Allein gelassen

Kommentar Für Orhan Pamuk steht die Politik nicht im Vordergrund

Dass die Verleihung des Literaturnobelpreises 2006 an Orhan Pamuk mit der Verabschiedung des Gesetzes in der französischen Nationalversammlung zusammenfiel, das die Negierung des Genozids an den Armeniern unter Strafe stellt, löste in der Türkei keine Freude aus, sondern bot gewissen Kreisen einen Vorwand, alte Streitfragen aufzuwärmen. Die Intellektuellen teilen sich bei dem Problem zwar in zwei Lager. Dennoch wurden das Talent des Schriftstellers sowie sein Einfluss in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hervorgehoben.

Die damalige junge Generation hatte versucht, das Trauma des Militärputsches von 1980 mit den Büchern von Orhan Pamuk zu verarbeiten. Insbesondere der in Deutschland noch nicht veröffentlichte Roman Cevdet Bey ve Ogullari (Herr Cevdet und seine Söhne), ein Bildungsroman in der Art von Thomas Manns Buddenbrooks, ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Türkei. In dem in Deutschland ebenfalls unveröffentlichten Roman Sessiz Ev (Das Stille Haus), der bereits Ende der achtziger Jahre in Frankreich erschien, wird ein Wohnviertel zum Mikrokosmos, in dem Pamuk die Konflikte zwischen Rechten und Linken veranschaulicht. Er erzählt hier via Kücükyali, einem Naherholungsgebiet in Istanbul, vom ideologischen Kampf sowie den leidenschaftlichen Lieben einer ganzen Generation in der Türkei.

Das zu Beginn der Neunziger veröffentlichte und mit Spannungselementen eines Kriminalromans geschriebene Das schwarze Buch handelt vom Leben in Istanbul, Verschwörungstheorien sowie von Zwillingen. Das gilt auch für Die weiße Festung, in dem es ebenfalls um Duplizität geht: Mit seiner Idee von der extremen Ähnlichkeit zwischen einem venezianischen Sklaven und einem osmanischen Weisen konterkarierte Pamuk zum ersten Mal die in der literarischen und intellektuellen Geschichte des Landes seit den sechziger Jahren herrschende Kulturthese des Schriftstellers Kemal Tahir. Hatte der von der einzigartigen Kultur des Ostens gesprochen, wird bei Pamuk endlich ihre Verschachtelung mit anderen Kulturen evident. Keine Kultur bleibt im eigenen Korsett gefangen.

In Schnee taucht das politische Gesicht Pamuks etwas mehr aus dem Wasser auf, das ihm seit dessen ersten Romanen nie anzusehen war, wie tief unter einem Eisberg versteckt lag. Denn hier werden der Kemalismus sowie die islamische Opposition in der Republikgeschichte über die Stadt Kars behandelt (einer der ersten Glückwünsche, die der Schriftsteller nach der Verkündung des Nobelpreises erhielt, kam von dem Karser Bürgermeister). Da dieser Roman sich auf den in der Geschichte immer präsent gewesenen zwischen der Armee und der religiösen Opposition konzentriert, wurde Pamuk politisch angegriffen.

Seit dem Erscheinen von Schnee wurde in der Türkei auf der politischen Ebene über Pamuk diskutiert. Einen Höhepunkt erreichte diese Diskussion mit der Anklage nach dem Paragrafen 301 ("Beleidigung des Türkentums"). Pamuk entging nur knapp einer Verurteilung. In Wirklichkeit hatte er aber schon Mitte der neunziger Jahre durch Veröffentlichung von Essays in der Zeitung Cumhuriyet über die Kurden im Südosten der Türkei Hinweise auf sein politisches Engagement geliefert. Bereits im Jahre 1980 hatten er und der Schriftsteller Gündüz Vassaf den britischen Dramatiker Harold Pinter betreut, der unmittelbar nach dem Putsch in die Türkei gekommen war, und sich dabei mit ihm nicht nur über Istanbul unterhalten, sondern auch über die politischen Ziele der militärischen Machthaber gesprochen.

In den folgenden Jahren stand Orhan Pamuks politisches Engagement nie im Vordergrund, aber es existiert dennoch beständig. Der Schriftsteller brachte seine Rührung über den Nobelpreis in der Columbia University, in der er seinerzeit mit einem Stipendium ausgestattet Das schwarze Buch geschrieben hatte, mit den Worten zum Ausdruck: "Bitte keine politischen Fragen im Moment. Ich möchte die Ehrung genießen." Damit betonte er wiederum, dass seine politische Haltung niemals der Schriftstellertätigkeit übergeordnet ist. Auch Harold Pinter, Preisträger des letzten Jahres, merkte an, dass bei Pamuk das Schriftstellertum im Vordergrund stehe.

Aber trotz dieser Zurückhaltung scheinen die politischen Kreise nicht für ihn einzutreten. Während Staatspräsident Ahmet Nedet Sezer es vorzog zu schweigen, konnte Parlamentspräsident Bülent Aric nicht an sich halten und fragte: "Was hält er von dem Gesetz in Frankreich, das den Gedanken massakriert?" Im Grunde genommen hatte Pamuk diese Frage schon beantwortet, als er sein Bedauern kundtat, dass das betreffende Gesetz das französische Parlament passierte. Die pragmatischste Haltung zeigte Ministerpräsident Bülent Erdogan, der Pamuk am Telefon gratulierte. Aus den literarischen Kreisen klingen die Reaktionen ebenfalls bedrückend. Der älteste und hochgeschätzte Dichter der Türkei, Fazil Hüsnü Daglarca, sagte: "Für denjenigen, der nicht dem Armenier huldigt, gibt es keinen Preis." Und Alev Alatli bemerkte: "Pamuk sollte den Preis umgehend ablehnen".

In diesem Dunstkreis zeigt sich, wie Orhan Pamuk allein gelassen wird. Er wird zwar von einigen mit Anerkennung überhäuft. Aber in konservativen politischen Kreisen und unter den nationalistisch gesinnten Literaten wird er angegriffen. Diese Haltung bleibt bedrückend und beunruhigend.

Aus dem Türkischen übersetzt von Gülcin Wilhelm

Ali Akay ist Professor an der Soziologischen Fakultät der Mimar Sinan Universität der Künste in Istanbul sowie unabhängiger Kurator. Zur Zeit lehrt er am Institut National D´Histoire D´Art in Paris.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 20.10.2006

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare