Alleinherrschaftsdrama

Bühne An Theatern häufen sich Vorwürfe von Machtmissbrauch. Höchste Zeit für einen Kulturwandel
Alleinherrschaftsdrama
Über Vorfälle am Theater legt sich oft ein Mantel des Schweigens – wegen Produktionsdruck und prekärer Beschäftigungsverhältnisse

Foto: Imago Images

Ständig schwappen neue Skandale über den Rand des Theaterbetriebs, scheint’s. Allein in Berlin gibt es in diesem Jahr drei prominente Beispiele: Im Februar tritt Klaus Dörr als Intendant der Volksbühne zurück, drei Tage, nachdem ihm in einem Zeitungsartikel „sexualisierte Grenzüberschreitungen“ vorgeworfen wurden. Die dort formulierten Vorwürfe bestreitet er. Mit Rassismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz hat das Staatsballett Berlin zu kämpfen. Nachdem die Tänzerin Chloé Lopes Gomes mehrfach rassistisch angegangen worden ist, wendet sie sich Ende 2020 an die internationale Presse und erreicht im April vor dem Bühnenschiedsgericht, dass die Nichtverlängerung ihres Vertrages um ein Jahr ausgesetzt und ihr eine Abfindung gezahlt wird.

Der neueste Fall in der Reihe: Vergangene Woche wurden die ungelösten Konflikte zwischen der Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff, und Mitarbeiter*innen öffentlich. Über eine belastende Arbeitskultur, Beleidigungen, verbale Gewalt und Angst beschwerten sich neun Mitarbeiter*innen bereits 2019 in einem Brief an Langhoff, so der Spiegel. Nachdem interne Schlichtungsversuche ergebnislos blieben, informierten sie die Vertrauensstelle Themis und den Kultursenat. Anberaumte Mediationen verliefen im Leeren. Und während der Senat im Dezember 2020 Langhoffs Vertrag still bis 2026 verlängerte, ist dem Spiegel zufolge von den neun Mitarbeiter*innen bald kaum mehr jemand am Haus. Besonders bitter: Hier steht die einzige Frau in der Intendanten-Riege der großen Hauptstadt-Häuser im Fokus.

Die Vorzeigefigur eines postmigrantischen Stadttheaters, nah dran am Puls der Zeit. Mit einem diversen Ensemble trat Shermin Langhoff 2013 am Gorki für Erneuerung an. In den darstellenden Künsten bislang marginalisierte Gruppen fanden hier Raum für ihre künstlerische Produktion. Gegen Rassismus und für Solidarität positioniert sich das Haus, und mit Geflüchteten wurde ein Exil-Ensemble aufgebaut. Ausgerechnet dort ist Machtmissbrauch ein Thema? Für viele ernüchternd. Denn auch der Fall Gorki landete jetzt (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) vor dem Bühnenschiedsgericht, weil eine Dramaturgin wegen „Maßregelung und Diskriminierung“ geklagt hat.

Sonnenkönige en miniature

Finster scheint es zuzugehen an den Theatern. Thomas Schmidt, Autor der Studie Macht und Struktur im Theater, verweist auf eine hohe Dunkelziffer. Psychische, verbale oder körperliche Übergriffe hätten mehr als die Hälfte der rund 2.000 Theatermitarbeiter*innen, die sich 2019 an seiner Umfrage beteiligten, schon einmal erlebt. Das Intendanzmodell mit der einen Führungsperson an der Spitze verleite strukturell geradezu zum Machtmissbrauch, erklärte er im Interview mit dem Theaterportal nachtkritik.de.

Verschränkt haben sich im Intendanzmodell die historische Herkunft des Theaters aus dem Höfischen, das den Prinzipal als Fürsten-Stellvertreter in einen Sonnenkönig en miniature verwandelte, und die romantische Vorstellung des Künstlergenies, dessen schöpferisches Walten durch keinerlei kleinliche Regel beschränkt werden dürfe. Dazu kommen ein hoher Produktionsdruck und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Der berüchtigte „Normalvertrag Bühne“ für das künstlerische Personal ist meist auf ein Jahr befristet. „Aus künstlerischen Gründen“ lässt er sich sehr einfach nicht verlängern.

Befristete Beschäftigung in einem für viele attraktiven Arbeitsfeld, Abhängigkeit von einer oder wenigen Personen in einer eng vernetzten Branche – so brachte Eva Hubert, Vorstandsmitglied der Vertrauensstelle Themis, die ungute Verquickung Anfang der Woche in einem Fachgespräch der Berliner Grünen auf den Punkt. Bei Themis meldeten sich in den beiden vergangenen Jahren 419 Betroffene von Sexismus und sexualisierter Gewalt. Aber nur in 14 Fällen kam es zu Beschwerdeverfahren, bei denen die Anonymität gegenüber dem Arbeitgeber aufgehoben wird. Tief sitzt die Angst. Was tun? Nötig ist ein tiefgreifender Kulturwandel. Ein besserer Schutz der Arbeitnehmer*innen. Mehr Führungskompetenz und Coaching für die Intendant*innen, die oft aufgrund ihrer künstlerischen Eignung ausgewählt werden, und nicht, weil sie mittlere Betriebe managen oder Personal führen können. Begleitung auch durch die Kulturpolitik, die als Träger der Häuser mitunter zu sehr auf die Auslastungszahlen schaut. Theater produzieren Kunst, sie sind Freiraum und zugleich Institution – ein organisationeller Spagat, der nicht immer gelingt. Und allen Beteiligten viel abfordert.

Dabei sind Theater auch Reformmaschinen. Modellhaft können sie gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen. Schließlich sind Rassismus, Sexismus und Diskriminierungen nicht auf die Künste beschränkt, wie die Dortmunder Intendantin Julia Wissert beim Fachgespräch versicherte: „Solange wir in einer Gesellschaft leben, die nicht frei ist von Ismen, werden sie in die Institutionen eindringen, die wir gestalten.“

Gestalten lassen sich die Theater, das betont auch die Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke. Es tut sich etwas, wenn auch langsam: Seit zwei Jahren gibt es den „Wertebasierten Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch“ des Deutschen Bühnenvereins, das 360°-Programm der Kulturstiftung des Bundes entsendet „Diversitätsagent*innen“ in die Theater. Diese Reformansätze „von oben“ treffen auf eine breite, selbstermächtigte Bewegung „von unten“. Schauspieler*innen organisieren sich in Initiativen wie art but fair, Pro Quote Bühne oder dem ensemble-netzwerk, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sie erheben ihre Stimmen, in der Presse, in offenen Briefen, in Gesprächen mit Politiker*innen.

Ideen für die nötige Erneuerung gibt es längst. Kollektive Leitungen sind ein Vorschlag, um die strukturelle Übermacht der Einzelintendanz an Stadt- und Staatstheatern zu mildern. In der Schweiz ist die Experimentierfreude der Kulturpolitik weiter fortgeschritten, dort gibt es auch an den großen Häusern in Zürich oder Basel Leitungsteams und Mitbestimmungsmodelle.

In den Theatern ist die Intendantendämmerung angebrochen. Einige Skandale stehen ihm noch bevor. Der Wandel aber ist bereits im Gange.

Elena Philipp, Redakteurin von nachtkritik.de, ist Mitherausgeberin des Sammelbandes Theater und Macht. Beobachtungen am Übergang, der diese Woche erschienen ist

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06:00 07.05.2021

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