frage, mit der sie Berichten zufolge ihre Genoss:innen regelmäßig konfrontierte, lautete: „Wie spät ist es auf der Uhr der Welt?“ Das ist eine merkwürdige, tiefgründige Frage. Sie lenkt vom eigenen Zeitbudget ab und rückt so etwas wie das Weltzeitalter in den Blick. Sie verlangt eine internationalistische, geradezu planetare Perspektive, die bei allen Differenzen davon ausgeht, dass die Gegenwart stets auch eine allgemein geteilte Dimension enthält. Lee Boggs, die Marx’ „Pariser Manuskripte“ ins Englische übersetzt und selbst mehrere Bücher verfasst hat, wandte sich im Alter vermehrt ökologischen Fragen zu. Die Uhr der Welt muss auch Naturzeit registrieren. Denn in der Gegenwart kreuzen sich alle Gezeiten. Die Regeneration der Bartmücke (ein paar Tage) und die der Braunkohle (ein paar Jahrmillionen). Solchen jeweiligen Stand müssten wir lesen lernen, wenn wir weltwahrend in der Natur weiterarbeiten wollen, anstatt sie leerzubeherrschen.

Das aber bräuchte Zeit. Stattdessen treffen die ausgehöhlten planetaren Lebensrythmen in der Gegenwart mit unserer eigenen Erschöpfung zusammen. Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: dass wir keine Zeit hatten, als der Natur an etlichen Stellen die Zeit ausging. Dass wir selbst gezwungen waren, unsere Arbeitszeit in Formen der Selbsterhaltung zu stecken, die dem Anliegen der Naturerhaltung meist sogar direkt entgegenlaufen. Was sagt die Uhr? Feierabend! Feiertage! Wo keine Zeit ist, müssen wir sie offenbar erst noch schaffen – oder auch zurückerobern.

Unsere eigene Lebenszeit ist das einzig unersetzbare Gut. Wir können Unmengen von Weltzeit konsumieren. Wir können in einer überheizten Wohnung beim Abendessen verpuffen lassen, was in Hunderttausend Jahren nicht zu regenerieren sein wird. Was wir nicht können, ist einen einzigen unserer vergangenen Tage wieder auszugraben. Außer als Geschichte. Aber das ist gefährlich. Denn Geschichten bringen die Frage auf nach ihrem Sinn. War es sinnvoll, seine Zeit so zuzubringen? Möchten wir nicht eine andere Geschichte erzählen können? Wie auch immer man sich das vorstellt, dem Kaninchen in seinen Gang zu folgen – wenn wir das Experiment angehen wollen, unsere Wirtschaftsweise radikal umzugestalten, müssen wir vor allem auf vertraute Opfer verzichten. „Keine Zeit“, das mag jetzt gelten. Aber eine lebendig erhaltene Natur, das hieße: alle Zeit der Welt.

Eva von Redecker ist Philosophin, ihre jüngste Buchveröffentlichung ist Revolution für das Leben: Philosophie der neuen Protestformen

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06:00 26.12.2020

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