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Erfolgsgeschichte Hinter den Kulissen: Wie in Berlin die „nichtkünstlerisch Beschäftigten“ der Opernstiftung einen Tarifvertrag erkämpften, in dem West gleich Ost ist

Mit Urlaub wird es in diesem Sommer schwierig. Das weiß Wolfgang Baum schon lange. Der Tischler gehört zum „Umzugsteam“, das den Zusammenzug aller bisher verstreuten Werkstätten der Berliner Opernstiftung in die neue Zentralwerkstatt bewerkstelligen soll. Nicht nur für Baum das zweite Großereignis 2010. Das erste gab es zu Jahresbeginn, als endlich ein Tarifvertrag für alle 800 nichtkünstlerischen Beschäftigten der Stiftung Oper in Berlin unterschrieben wurde: Selbst als der Abschluss mit Sekt begossen wurde, kannte kaum jemand den endgültigen Vertragstext. Noch am Abend zuvor hatte Kultursenator und Stiftungsvorstand Klaus Wowereit seine Verwaltung erneut rechnen und Feinheiten präzisieren lassen. Dann gab er grünes Licht für ein Tarifwerk, um das zwei Jahre lang gestritten worden war. Es beendet einen langen tariflosen Zustand, sichert einheitliche Regeln und perspektivisch den Anschluss an die Lohntabellen des öffentlichen Dienstes. Das ist ein Erfolg. Und der war überfällig.

„Man hat uns zeitweise ganz schön verscheißert“, sagt Wolfgang Baum. Die ersten Protestschilder „Tarifvertrag jetzt!“ sind vor Jahren durch seine Hände gegangen. Baum und seine knapp 20 Kollegen in den Dekorationswerkstätten an der Berliner Chausseestraße sind Spezialisten für alles, was aus Holz oder Kunststoff auf der Bühne zum Einsatz kommt. Schon während der Lehrzeit Mitte der achtziger Jahre bekam Baum ein Gefühl für das Machbare. Ein Vierteljahr Ausbildung bei den Bühnenhandwerkern gehörte dazu, wenn man Tischler mit Spezialisierung Dekorationsbau werden wollte. Ein Pfund, mit dem sich noch immer wuchern lässt. Aktuell wird für das Staatsballett gebaut. Bei diesem Bühnenbild werden alte Scheuenbretter aus Siebenbürgen verarbeitet, „so original, dass man die Schafe noch riechen kann“. Auch Türen für Bühnenbilder im Deutschen Theater oder die Showtreppe für die Winterrevue im Friedrichstadtpalast hatte Baum in Arbeit. Es gibt mehrere Auftraggeber. Alles muss schneller gehen.

Nach den Einsparungen der letzten Jahre sind nur noch halb so viele Tischler da, alle mindestens um die 40. Dass er es „warm und trocken“ hat bei überwiegend geregelten Arbeitszeiten, schätzt Familienvater Baum wie den regelmäßigen Lohn auf dem Konto. Doch nicht nur um die eigene Sicherheit geht es ihm: „Man sieht uns leicht als fünftes Rad am Wagen, nicht als fünfte Säule der Opernstiftung“, beklagt er.

Drohkulisse Streik

Ein Tag der Offenen Tür im September 2009 war deshalb seine Idee. „Wir wollten zeigen, wer wir sind und was es heißt, dass wir von Opern und Ballett Aufträge und damit auch Geld brauchen.“ Die Geschäftsleitung des Bühnenservice zog schließlich mit. Ein „richtiger Familien-Event“ sei der Tag geworden mit Hunderten Besuchern. Drei kulturpolitische Sprecher aus dem Abgeordnetenhaus hatte Baum persönlich zum Kommen überredet – „wir brauchen Verbündete.“

Die suchte man auch für den Tarifvertrag. Ohne die Ausdauer der „Unsichtbaren“, wie sich die Beschäftigten hinter den Kulissen des Berliner Opernbetriebes selbst bezeichnen, wäre es dazu nie gekommen. Nach Stiftungsgründung nicht mehr Landesbeschäftigte, forderten sie als engagierte Theaterleute ihre Rechte ein: für Ankleiderinnen, Beleuchter, Bühnentechniker, Maskenbildnerinnen, Pförtner, Requisiteure, Tontechniker, Verwaltungsangestellte. Nicht zu vergessen die Werkstattbeschäftigten. Zweimal standen die „Unsichtbaren“ für ihre Forderungen auf offener Bühne.

Das überraschte Opernpublikum hat am Ende applaudiert. Doch: keine einzige Vorstellung haben die „Nichtkünstlerischen“ platzen lassen. Im vergangenen November, bei Placido Domingos Gastspiel Unter den Linden schrammte die internationale Opernwelt knapp am Eklat vorbei. Die Beschäftigten waren drauf und dran, den zehnstündigen Aufbau für Simon Boccanegra zu bestreiken. Knapp zuvor einigten sich die Verhandler auf „Eckpunkte“. Dass es zum endgültigen Vertragsabschluss noch bis Ende Februar brauchte, ist typisch für das Auf und Ab dieses Tarifstreits.

Die Werkstattbeschäftigten wollten zugleich Beschäftigungssicherung und eine Bestandsgarantie für den Bühnenservice erstreiten. „Lohnforderungen sind darüber fast in den Hintergrund getreten“, erläutert Sabine Schöneburg, Verhandlungsführerin von ver.di. Tatsächlich wurden moderate Erhöhungen auch erst ab 2012 und ein Anschluss an die Lohntabelle des Landes Berlin ab 2015 vereinbart. „Wichtiger war den Kolleginnen und Kollegen Arbeitsplatz- und sogar Qualitätssicherung. Am liebsten hätten sie Stellen und Gewerke so festgeschrieben, dass Qualität geliefert werden kann und keine Bereiche outgesourct werden dürfen.“ Damit wollte man letztlich zu viel. Auf Arbeitgeberseite wurde das als Eingriff in unternehmerische Freiheit und Personalhoheit gesehen. Für die ver.di-Frau dennoch „eine ganz neue Dimension“ von Tarifrunde, die Vereinheitlichungen für Ost und West bringt und in der viele neue Gewerkschaftsmitglieder gewonnen wurden.

Statt der Stellenzahl im Bühnenservice wurde der „Kontrahierungszwang“ zementiert – Opern und Ballett müssen zuerst die eigenen Werkstätten beauftragen. Die neue Zentralwerkstatt nahe dem Ostbahnhof ist Ausdruck dieser Idee. Jetzt muss der Neubau fertig werden. Und der Umzug klappen. Wolfgang Baum, der Tischler, plant mit. Neuerdings praktisch unkündbar.

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14:00 29.05.2010

Ausgabe 38/2020

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