Allein in London

Kooperation Seit zwölf Jahren kooperiert der Freitag mit dem britischen „Guardian“. Wie kam es dazu?
Allein in London

Illustration: der Freitag

Ich sitze mit Jakob Augstein in einem Hamburger Café. Es ist erst ein paar Wochen her, dass er den Freitag-Verlag übernommen hat. Nun ist Augstein – trotzdem – etwas betrübt. Lange haben wir über einen möglichen medialen Partner für seine linke Wochenzeitung nachgedacht, mit dem die Redaktion inhaltlich zusammenarbeiten könnte. Aber bisher haben alle abgesagt. „Wen könntest du dir noch als Partner vorstellen?“, frage ich ganz naiv. „Wenn du keine Beschränkungen hättest und jede Zeitung in Europa aussuchen könntest ... Wer wäre deine Wahl?“ – „Der britische Guardian“, sagt Augstein spontan. Ich verspreche ihm, mich mal darum zu kümmern.

Zwei Monate später. Fast täglich habe ich in den letzten acht Wochen versucht, im Dschungel der fast 1.000 Guardian-Mitarbeiter jemanden zu finden, der sich für mein Anliegen interessiert und auch zuständig ist. Ich habe mich durch alle möglichen Ressorts durchgefragt, von A wie Astrologie bis W wie Wirtschaft. Jeder Gesprächspartner fand die Unterhaltung interessant, nur um mir am Schluss zu sagen, dass man nicht zuständig sei. Spätestens jetzt ist mir klar geworden, wie unüberschaubar eines der größten Medienhäuser des Vereinigten Königreiches ist. Kein Wunder. In dem Verlag werden verschiedene Fassungen des Guardian hergestellt, nicht nur für Großbritannien, sondern auch für die USA, Australien, Indien, es wird Fernsehen gemacht und eine großartige Website, ebenfalls mit Ablegern in den USA und Indien. Aber was soll’s … Wir sind der Freitag, das spannendste Meinungsblatt Deutschlands. Endlich klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Torsten de Riese. Er arbeitet beim Guardian Professional und ist zuständig für internationale Kooperationen. Sein direkter Chef ist Colin Hughes und sitzt im Vorstand der Stiftung, die Eigentümerin des Guardian ist. Endlich bin ich da angekommen, wo ich hinwill – ganz oben.

Ich erkläre mein Anliegen und beschreibe ihm den Freitag. Etwa anderthalb Stunden unterhalten wir uns auf Englisch, bis sich herausstellt, dass de Riese aus Ostfriesland stammt und vor 17 Jahren nach England ausgewandert ist – der Liebe wegen. Der Bann ist gebrochen und wir vereinbaren weitere Arbeitsgespräche vor Ort in England. In der Folge treffen wir uns mehrmals und ich lerne seinen Chef Colin Hughes persönlich kennen, der großes Interesse an Deutschland und der deutschen Politik hat. Auch er hat deutsche Wurzeln, sein Vater war bei der britischen Rheinarmee stationiert, er ist in Westfalen aufgewachsen. Beide möchten meinen Verleger Augstein kennenlernen, von dem sie bereits viel gehört haben. Schließlich verabreden wir einen Termin in London, bei dem wir das Konzept verabschieden und die Kooperation besiegeln wollen. Ich soll unbedingt Mr. Augstein mitbringen.

Keine Zeit, keine Unterlagen

Zurück in Deutschland arbeiten Augstein und ich ein Konzept für die Zusammenarbeit aus und stellen Präsentationsmappen und Skripte her. Der Plan ist, dass ich vorausfliege und er mit dem Auto anreist. Eine Stunde vor dem Meeting um zwölf Uhr wollen wir uns in London vor dem Gebäude des Guardian treffen. Augstein nimmt im Auto alle Unterlagen mit, damit ich nicht so viel Gepäck im Flieger habe.

Ankunft in Heathrow Airport. Normalerweise nehme ich von hier immer ein Taxi, weil mir die Fahrt das gute Gefühl des Angekommenseins in meiner Lieblingsstadt gibt. Doch heute – ich habe noch ein paar Stunden Zeit und das Budget des Freitag möchte ich auch nicht zu sehr belasten – entscheide ich mich für die Fahrt mit der Tube, der Londoner U-Bahn. Dauert fast eine Stunde, kostet dafür aber auch nur den Bruchteil einer Taxifahrt. Und ich tue etwas für die Umwelt. Die U-Bahn verlässt den Flughafen und wir zuckeln durch Feltham, Hounslow und Brentford. „Eigentlich auch ganz schön“, denke ich und freue mich schon auf das so lange geplante Treffen aller Beteiligten, um die Kooperation zu besiegeln. Mir gehen noch mal die Argumente für die Kooperation durch den Kopf. Plötzlich hält der Zug. Triebwerkschaden. Nichts geht mehr. Dann klingelt das Handy. Augstein. Er kann doch nicht kommen.

Meine wunderbare, über Monate geplante Aktion, mit der der Freitag mit dem Guardian verbandelt werden soll, bricht in sich zusammen. Doch noch ist etwas Zeit, es sind noch fast vier Stunden bis zum Termin. Ich entschließe mich, es trotzdem irgendwie zu versuchen. Wenn ich nur wüsste wie. Ausdrücklich wurde darum gebeten, Mr. Augstein mitzubringen; und Unterlagen habe ich auch keine. Doch es fehlt die Zeit, mir weitere Gedanken zu machen, denn der Alltag holt mich ein. Der Zug hat sich mit letzter Kraft bis zur Haltestelle Barnes geschleppt. 150 Fahrgäste strömen die Treppen des Bahnhofes hoch. Davor stehen zwei Taxis. Ich höre, dass zwei weitere Taxis unterwegs sind. Ich kann mir ausrechnen, dass die Reise in die Londoner Innenstadt unter diesen Umständen Stunden dauern wird. Busse fahre hier auch nur zwei Mal am Tag. Soll ich zu Fuß gehen? Es sind 2o Meilen, das ist einfach zu weit. Ich entferne mich etwas vom Bahnhof mit den vielen Gestrandeten. Eine Tankstelle. Ich gehe hin, vielleicht bekomme ich da wenigstens etwas zu trinken.

An der Zapfsäule steht ein Lieferwagen. „Excuse me, you go to the city?“, frage ich. Jep, er ist auf dem Weg dorthin und nimmt mich gerne mit. Der freundliche Fahrer bringt mich sogar bis zum Gebäude des Guardian. Gerade noch rechtzeitig. Am Eingang nimmt mich Torsten de Riese in Empfang und mustert mich verwundert. Ein Lieferwagen? Ich allein?

Ich entschließe mich spontan, ihm und dem fast vollständig versammelten Vorstand einfach die Wahrheit zu erzählen. Danach erkläre ich ihnen, dass ich Vollmacht habe, die Verhandlungen abzuschließen, was eigentlich etwas übertrieben ist. Also gehen wir den Deal gemeinsam durch. Ich schwitze dabei Blut und Wasser, da ich wie beim Abschreiben in der Schule auf die Unterlagen meiner Gegenüber schielen muss. Ohne eine Änderung wird die Kooperation einstimmig verabschiedet. Abschließend bin ich völlig euphorisiert und überschreite meine Kompetenzen endgültig; Ich lade die versammelten Herren nach Berlin ein, um die Redaktionsräume des Freitag kennenzulernen und endlich (!) auch Mr. Augstein zu treffen. Das passiert fünf Wochen später. Seitdem läuft die Kooperation zwischen Guardian und Freitag mit großem Erfolg.

Christoph Meier-Siem ist Berater des Freitag, Verleger und Professor für Kommunikationstheorie und Medien in Hamburg und London

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