Alle Zeit ist Geld

Hochschulreform-Ruin Nachruf auf die Universität als unabhängigem Ort

Es ist so weit. Mit Beginn dieses Semesters sind an einem Großteil der Universitäten in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen allgemeine Studiengebühren fällig geworden, vorerst meist 500 Euro pro Semester. Im Wintersemester zieht das Saarland nach, voraussichtlich auch Hessen, wo noch über eine Verfassungsklage entschieden werden muss; Hessen hat im Landesgesetz eine Klausel zur Bildungsfreiheit verankert.

Was das heißt, lässt sich zu drastisch kaum ausdrücken. Es ist der vorläufige Tiefpunkt eines Prozesses, der sich in den Begriff der Hochschulreform hüllt und auf nichts anderes abzielt als auf die Zerstörung dessen, was der Gründungsgedanke der modernen Universität gewesen ist: ein unabhängiger Ort zu sein, an dem sich Erkenntnisse im freien Wettstreit untereinander Anerkennung erwerben, und zwar gemessen am Kriterium der Wahrheit und nicht der Verwertbarkeit. Ideologisch gestützt wird die "Reform" von angeblich weisungsfreien, in Wirklichkeit interessegeleiteten Organisationen, vor allem dem von Bertelsmann gesponserten "Centrum für Hochschulentwicklung" (www.che.de). Der Versuch, dem etwas entgegenzusetzen, führt zu der Frage, was Bildung und Wissen heute bedeuten und was ihre grundsätzlichen Bedingungen sind.

Zunächst stößt man dabei auf die Kategorie Zeit. Seit Zeit Geld wurde, sind die sozialen Kämpfe an ihr Terrain gekettet: Je mehr die alte Industriegesellschaft schwindet, desto direkter scheint dieses Terrain selbst zum Kampfplatz zu werden. Es ist sinnvoll, in Anlehnung an Sigmund Freud und Walter Benjamin eine Zeit der Information und eine der Erfahrung zu unterscheiden, die miteinander im Widerstreit liegen. Wo die Zeit der Information sich chronologisch fassen, messen, berechnen oder zählen lässt, da gehorcht die der Erfahrung weder der Uhr noch einem linearen Nacheinander. Sie hat im Gegenteil damit zu tun, dass Zeiten sich durchkreuzen, durchlöchern, ineinandergreifen, dass Vergangenes, Unbewältigtes, Unverstandenes plötzlich wiederkehrt, um sein Recht zu fordern. Anders gesagt: geht es bei der Zeit der Information um die Kunst des Verstehens, so liegt der Zeit der Erfahrung zuerst einmal die Kunst des Nicht-Verstehens zu Grunde.

Nun weiß jeder, der sich einmal ernsthaft und länger mit einem Thema beschäftigt hat, dass alles, was man wirkliches Lesen, Erkennen, Forschen und Begreifen nennen kann, zunächst auf die Kunst des Nicht-Verstehens angewiesen ist, auf eine Zeit, die sich der Uhr entzieht. Das Problem ist aber, dass die Universität als paradigmatischer Ort dieser Zeit in besonderem Maß einer Beschleunigungsbewegung unterliegt, die man als Kampf der Information gegen die Erfahrung bezeichnen könnte. Dieser Kampf beginnt in der Schule, die wie die Universität seit geraumer Zeit von ökonomistischer Ideologie und entsprechenden Lehrkonzepten überrollt wird. Bestes Beispiel dafür ist die Reihe "einfach klassisch", die der Cornelsen-Verlag für den Deutschunterricht anbietet: Ausgaben literarischer Texte, bei denen alles gestrichen oder paraphrasiert wird, was als zu schwierig erscheint. "Für die meisten Schülerinnen und Schüler sind die Texte sehr schwer verständlich, da sie veraltete Wörter und Ausdrücke enthalten. Der Lesefluss wird immer wieder unterbrochen, weil Erklärungen nachgeschlagen werden müssen", heißt es auf der Verlagsseite. Die Lösung: "Inhaltlich schwer zugängliche oder weitschweifige Textpassagen wurden weggelassen oder durch Moderatorentexte ersetzt." Deutlicher kann man es nicht sagen: Was nicht sein darf, ist die Unterbrechung der linearen Zeit. Es wäre der Moment, in dem sich Denken ereignen könnte.

