Allein unter Männern

Im Jerusalem des Kaukasus Dagestan und die Koexistenz der Kulturen

Wenn Beschanum Galimowa ein Restaurant oder eine Teestube in ihrer Heimatstadt Derbent betritt, verstummen alle Gespräche im Saal. Die anwesenden Männer drehen die Köpfe, um die Hereinkommende besser betrachten oder mustern zu können. Die Aufmerksamkeit ist weniger auf das charmante Äußere der 45-Jährigen zurückzuführen als dem Umstand zu verdanken, dass es in Derbent noch immer ein Tabubruch ist, wenn eine Frau ein Lokal betritt. Frauen sind bestenfalls als Bedienung gern gesehen. Nur zu Hause, im engsten Familienkreis, sitzt die Ehefrau mit den Männern an einem Tisch - sobald jedoch Gäste zu bewirten sind, ist sie wieder Dienerin, dazu ausersehen, stumm die Speisen auf- und die Reste abzutragen.

Diese ungeschriebenen Gesetze gelten für Beschanum Galimowa offenkundig nicht. Die diplomierte Historikerin ist die einzige Großunternehmerin in Derbent. Die Mutter von drei Kindern besitzt mit Rubas die größte private Fernseh- und Radioanstalt Dagestans. Rund um die Uhr können etwa eine halbe Million Menschen im Süden der Kaukasusrepublik deren Programm empfangen. "Ich weiß, dass ich ein privilegiertes, ein ungewöhnliches Leben führe", meint Galimowa, "doch sollte nicht mein Erfolg auch eine Ermutigung für die junge Generation unserer Frauen sein?"

Der Name des Unternehmens geht auf den dagestanischen Bergfluss Rubas zurück, der in vielen Volksliedern mit ebenso viel Poesie bedacht wird. Vor drei Jahren verkaufte Galimowa mehrere Immobilien in der Stadt, um ihren eigenen Fernseh- und Radiokanal zu haben. "Ich besaß mehrere Supermärkte in Derbent, aber diese Tätigkeit ließ mein Herz kalt. Jetzt kann ich über die Programme meines Senders entscheiden. Ein faszinierendes Gefühl."

Gerade berichtete der Rubas-Reporter Nasim Tagirow über das Schicksal von Waisenkindern in Derbent. Die werden zwar bis zur Volljährigkeit in staatlichen Heimen untergebracht. Danach aber können sie auf keine Hilfe mehr rechnen. Da im Kaukasus - noch viel ausgeprägter als im europäischen Teil Russlands - die Arbeitswelt von den Familienbeziehungen der Obschtschina, der Gemeinschaft, nicht zu trennen ist, werden die Waisen in die soziale Peripherie abgedrängt. Nur mit viel Glück finden sie einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Nach der Sendung meldeten sich mehrere Unternehmer, die von den geschilderten Fällen schockiert waren und ihre Hilfe anboten.

Beschanum Galimowa gehört zu den Tabasaranen. Spontan lädt sie mich ein, das Kernland ihres Volkes - den Tabasaran-Bezirk - zu besuchen. Mit dem Auto fahren wir in das hundert Kilometer südlich von Derbent gelegene Bezirkszentrum Chutschni. In diesem Bergdorf, wo einige tausend Menschen leben, wurde vor kurzem ein Geschäft eröffnet, das Mobiltelefone vertreibt. Meine Gastgeberin bittet mich, dies unbedingt zu erwähnen. "So erhalten die Gemeinden Kontakt zur Außenwelt, was die Bewohner zu schätzen wissen. Besonders glücklich bin ich darüber, dass dieses Geschäft Gjulfira Magomedowa gehört. Eine couragierte junge Frau, die kein Risiko scheut und einen Weg sucht, eigenes Geld zu verdienen. Bei allen Geschäftsverhandlungen bin ich stets allein unter Männern. Ich kann nur hoffen, dass sich daran bald etwas ändert." Als wir zurückfahren, erzählt Galimowa von ihren nächsten Vorhaben: "Ich möchte in Derbent einen Frauenclub eröffnen, mit einem Fitness-Studio für Frauen und einem Restaurant für Frauen. Es könnte bald soweit sein, dass wir in Derbent ein Lokal betreten, ohne von den Männern angegafft zu werden".

Warum Derbent als "Jerusalem des Kaukasus" bezeichnet wird, begreift jeder, der die Altstadt betritt. Nur wenige Schritte trennen eine Moschee, eine russisch-orthodoxe Kirche und eine Synagoge. Niemand wird daran gehindert, hier wie dort einen Gottesdienst zu besuchen.

