Aller Dreck dieser Erde

EIN GROSSES GESCHENK FÜR DIE JUSTIZ Aus der ersten Vernehmung Alfred Sirvens während des Prozesses gegen Ex-Außenminister Roland Dumas und andere im Pariser Justizpalast

Das Wort von der "Republik der Richter" kursiert, wenn über Konsequenzen des Prozesses um die Bestechungspraktiken des Elf-Konzern für die französische Rechtskultur debattiert wird. Tatsächlich lassen die Richter und Staatsanwälte im Pariser Justizpalast nicht nur an ihrer Unabhängigkeit keinen Zweifel. Sie legen vor allem Wert darauf, sich angesichts der eklatanten moralischen Diskeditierung der politischen Kaste Frankreichs als eine unerschütterliche konstitutionelle Säule der V. Republik zu präsentieren. Ein in dieser Hinsicht aufschlussreicher Vorgang war die erste Befragung Sirvens vor Gericht am 8. Februar. Sie dauerte nur Minuten. Die Verhandlung unter der Leitung von Richterin Sophie Portier begann zunächst mit der Feststellung der Identität des Ex-Elf-Managers.

SOPHIE PORTIER: "Monsieur Alfred Sirven, Sie sind am 6. Januar 1927 in Toulouse geboren?"

ALFRED SIRVEN: "Das ist richtig."

SOPHIE PORTIER: "Ihr Vater ist Gaston Pierre Bernard Sirven - Ihre Mutter Jeanne Marie Dumas?"

ALFRED SIRVEN: "Ja."

SOPHIE PORTIER: "Ihr letzter bekannter Wohnsitz ist Parc du Chauffour, Nummer 6 ..."

ALFRED SIRVEN: "Nein, Rue de Monthoux in Genf ..."

SOPHIE PORTIER: "Sie waren ohne bekannten Wohnsitz, um zwei Anordnungen entgegenzunehmen, die sie aufforderten vor Gericht zu erscheinen ..."

Sirven wischt sich den Mund ab - und sagt erst einmal nichts ... - Die Präsidentin erinnert kurz an die ungebührlich hohen Honorare, die an Christine Devier-Joncour (Ex-Geliebte von Ex-Minister Dumas - die Red.), geflossen sind, an Zuwendungen von insgesamt 59 Millionen Francs oder an kleine Geschenke, über die sich Roland Dumas freuen durfte und die einen Wert von 300.000 Francs hatten.

SOPHIE PORTIER: "Das sind nicht die Fragen, um den wirklichen Hintergründen der Affäre näher zu kommen, aber als sie eintrafen, hatten wir gerade die Einvernahme der anderen Angeklagten dazu beendet."

ALFRED SIRVEN: "Madame, wie auch immer, ich bin hier, um Ihre Fragen zu beantworten."

Sirvens Blick wird vage und verschwommen. Denkt er daran, wo er noch vor einer Woche um diese Stunde war. Unter der sonne von Tagaytay, mit Vilma, mit einem Blick auf einen malerischen See oder einen philippinischen Vulkan?

SOPHIE PORTIER: "Monsieur Sirven, ich ordne an, dass Sie in Haft verbleiben. "

JEAN-PIERRE GASTAUD, Anwalt Sirvens : "Madame, Ihre Maßnahme ist vollkommen überflüssig. Monsieur Sirven wird - wenn nötig - zu Ihrer Verfügung stehen. Es ist daher nicht sehr nützlich, die Inhaftierung aufrechtzuerhalten."

SOPHIE PORTIER: "Monsieur Sirven, ich würden Ihnen unabhängig davon gern eine Frage stellen - wir alle haben Sie 1993 aus den Augen verloren. Was haben Sie danach eigentlich getan?"

ALRED SIRVEN: "Alles ist so weit entfernt. Die Ereignisse, die Daten, sofern Sie mich betreffen, ich habe vieles ungemein schnell vergessen. Ich nahm meinen Abschied bei Elf, dann war ich Präsident von Elf-Aquitaine Internationale, meine Residenz befand sich in der Schweiz. Ja, und ich bin dann auch in der Schweiz geblieben ...

SOPHIE PORTIER: "Könnten Sie uns dazu Jahreszahlen nennen?"

ALRED SIRVEN: "Resident war ich seit 1990, Vauchez, das war doch 1990?" (Sirven fragt den Mitangeklagten und ehemaligen Mitarbeiter Vauchez.)

JEAN JACQUES VAUCHEZ: "Es war 1991."

SOPHIE PORTIER: "Wann verließen Sie die Schweiz?"

ALRED SIRVEN: "Das muss so um 1997 herum gewesen sein."

SOPHIE PORTIER: "Herr Staatsanwalt, Sie haben um das Wort gebeten."

JEAN-PIERRE CHAMPRENAULT, Staatsanwalt: "Ich möchte nur sagen, dass es mich mit tiefer Befriedigung erfüllt, dass Monsieur Sirven heute hier anwesend ist. Alle Welt wartet nun mit Ungeduld auf seine Erklärungen. Ich will daher klar sagen, ich erwarte nicht, dass Alfred Sirven sagen wird, er habe Unrecht begangen - und das hat seinen Grund. Die anderen Angeklagten haben ihn hier vor diesem Gericht mit allem Dreck dieser Erde beworfen. Monsieur Le Floch-Prigent (Ex-Elf-Konzernchef - die Red.) beliebte von einem Verräter zu sprechen. Monsieur Vauchet war nur ein ausführendes Organ. Madame Devier-Joncour kannte Alfred Sirven nur flüchtig. Und was Roland Dumas betrifft, so hat er uns zu verstehen gegeben, dass Sirven eine Art Parallelorganisation innerhalb von Elf betrieb, und uns dies - wenn er denn anwesend wäre - auch bestätigen würde. Nun ist er anwesend - und man wird sehen, was davon wahr ist ...

Einschließlich der Zwischentexte dokumentiert nach der Berichterstattung von Le monde, Libération und Le Figaro.

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