Eben diese Tendenz, Wissen und Verstehen unter das Diktat der linearen Zeit zu zwängen, verheert auch die Universität. Zunächst folgt aus ihr die falsche Annahme, das, was man dort lernen kann, sei etwas Abgeschlossenes, von vornherein Definiertes und damit ein der täglichen Veränderung enthobenes Gut, das in einem streng abgesteckten Zeitrahmen sich angeeignet werden kann. Der Zeitrahmen wird immer enger: Inzwischen kann es passieren, dass ein 26-Jähriger, der nach elf Semestern mit Summa cum laude abgeschlossen, publiziert und Praktika absolviert hat, sich bei der Bewerbung um ein Promotionsstipendium vom Stiftungsgutachter anhören muss, er sei schon sehr alt.

Nach dieser Fehlannahme wurden auch die vermeintlich praxisorientierten, international vergleichbaren Bachelor-Master-Studiengänge strukturiert, die bundesweit den Magister ablösten. Ergebnis sind Studienpläne, die das Studium in vielen Fällen erschwert bis verunmöglicht haben. Die Aufteilung der Studieninhalte in angeblich aufeinander aufbauende Module hat neben einer massiven Verschulung vor allem eine enorme zeitliche Überlastung zur Folge. Die vorgegebenen Stundenpläne sehen bisweilen über 40 Semesterwochenstunden vor, die kaum mehr vor- und nachbereitet werden können; ständig müssen mit unzähligen "credit points" Studienerfolge belegt werden. Es kommt vor, dass elf Klausuren in zwei Wochen geschrieben werden; Semesterferien können so aussehen, dass innerhalb von acht Wochen, von denen die Hälfte Praktikumszeit ist, zwei Hausarbeiten, zwei schriftliche "Ausarbeitungen" und ein Praxisbericht angefertigt werden müssen.

Nächstes Resultat dieser Umstrukturierung ist eine falsche Trennung von Forschung und Lehre. Denn der Versuch, das Studium auf die Bereitstellung informativen Wissens zu verkürzen, leugnet, dass es zwar Forschung ohne Lehre geben mag, niemals aber - nicht einmal in Grundkursen - eine Lehre, die nicht zugleich auch Forschung wäre. Egal ob philosophischer Text, mathematische Formel oder Gedicht: Wer sein Fach ernstnimmt, weiß, dass diese Gegenstände radikal gesprochen nicht nur jedes Semester, sondern jede Woche und jeden Tag etwas anderes darstellen und ein Seminar darum immer wieder neue, gemeinsam zu betreibende Forschungsarbeit ist. Der Versuch, Lehre als Vermittlung eines angeblich geschlossenen Wissens zu konzipieren, führt hingegen unweigerlich zur klassischen Autoritätsfigur des Professors der alten Ordinarienuniversität. Gerade bei Studierenden, die die jüngsten "Reformen" befürworten, gibt es immer wieder die untertänige Sehnsucht nach der Neuauflage dieses Auslaufmodells.