Touristen geben gewöhnlich der Dschuma-Moschee den Vorzug, die im achten Jahrhundert erbaut wurde und als das älteste Gebäude im Nordkaukasus sowie als älteste Moschee Russlands gilt. Das Bauwerk - vom Grundriss her ein schlichtes, fast 70 Meter langes Rechteck, gekrönt von einer grünen Kuppel - wird seiner sakralen Wirkung wegen gelegentlich mit der Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau verglichen, sofern damit die Offenbarung eines subtilen religiösen Machtwillens gemeint ist.

In der Moschee treffe ich Imam Farchad Alijew, der intelligente, schmächtige, fast schüchtern wirkende Mann könnte eher ein Gelehrter, ein Physikprofessor vielleicht, aus Moskau oder St. Petersburg sein und passt kaum in das Klischee vom fanatischen, hemmungslosen islamischen Hass-Prediger.

Meine Annahme, mit einem Akademiker zu sprechen, ist nicht ganz falsch. "Ich bin promovierter Orient-Forscher", erzählt Alijew. "Vor 13 Jahren wurde ich zum Imam. Es war der Wille Allahs, der mich in die Moschee führte. Nach dem Ende der Sowjetunion wandten sich plötzlich viele Leute der Religion zu und suchten im Islam eine geistige Heimat." Irritierend finde er hingegen den Begriff "islamischer Staat". "Ich kenne viele nichtmoslemische Freunde, die mich oft fragen, ob ich einen solchen Staat aufbauen wolle, möglicherweise mit Waffengewalt", wie das von vielen Medien immer wieder behauptet werde. "Im Koran findet sich kein einziges Wort von irgendeinem ›islamischen Staat‹, antworte ich ihnen. Die Moslems leben überall auf der Welt. In manchen Staaten wie im Iran oder in der Türkei sind sie in der Mehrheit - anderswo in der Minderheit. Und sie fühlen sich als treue Bürger des Landes, in dem sie zu Hause sind. Dem Islam geht es nicht um den islamischen Staat, sondern um die Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Die Gesetze des Islams gelten für diejenigen, die unsere Religion freiwillig annehmen."

Er habe Verständnis dafür, dass viele Europäer das Recht oder den Moralkodex in Saudi-Arabien und anderen moslemischen Ländern als unerträglich, rückständig, nicht hinnehmbar empfänden. Selbstverständlich könne jeder diese Zustände kritisieren oder auch verurteilen. Nur dürfe sich ein Verdikt nie auf die gesamte Religionsgemeinschaft beziehen. "Eine noch schlimmere Beleidigung ist der Versuch, den Islam als eine ›Religion der Terroristen und Extremisten‹ zu präsentieren." Um das Seelenheil der Glaubensbrüder in Derbent fürchtet der Imam nicht. Wer in der Sowjetzeit ohne Gott erzogen worden sei, finde nun mit Hilfe Allahs den Weg in die Moschee und zu ihm, dem Vorbeter.

"Als Geistlicher denke ich, dass es in Russland ebenso wie in Europa überhaupt keine Alternative zu einem säkularen Staat gibt. Kein vernünftiger Moslem sollte sich sein Land als religiösen Staat wünschen. Das wären gefährliche Träumereien!"

In Derbent gibt es acht Moscheen, weitere werden gebaut, doch nur eine russisch-orthodoxe Kirche, denn in der 100.000 Einwohner zählenden Stadt leben nur 3.000 Russen. Vor der Oktoberrevolution 1917 war das kaum anders: Seinerzeit warteten in Derbent auf die Gläubigen 28 Moscheen und nur eine Kathedrale der Russisch-Orthodoxen.

"Unsere heutige Kirche ist leider nicht mehr jene, die vor der Oktoberrevolution existierte", erzählt der Priester Nikolaj Kotelnikow. "Von 1849 bis 1853 erbaute man in Derbent die Heilig-Georgs-Kathedrale und damit die erste russisch-orthodoxe Kirche in Dagestan. Dieses Gebäude lässt sich nur noch auf alten Postkarten oder Gemälden bewundern. 1938 wurde das Gotteshaus abgerissen, um den Hauptplatz der Stadt - den Leninplatz - zu vergrößern. Inzwischen finden dort keine Aufmärsche mehr statt. Das für unsere Stadt viel zu große Areal wirkt verwaist und trostlos."

Mit dem Abbruch der Heilig-Georgs-Kathedrale war es auch mit der orthodoxen Gemeinde von Derbent vorbei. In der Stalinzeit wurden die Gläubigen in den Untergrund gedrängt. Das änderte sich schlagartig nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941. Es ging nur noch um die Verteidigung der Heimat, um das Vaterland, Repressalien gegen die orthodoxe Kirche und ihre Geistlichen gehörten der Vergangenheit an. Nach 1945 legalisierte der lokale Sowjet von Derbent die russisch-orthodoxe Gemeinde. Zwei Jahre später blieb ihr ein altes Verwaltungsgebäude überlassen, das in eine Gottesmutter-Kirche umgebaut werden konnte.

