Allein gegen die Mafia

Porträt Rena Dourou ist Präfektin von Attika – und Syriza-Mitglied. Im polarisierten Land steht sie unter besonderer Beobachtung

Als Rena Dourou ihre Arbeit als Präfektin der Region Attika, zu der auch die griechische Hauptstadt Athen gehört, aufnahm, zitterten die Beamten. Die 40-Jährige, die im vergangenen Mai als erstes Mitglied der linken Syriza-Partei ein hohes politisches Amt antrat, hatte im Wahlkampf versprochen, gründlich aufzuräumen. Wo würde sie anfangen? Bei der grassierenden Korruption unter Staatsdienern oder bei der über Jahrzehnte eingespielten Vetternwirtschaft? „Das Erste, was ich zeigen wollte“, sagt sie, als sie sich nach zwölf Stunden im Büro aufs Sofa fallen lässt, „ist mein Glaube an den Wert harter Arbeit. Mir ist nichts in den Schoß gefallen, ich bin nie privilegiert gewesen. Das ist der Unterschied zwischen uns und denen.“ Im mittlerweile hoch polarisierten Griechenland und erst recht im Zeichen von Parlamentswahlen, die einen Bruch mit der Europäischen Union bringen könnten, steht Dourou unter besonderer Beobachtung. Botschafter und Emissäre der Euro-Staaten, die mittlerweile 240 Milliarden für das insolvente Griechenland bereitgestellt haben, geben sich bei ihr die Klinke in die Hand.

Als Bündnis von sozialistischen Gewerkschaftern, Ex-Kommunisten, Maoisten, Trotzkisten und Grünen war Syriza noch vor drei Jahren eine politische Randerscheinung. Ihren rasanten Aufstieg verdankt die Partei ihrer Opposition gegen die harten Sparmaßnahmen, zu denen sich Griechenland im Austausch gegen die Finanzhilfen verpflichtet hat. Mittlerweile gelten die Linken als Favoriten für die Wahlen am 25. Januar. Von Dourou, die aus der Antiglobalisierungsbewegung kommt, erhofft man sich Aufschluss darüber, wie sich Syriza an der Macht benehmen würde.

„Wir befinden uns im Krieg“

Ein Wahlsieg von Syriza hätte nicht nur für Griechenland historische Bedeutung, sondern für ganz Europa, sagt sie: „Seit der Gründung des modernen griechischen Staates im Jahr 1821 ist die Linke nie an der Macht gewesen. Sie kann und wird frischen Wind bringen.“ Nachdem die Austeritätspolitik Griechenland in die längste Rezession Europas gestürzt habe, sei ein grundlegender Wandel nötig, um die „humanitäre Krise“ zu bewältigen. „Wir befinden uns im Krieg“, erklärt Dourou und lässt eine Liste der Leiden folgen, die der Wirtschaftszusammenbruch von 2009 nach sich gezogen hat. „Alle meine Freunde sind Wirtschaftsmigranten, geflohen vor Armut und Arbeitslosigkeit. Wir Verbliebenen müssen an zwei Fronten kämpfen: für die Lösung der ganz unmittelbaren Probleme und für die Reparatur des zerstörten politischen Systems.“

In vieler Hinsicht verkörpert Dourou diesen Wandel selbst. Als Tochter eines Polizisten wurde sie in der Arbeitervorstadt Aigaleo im Westen Athens geboren und ging barfuß zur Schule. In Aigaleo lebt sie noch heute. Das einzige Foto auf ihrem Büroschreibtisch zeigt sie am Tag ihrer Amtseinführung zusammen mit ihrer Mutter. „Meine Eltern waren konservativ, aber sehr aufgeschlossen. Und sie taten alles, um mir die beste Ausbildung zu ermöglichen.“ So konnte Dourou an der Essex University in England Politik studieren. Aber gerade weil sie nie die Vorzüge genossen hat, die dem Parteinachwuchs von Nea Dimokratia und Pasok gewährt werden – den beiden Kräften, die sich in Griechenland in den letzten 40 Jahren an der Macht abgewechselt haben –, kann sie, wie sie sagt, auch heute gut darauf verzichten. „Schauen Sie sich dieses Haus an.“ Sie meint den orwellschen Büroklotz im Zentrum Athens, in dem die Präfektur untergebracht ist. „Es ist lächerlich. Wir werden so bald wie möglich umziehen.“ In dem Klotz haben nur etwa 100 der 2.200 Präfekturangestellten ihre Arbeitsplätze. Der Staat zahlt dafür 80.000 Euro Monatsmiete.

Entschlossenheit der Linken

Dourou verfügt über ein Jahresbudget von rund 575 Millionen Euro. Als erste politische Maßnahme erhöhte sie den Etat für die Sozialfürsorge von 1,9 Millionen auf 13,5 Millionen Euro. Mit diesem Geld wurden, in Zusammenarbeit mit der griechisch-orthodoxen Kirche, kostenlose Suppenküchen eingerichtet, die medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung gewährleistet und Unterstützung für misshandelte Frauen bereitgestellt; häusliche Gewalt ist seit Beginn der Krise ein wachsendes Problem. Umstrittener waren Dourous Entscheidungen, die 38.000 vom Stromnetz abgeschnittenen Einwohner des Großraums Athen wieder mit Elektrizität zu versorgen und Mauschelverträge bei der Müllentsorgung aufzukündigen.

Eine Kostprobe von der Entschlossenheit der Linken, die mit der Finanzhilfe verbundenen Auflagen infrage zu stellen, gab sie beim Thema Mitarbeiterevaluation, die zu den zentralen Forderung der Troika zählt: „Ich bin nicht grundsätzlich gegen Evaluation. Aber wenn von vornherein festgelegt wird, dass 15 Prozent durchfallen müssen, ist das ein reiner Vorwand für Stellenstreichungen, und das akzeptieren wir nicht.“ Dagegen besteht sie darauf, Mitarbeitern, die sich ihre Posten erschlichen haben, sofort zu kündigen und Disziplinarverfahren gegen sie einzuleiten. Kritiker werfen Dourou mutwillige Aufsässigkeit vor. Mit ihrer konfrontativen Politik fache Syriza Ängste vor einem Rauswurf des Landes aus der Eurozone neu an. Parteichef Alexis Tsipras hat deshalb eine Charmeoffensive gestartet, um Europa zu überzeugen, dass Syriza einen Ausschluss nicht riskieren werde.

Welcher Kampf der Partei damit bevorstehen könnte, deutet sich an, wenn Dourou sagt, die Linke habe sich zu lange geweigert, Kompromisse einzugehen: „Die Kommunistische Partei zum Beispiel hat immer die Behaglichkeit der Opposition vorgezogen. Und bei uns gibt es Leute, die mir vorwerfen, ich sei zu gemäßigt. Aber wie heißt es so schön? Man kann kein Omelett braten, ohne Eier aufzuschlagen. Wir werden unsere Politik machen – und an den Ergebnissen lassen wir uns messen.“

06:00 23.01.2015
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