Aller Anfang

Malocher Der Aufbau-Verlag hat Werner Bräunigs fulminanten Roman "Rummelplatz" aus dem Jahr 1965 herausgebracht

Der Zauber des Anfangs. Wann immer, wo immer um die Legitimität der DDR gestritten wird, trifft man auf dieses Argument. Mag die "Gruppe Ulbricht" auch noch so klare Aufträge aus Moskau gehabt haben, als sie Ende April 1945 die "demokratische Umgestaltung" (Ost-)Deutschlands in Angriff nahm. Außerhalb der eingeflogenen Kommunisten-Elite und unterhalb der sowjetischen Globalstrategie gab es diesen Willen zum wirklichen Neuanfang: mit der faschistischen Vergangenheit brechen, einen Staat der kleinen Leute aufbauen, endlich aus der Geschichte lernen. Und ein Keim dieser uneingelösten Hoffnung lässt sich noch heute aus der Verbissenheit heraushören, mit der nicht nur auf Parteitagen der Linkspartei das Argument: "Wir lassen uns nicht unsere Geschichte kaputtmachen" wiederholt wird.

Wie es bei diesem schweren, aber unkorrumpierten Anfang, auf den sich viele immer noch berufen, so ungefähr zugegangen sein könnte, das kann man jetzt einem Buch entnehmen, dessen Publikation ohne Übertreibung zu den Großtaten des literarischen Frühlings 2007 gerechnet werden muss: die Rekonstruktion und erstmalige Komplett-Publikation von Werner Bräunigs Roman Rummelplatz aus dem Jahr 1963/65.

Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte des Professorensohns Christian Kleinschmidt aus Leipzig, der sich vor dem Studium im Uranbergbau bewähren muss, wie ein Musterbeispiel über die Instrumentalisierung der Künste für den sozialistischen Aufbau. Die didaktische Stoßrichtung dieses Romanprojekts kann man an dem von Bräunig selbst geplanten Untertitel Entwicklungsroman junger Menschen ablesen. Der 1943 in Chemnitz als Sohn eines Hilfsarbeiters und einer Näherin geborene Werner Bräunig hatte schon als "Volkskorrespondent" für die Leipziger Volksstimme gearbeitet. Und gehörte er nicht zu den Erfindern der Formel Greif zur Feder, Kumpel!, jenem Motto der schreibenden Arbeiter, das als "Bitterfelder Weg" in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen ist?

Rummelplatz ruft noch einmal ein spannendes Kapitel der DDR-Kulturpolitik der sechziger Jahre auf. Denn was aus diesem Proletarier-Roman einer jungen Hoffnung der DDR-Literatur schließlich wurde, missfiel den Funktionären des Arbeiter- und Bauernstaates dann doch. Sein Verfasser geriet ins Fadenkreuz der Kritik. Als die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur 1965 das Kapitel Rummelplatz des Romans, der auch mal Der eiserne Vorhang heißen sollte, in einem Vorabdruck veröffentlichte, setzte ein Kesseltreiben gegen den Autor ein, das ihn erst in den Alkohol, dann in den Tod trieb.

Walter Ulbricht hatte das Manuskript nicht gelesen, was ihn aber nicht davon abhielt, gegen die angeblichen "Schweinereien" darin zu polemisieren: "Als ich das las", berichtete er entgeistert, "habe ich mich gefragt, wem nützt das"? Später nahm er die Kritik wieder zurück und machte dann doch Front gegen Bräunig. Selbst Christa Wolfs mutige Verteidigung des Autors auf dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED im selben Jahr nützte nichts. Eine Kampagne mit tödlichem Ausgang nahm ihren Lauf. Am 14. August 1976 starb der aus seinem Job als Dozent am Leipziger Literaturinstitut Entlassene mit 42 Jahren in Halle-Neustadt. Sein Buch wurde nie gedruckt.

Was um Himmels willen hatte den Zorn der DDR-Oberen erregt? Die Geschichte des Bürgersöhnchens, der zum schöpferischen Arbeiter und überzeugten Kommunisten reift, hätte doch eigentlich nach dem Geschmack der Partei sein müssen. Das vom ZK bemühte Argument "Pornographie" kommt einem angesichts der Magazinfotos nackter Frauen in den Bergleute-Unterkünften bei Wismut-AG oder Sätzen wie "er brauche jetzt eine Frau" selbst für den Beginn der sechziger Jahre absurd vor. Eher schon war es der ungeschminkte, ja drastische Realismus, mit dem Bräunig das Milieu darstellte, aus dem der sozialistische Staat seine Legitimität ableitete.

Der Roman endet zwar in den Wirren des 17. Juni mit dem pathetischen Satz: "Wir haben da einen Anfang hingebaut". Doch die näheren Umstände dieses Anfangs, der da so bildmächtig beschworen wird, muten wenig erhaben an. Bräunig lässt seine an sich systemtreuen Protagonisten mehr als einmal über die langsame Deformation der sozialistischen Idee herziehen. Peter Loose, die proletarische Kontrastfigur zum Intellektuellen Kleinschmidt, ein Säufer und Raufbold, lästert über die "Arbeiter- und Bauerngerechtigkeit". In dem DDR-Mikrokosmos scheitern die ehrlichen Arbeiter, die aus der "abendländischen Ruinengesellschaft", die sie bei Kriegsende vorgefunden haben, etwas aufbauen und "alles anders machen" wollen, bald nicht nur an alten Nazi-Mitläufern und Saboteuren West, sondern an den "Klugscheißern", den "Schleimern und Phrasendreschern" in der Partei. Und an das Eingemachte der deutsch-sowjetischen Freundschaft geht es, wie Bräunig die Wismut, das größte Reparationsprojekt des 20. Jahrhunderts als Sonderzone darstellte, bei der nur das Wort des großen Bruders galt:: "Die Wismut ist ein Staat im Staate und der Wodka ist ihr Nationalgetränk".