"Es ist für einen Russen ein ungewöhnliches Gefühl, im eigenen Land einer nationalen Minderheit anzugehören", meint Kotelnikow. "Das Besondere für Derbent besteht aber gerade darin, dass in dieser Stadt keine Volksgruppe in der Mehrheit ist. Hier leben Aserbaidschaner, Lesginen, Agulen, Darginer, Russen und andere Völker. Nimmt man die Religionen, haben zwar die Muslime ein Übergewicht, dominieren aber die anderen nicht. In Derbent ist es üblich, dass sich die Geistlichen der verschiedenen Konfessionen gegenseitig zu den jeweiligen religiösen Feiertagen gratulieren - eine Selbstverständlichkeit wie der Umstand, dass die Christen nicht bei den Juden und Moslems missionieren, während die ihrerseits keinen Drang verspüren, Christen zu bekehren."

Seit dem sechsten Jahrhundert - als Derbent noch zu Persien gehörte - leben auch Juden in Dagestan. "Damals gab es Umsiedlungen, die dazu führten, dass Tausende von jüdischen Persern in den Kaukasus abwandern mussten", erklärt Danil Danilow aus dem Vorstand der jüdischen Gemeinde von Derbent, die Geschichte seines Volkes. "Während sich über Jahrhunderte hinweg die moslemischen Perser mit der ansässigen Bevölkerung vermischten, blieben die Juden über 1.500 Jahre lang als eigene Gemeinschaft erhalten."

Nachdem Dagestan 1806 vom Zarenreich annektiert worden war, sprachen die russischen Beamten von den "Gorskije Jewrei", den Bergjuden, um Dagestans Juden von denen in Europa zu unterscheiden. Später ging diese Bezeichnung auch in die westliche Literatur über die Geschichte des Judentums ein. "Wir selbst nennen uns ›Juden‹ oder ›Taten‹ ", meint Danilow. "Unsere Sprache ist das Tatische, ein Dialekt aus Mittelpersien, mit hebräischen Wörtern durchsetzt."

Danilow gilt als einflussreichster Sprecher der jüdischen Gemeinde in Derbent, seit 15 Jahren ist er zugleich Zweiter Bürgermeister. "Als mir unsere Stadtoberen seinerzeit anboten, dieses Amt zu übernehmen, wurde ich von einem Tag auf den anderen zum Helden der Gemeinde. Meine Glaubensbrüder feierten die Ernennung als ein Wunder. Dabei ging es gar nicht um meine Karriere oder mein Schicksal. Wichtig war, dass der damalige Bürgermeister Felix Kasiachmedow, ein Lesgine und gläubiger Moslem, unserer Gemeinde damit ein Zeichen gab. Die Juden sollten begreifen, sie seien in Derbent geschätzt - in dieser Stadt würden keine antisemitischen Vorurteile geduldet. Meine Ernennung stoppte auch die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung, wie sie Ende der achtziger Jahre begonnen hatte."

Sein Arbeitszimmer im Rathaus dekorierte Danilow neben dem Bild Wladimir Putins mit einem großen David-Stern. "Es ist üblich, dass die Muslime im Rathaus ihre Dienstzimmer mit einem Halbmond schmücken. Ich mache es ähnlich, weil es wichtig ist, dass die Juden mit ihrer Religion unverkrampft umgehen. In Zentralrussland wollen viele ihre Herkunft kaschieren, um Konflikte mit Antisemiten aus dem Wege zu gehen. Viele assimilieren sich völlig und fühlen sich als Russen. In Dagestan hingegen kann die jüdische Gemeinde sehr selbstbewusst leben, auch wenn sie nur 6.000 Mitglieder zählt."

Das Jiddische ist fast ausgestorben, das Hebräische in Dagestan ungebräuchlich, so reden die meisten Juden Tatisch miteinander. Der Unterricht in den Derbenter Schulen erfolgt zwar auf Russisch, es gibt aber auch Stunden in der Muttersprache der einzelnen Volksgruppen - die jüdischen Kinder versammeln sich dann in einer Klasse, um sich von einer Lehrerin in Tatisch unterrichten zu lassen. Ein ungewöhnliches Prinzip, gemessen an der sonstigen Praxis staatlicher Schulen in Russland.

Die Juden in Derbent können in ihrer Sprache auch eine Lokalzeitung lesen oder Radionachrichten hören. Ein jüdisches Laientheater wartet auf Zuschauer. "Es ist für die Völkerfreundschaft nur förderlich, wenn jedes Volk seine Wurzeln nicht vergisst", sagt Danilow beim Abschied.


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00:00 24.02.2006

Ausgabe 39/2020

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