Allein geherrscht

Steve Jobs Unser Autor ist ein Apple-Fan der ersten Stunde. Als Steve Jobs zum Helden wurde und der Kontrollsucht verfiel, distanzierte er sich von ihm. Nun wird er nostalgisch

Wenn die Historiker auf Steve Jobs' Leben zurückblicken, werden sie von einem Mann der Widersprüche und der Genialität berichten. Für die Legionen von Apple-Fans hingegen geht es um etwas Persönliches.

Steve Jobs hat eines der wertvollsten Unternehmen der Welt geführt, das wie wohl kein anderes von seinen Kunden geliebt wurde und eine Reihe innovativer, immer eleganter Produkte herausbrachte, die einen Wert hatten und Freude machten. Und so ist angesichts seines Scheidens zu beobachten, dass sich echtes Gefühl Bahn bricht.

Jobs Karriere war in jeder Hinsicht erstaunlich. Er war am Aufbau von Apple, dem ersten ernstzunehmenden Anbieter von Personal Computern, beteiligt. Von den Managern, die er einst selbst in die Firma geholt hatte, wurde er vertrieben. Die Jahre, die er nicht bei Apple war, verbrachte er aber keineswegs in der Wüste. Er leitete Pixars Aufstieg zu einem der kreativsten Filmstudios, während man dort die Animationstechnik revolutionierte und gründete mit NeXT einen „Fehlzünder“, auf dem später die modernen Mac-Betriebssysteme basieren sollten. In diesen Jahren eignete er sich das Wissen und die Fähigkeiten an, die er brauchte, um Apple in seine besten Zeiten zu führen.

Von anderen seiner Branche unterschied ihn vor allem sein vortreffliches Gespür für Produktdesign und die Fähigkeit, intuitiv zu begreifen, was die Leute wollen und benutzen würden. Nimmt man seine Führungs- (und Verkaufs-)Fähigkeiten hinzu, war er der beeindruckendste CEO der jüngeren Zeit. Ich selbst war ebenfalls Apple-Fan und -Jünger, vor allem als Apple die weitaus bessere Alternative zum Microsoft-Imperium darstellte – und Apple war nun einmal Klassenbester, Punkt. Mein erstes Apple-Produkt habe ich 1970 gekauft.

Nicht länger sein Kunde

Doch im letzten halben Jahrzehnt, in dem Apple zunehmend mächtiger wurde, schwand meine Begeisterung für eine Firma, die ich mit Worten und letztlich zehntausenden Dollar meines eigenen Geldes unterstützt hatte, zusehends.Wo Jobs Freiheitskämpfer gewesen war, wurde er zum Alleinherrscher, der neben der fortbestehenden, sogar gesteigerten Innovativität ein Regime der Geheimhaltung, Manipulation und Kontrollsucht schuf.

Mein Respekt – nein, meine Ehrfurcht – für Steve Jobs Genie ist nur gewachsen. Letztlich konnte ich ihm aber nicht in einen mit einer Mauer umgebenen Garten folgen, so behaglich dieser auch sein mochte – denn er widersprach allem, an das ich glaubte und für das ich stand. Ich war nicht länger seine Art Kunde. Er hatte es auf die Massen abgesehen, die lieber in Apples warmer, aber beherrschender Umarmung lebten. Und er hatte Erfolg.

Die Konkurrenz ist bislang nicht an Apples so elegante, leicht zu handhabende und spielerische Vereinigung von Hard- und Software herangekommen. Doch der Stil, der Apple so beliebt gemacht hat, hält immer mehr Einzug bei Elektrogeräten aller Hersteller, die wir heutzutage verwenden. Dieser Trend wird sich wohl fortsetzen.

Aus einem Grund jedoch sieht es für den langfristigen Übergang bei Apple düster aus. Die Techniker und Designer dort sind phänomenal. Jobs hat damit ein Team geschaffen, das seines Gleichen sucht, und Tim Cook, sein Nachfolger als CEO hat einen der geschmeidigsten operativen Apparate weltweit geschaffen. Mit dem, was sich in der Pipeline befindet, wird man die Fahrt zweifelsfrei noch einige Jahre ungebremst fortsetzen können.

Allerdings hat sich diese respekteinflößende Mannschaft in den wichtigsten Fragen Steve Jobs' Sinn für Design unterworfen. Nun ist er nicht mehr da. In den kommenden Jahren werden alle derartigen Entscheidungen – immerhin die wichtigsten, die ein Anbieter von Konsumgütern zu treffen hat – von Zweifeln begleitet werden. Hätte Steve gerade diese Entscheidung getroffen?, wird jeder fragen und niemand wird es mit Sicherheit sagen können.

Macht was aus eurer Zeit

Während ich dies schreibe, präsentiert die Apple-Homepage sich angemessen und ergreifend. Sie zeigt ein Foto Steve Jobs' in seiner noch nicht lange zurückliegenden Blüte, nachdem er gerade zu Apple zurückgekehrt war. Da zehrte ihn die Krankheit noch nicht auf. Vollkommen zuversichtlich und ein bisschen verschmitzt blickt er in die Kamera.

Ich habe heute eine Mail an meine Studenten verschickt. In dieser Mail – und auf meinen Profilen bei sozialen Netzwerken – habe ich auf eine eindrückliche Rede verlinkt, die Jobs vor ein paar Jahren vor Studenten der Universität von Stanford gehalten hat. Die Eindringlichkeit dieser Ansprache geht über sein Genie als Produktzauberer, Werbender und CEO hinaus und rückt einen Mann ins Licht, der zugehört, gelernt und geführt hat.

Was er diesen Absolventen zu sagen hatte, dürfte das Beste sein, das Steve Jobs zu hinterlassen hat. Das hier sollten wir alle im Gedächtnis behalten: „Eure Zeit ist begrenzt, vergeudet sie also nicht darauf, das Leben eines anderen zu leben. Seid nicht vom Dogma gefangen, davon, mit den Ergebnissen dessen zu leben, was andere gedacht haben. Lasst den Lärm anderer Meinungen nicht eure eigene innere Stimme übertönen. Und habt vor allem den Mut, eurem Herzen und eurer Intuition zu folgen. Irgendwie wissen diese bereits, was ihr wirklich werden möchtet. Alles andere ist zweitrangig.“

Dan Gillmor is Direktor des Knight Centre für digitales Medienunternehmertum an der Walter Cronkite- Schule für Journalismus und Massenkommunikation der Arizona State University

Übersetzung: Zilla Hofman

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17:00 06.10.2011

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