Allein unter Trump-Fans

Was läuft Über die traurig-komische Serie „One Mississippi“ der US-Stand-up-Komikerin Tig Notaro. Spoiler-Anteil: 8 Prozent

„Du hättest es mir sagen sollen!“ – „Er hat mir gesagt, dass ich das niemandem erzählen dürfe.“ – „Mir auch!“ Vor einem Jahr sah das #MeToo-Erlebnis zum Beispiel so aus: Eingebettet in eine improvisierte Pyjamaparty tauchten Frauen, Mädchen und ein junger Mann hinter ihren Grabsteinen auf und gaben ihre einschlägigen, traumatischen Erlebnisse zum Besten. Innerfamiliärer Missbrauch, Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, date rape – im Gewand eines schrägen Tagtraums kam eine nicht in Frieden ruhen wollende, bittere alte Erfahrungsgeschichte buchstäblich an die Oberfläche.

Das war im ersten Staffelfinale der „sadcom“ One Mississippi. Rückblickend wirkt dieses solidarische Zusammenkommen der vielen unterm Banner des „Ich auch“ wie ein Vorgeschmack auf die unmittelbare Gegenwart. Und es scheint vor diesem Hintergrund wenig überraschend und eine böse Ironie zugleich, dass kurz nach Freischaltung der zweiten Staffel Ende Oktober der Executive Producer Louis C.K. als sexueller Belästiger geoutet wurde.

Man sollte es jetzt nicht dabei belassen, One Mississippi nur in diesem Zusammenhang in die mediale Berichterstattung und in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken. Das wäre schon deshalb verfehlt, weil die Serie dem Thema sexueller Missbrauch weiterhin in einer seltenen Mischung aus Ernsthaftigkeit, Unverblümtheit und komödiantischem Wagemut begegnet.

Die Frau hinter der Serie kennt sich mit dieser Mischung bestens aus: One Mississippi ist die von Amazon produzierte erste TV-Serie der US-Stand-up-Komikerin Tig Notaro. Bereits für die trocken vorgetragenen Monologe ihrer Bühnenpersona bediente sich die heute 46-Jährige beim eigenen Leben. Sie gewann noch einer Krebserkrankung und doppelten Brustamputation komische Seiten ab, wenn das off- wie onstage bewältigt werden musste. Die Serie, die Notaro mit der Drehbuchautorin Diablo Cody entwickelt hat, kreist ebenfalls um eine Protagonistin namens Tig.

Lebensgeschichten von Figur und Darstellerin bleiben eng geführt, besagte gesundheitliche Tiefschläge haben beide hinter sich. Tig ist noch recht klapprig, wenn sie zu Beginn aus Kalifornien in ihre (fiktive) Heimat-Kleinstadt im Staate Mississippi zurückkehrt, weil die Mutter im Sterben liegt. Bruder und Stiefvater drücken sich darum, am Krankenhausbett auszuharren. Die Mutter stirbt. Tig bleibt. Beim Lokalradio gibt es einen freien Sendeplatz für ihre lakonischen Betrachtungen des (eigenen) Lebens, wo Trauerarbeit auch heißen kann, dass das Krankenhaus nach dem Ableben der Patientin einen Erhebungsbogen schickt und wissen will: „Waren Sie mit Ihrem Aufenthalt zufrieden?“

Parallel dazu muss sich der Patchworkfamilienrest unter einem Dach arrangieren: der Stiefvater, ein Ordnungsliebhaber, der es nicht so mit dem Zeigen schwer einordenbarer Gefühle hat und als Manager bei einer Tiefkühlkostfirma gut aufgehoben scheint. Der Bruder, ein freundlicher, etwas täppischer Junggeselle, der im ewig unfertigen Eigenausbau über der Garage haust und seine Freizeit bei Sezessionskriegs-Reenactments verbringt.

Zwischendrin Tig, lesbisch, outspoken, aber von ihrer Krebserkrankung körperlich geschwächt und psychisch angeschlagen: „Ich bin nicht unglücklich darüber, dich zu sehen – ich bin einfach unglücklich.“ Staffel eins erzählt, wie Tig unangenehme Wahrheiten aus der Vergangenheit zu Tage fördert und wie sie sich in ihre neue Redakteurin Kate (Notaros Ehefrau Stephanie Allynne) verguckt. Und von der allmählichen Heimkehr eines erwachsenen Provinzkindes aus der queeren Blase an der Westküste zurück ins Südstaatenstädtchen, in dem man unentwegt auf Kirchgängerinnen und andere Traditionalisten trifft.

Seit Ausstrahlung der ersten Staffel wurde in den USA gewählt, Tig ist immer noch da. Staffel zwei handelt vom Unbehagen, sich relativ allein unter Trump-Fans zu wähnen, die sich das feierliche Gedenken an den Konföderiertengeneral Robert E. Lee nicht nehmen lassen wollen. Es geht darum, wie sich Konflikte zivilisiert austragen lassen und ein Zusammenleben glücken könnte. Nämlich indem man die Anstrengung unternimmt, sich miteinander auseinanderzusetzen – aber keinesfalls den Mund zu halten in Bezug auf rassistische Aussagen, homophobes Verhalten – oder angesichts eines Vorgesetzten, der sich während eines Mitarbeiterinnengesprächs hinterm Schreibtisch einen runterholt.

06:00 17.12.2017

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