Bei Sätzen wie "Die Arbeit überkam ihn wie ein Rausch" spürt man in Bräunigs Werk wieder jene Euphorie der DDR-Aufbauliteratur, wie sie auch die Werke Erik Neutschs oder Christa Wolfs Der geteilte Himmel durchzieht. Erst fühlt sich der Akademikersohn Christian fehl am Platz unter den Proleten. Dann ergibt er sich der Sache und der Arbeit: "Er lebte und arbeitete. Seine Zeit hatte ein neues Gleichmaß". Und mit dem Bild des altgedienten Kommunisten Hermann Fischer, der abends von seiner Tochter Ruth, der ersten weiblichen Vorarbeiterin in der Papierfabrik, in seinem Häuschen im Grünen umsorgt wird, und mit einem Kollegen Probleme des Klassenkampfs erörtert, skizziert Bräunig ein sozialistisches Biedermeier, wie es dem Genossen Ulbricht auch gefallen haben könnte. Die Kumpel werden Zeugen von Republikflucht, die "Hetzsender" des Westens wiegeln das Volk auf, am Rhein lauert Adenauers wieder aufgerüsteter Revanchistenstaat. Und das Buch endet mit der handelsüblichen Interpretation des Arbeiter-Aufstands vom 17. Juni 1953 als "faschistisches Abenteuer". Besonders bei dem dramatischen Schluß in grobem Holzschnitt merkt man dem Werk an, dass sich sein unter politischen Druck geratener Verfasser durch Überarbeitung um Goodwill beim Kulturministerium bemühte. Vergebens. Auf Druck externer Gutachter wurde das Manuskript 1965 vom Mitteldeutschen Verlag endgültig abgelehnt.

Trotzdem: Bei der Publikation von Rummelplatz handelt es sich nicht allein um das nachgetragene Dokument einer falsch verstandenen Parteilichkeit, das das Buch auch darstellt. Denn so sehr sich Bräunigs Protagonisten auch dazu durchringen, die Schwierigkeiten des Klassenkampfes und der Weltpolitik zu transportieren. Große Teile dieses packenden Werks sind von einem sprachlichen und gedanklichen Eigenwillen, der sich in keine Schablone pressen lässt. Mag auch noch so viel sozialistischer Realismus intendiert gewesen sein. Die meist im inneren Monolog ausgefochtenen Gewissenskämpfe aller Beteiligten über ihre Rolle in dieser entscheidenden Phase eines historischen Projekts liest man wie eine Art von sozialistischem Existentialismus. Nach einer strahlenden Utopie klingt es nicht, wenn der neugeborene Arbeiter Christian sich am Ende der Schicht "als der Verlassensten einer" fühlt und müde Bilanz zieht: "Zum Durchhalten zu wenig und zum Aufgeben zuviel."

Es ist immer falsch, das Vergangene gegen das Gegenwärtige, Jung gegen Alt, Ost gegen West auszuspielen. Aber selbst das unfertig gebliebene, von Angela Drescher vorzüglich edierte Manuskript von Rummelplatz ist in der Re- wie der Erstlektüre gut vierzig Jahre später ein Roman von elektrisierender Kraft, wie man sie in der deutschen Gegenwartsliteratur heute selten findet. Vom Holzschliff der Papierherstellung bis zur Kobaltblüte im Stollen ist dieses Buch von einer mitreißenden Materialität. Gegen diese "wirklichkeitsgesättigte Prosa" (Christa Wolf) schmeckt der "relevante Realismus", den einige deutsche Autoren 2005 in einem Manifest propagierten, wie Zuckerwatte. Und wer sich bislang nicht so recht vorstellen konnte, was der Berliner Soziologe Wolfgang Engler mit seinem auf die DDR gemünzten Begriff von der "arbeiterlichen Gesellschaft" konkret gemeint hat - vom Armeleutewinkel in der Textilstadt Crimmitschau bis zum billigen Vergnügen in der Schiffsschaukel auf dem Rummelplatz wird er in Bräunigs Buch fündig.

Selbst für den Neuaufbau einer Linken in Deutschland lassen sich aus der ans Licht eines ganz anderen Tages gezerrten Archivleiche Funken schlagen: "Eine Partei, die sich einredet, sie habe immer Recht, gerät in die fatale Lage, auf Irrtümer gar nicht mehr eingerichtet zu sein, sie fängt an zu stottern", wundert sich ein alter Kommunist eines Abends über ein aufkommendes Grundübel in seiner jungen Republik. Warum, fragt er sich, begnügen sich plötzlich alle mit fertigen Sätzen, statt sich mit den Gedanken zu beschäftigen, die zu ihnen führen. Der Sozialismus, denkt der einfache Mann, ist doch "das zu Klärende - nicht das Geklärte". Spätestens da muss das Ende vom Anfang gekommen sein.

Werner Bräunig: Rummelplatz. Roman Aufbau, Berlin 2007, 770 S., 24,90 EUR


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00:00 23.03.2007

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