Man hat es insgesamt also mit einem Prozess zu tun, der auf die Probleme der alten Universität eine falsche Antwort nach der anderen gegeben hat, die dann ihrerseits zu weiteren falschen Antworten führen. Bisheriger Höhepunkt dieser Logik ist nun die endgültige Zurichtung von Bildung zur Ware, einem Hauptargument für die Gebühren. Im Jargon des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), studentischer Ableger der CDU: "Das gegenwärtige System einer anonymen Staatsfinanzierung ist eine der Ursachen für die geringer ausgeprägte Betreuungsmentalität ... Studiengebühren dagegen schaffen eine unmittelbare Anbieter-Nachfrage-Situation, die das teilweise Desinteresse zwischen Lehrenden und Lernenden von beiden Seiten her überwindet: Die Bezahlung von Lehre als hochwertige Leistung erhöht die Motivation der Lehrenden als Dienstleister, und die Lernenden können als zahlende "Kunden" ganz anders eine adäquate Leistungserbringung einfordern." (www.studiengebuehren.de) Letztlich ist das purer Konsumismus; als ob Bildung nichts sei, was man sich erarbeitet, sondern wie einen Supermarktartikel kaufen kann. Entgegen der Behauptung, Gebühren lehrten den Wert des Studiums zu schätzen, drückt sich hier darum vielmehr die völlige Missachtung dieses Wertes aus, eine Denkfeindlichkeit, die ein Studium nicht als aktive Arbeit begreift, sondern als Dienstleistung, die man bisher fälschlicherweise umsonst bekommt. Das ist auch der Grund dafür, dass diese "Reform" historisch die erste radikale Umformung der Hochschule ist, die keine Idee ihres gesellschaftlichen Ortes hat. Denn ein Studium erscheint nicht mehr als gesellschaftlich relevantes Element wissenschaftlichen Fortschritts, sondern als reine Privatinvestition - ein CDU-Politiker belehrte Bochumer Studierende 2005: "Betrachten Sie Gebühren nicht als Verschuldung, sondern als Investition", um denen, die sich gegen die Behauptung wehrten, wer studiert habe, gehöre automatisch zu den Besserverdienenden, dann noch zu erklären, sein Sohn habe "eben Jura studiert". Diese Mischung aus Geringschätzung intellektueller Arbeit und zynischer Ignoranz gegenüber der oft prekären finanziellen Situation vieler Studierender befördert zugleich die regelmäßigen Sozialneiddebatten und ermöglicht eine Politik wie in Eppelheim (Baden-Württemberg), wo man die Gebühren in der Alten- und Kinderbetreuung abarbeiten kann. Diese "Lösung" kommt aus Österreich und wird auch von Studierenden mit Argumenten verteidigt, die alten Volksgemeinschaftsideologien entstammen.

Die andere Frage ist, ob das Geld überhaupt zur Verbesserung der Lehre eingesetzt wird - was zu Lasten der Geisteswissenschaften ginge, die mit circa zwei Dritteln der Studierenden die teureren Naturwissenschaften finanzieren würden. Selbst wo es Prüfungskomitees gibt wie in Nordrhein-Westfalen, fließt ein Teil in Staatsdefizite. Dort vergibt die NRW-Bank als direkte Tochter des Landes Kredite für mittellose Studierende, erhält dafür aber von den 500 Euro der zahlenden jeweils 115 Euro, die in einen "Ausfallfonds" kommen. Pro Jahr kassiert die Bank 5,9 Prozent Zinsen; falls die Kredite nicht zurückgezahlt werden können, wird das Geld aus dem Ausfallfonds erstattet. Ein Teil der Gebühren geht so versteckt direkt ans Land. Und trotzdem ist damit zu rechnen, dass der Staat sich weiter aus der Hochschulförderung herausziehen wird.

Dieser Irrsinn besitzt ungeheure Dynamik, und wer um das Jahr 2000 herum zu studieren begonnen hat und mit jetzigen Anfängern spricht, fühlt sich, als stehe er mit einem uralten Plan in einer Stadt, die durch ein Flächenbombardement verwüstet wurde. Trotz guter Einzelaktionen - in Bochum etwa die Besetzung eines alten Mensa-Gebäudes oder der Versuch der Theaterwissenschaft, die versprochene Befreiung ehrenamtlich Arbeitender zu nutzen und 140 Mitglieder in den Fachschaftsrat zu wählen - ist es bisher freilich kaum gelungen, die Studierenden gegen diesen Ruin zu organisieren. "Es gibt einen Grad an Unterdrückung, der als Freiheit wahrgenommen wird", notierte einst Ernst Jünger.


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00:00 13.04.2007

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