Aller guten Dinge sind drei?

Aufstieg zur Raumfahrt-Nation Der Flug eines chinesischen Kosmonauten durch den Orbit könnte das Vorspiel zu einer beschleunigten Militärisierung des Weltraums sein

Erstmals soll in diesen Tagen ein "Taikonaut", wie die chinesischen Raumfahrer genannt werden, die Erde umkreisen - das jedenfalls besagen die Meldungen aus Peking zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser Zeitung. Nachdem Anfang der sechziger Jahre Juri Gagarin für die Sowjetunion und John Glenn für die USA das Tor zur bemannten Raumfahrt aufstießen, hatte Peking in fieberhafter Eile versucht, einen Piloten in einem umgebauten Spionage-Satelliten in den Weltraum zu schießen. Ein Vorhaben, dem dann allerdings die 1965 beginnende Kulturrevolution ein jähes Ende setzte. Die Weltraum-Planungen der beiden Supermächte weiterhin fest im Blick, investierte Chinas Führung erst seit Mitte der siebziger Jahre wieder mit beträchtlichem Aufwand in den Bau eines eigenen Raumtransporters. 1980 machten Presseberichte die Runde, wonach im Land der Mitte ein Ausbildungszentrum für Weltraumfahrer eröffnet worden sei. Und im Stillen Ozean wurde um diese Zeit ein chinesisches Schiff gesichtet, das damit beschäftigt war, ein offenbar gerade gelandetes, Shuttle ähnliches Kleinraumschiff zu bergen. Gleichwohl erklärte Peking Ende der achtziger Jahre, sein bemanntes Raumfahrtprogramm aus Kostengründen aufgeben zu wollen.

Dann aber, ab 1994/95, wurde die Volksrepublik nicht müde, ihre schweren Raketen des Typs Dong Feng 2 westlichen Satelliten-Herstellern als preiswertes Transportmittel anzupreisen. Mit Erfolg: Bis Ende der neunziger Jahre brachte dieser Transfer bei kommerziellen Satellitenstarts rund 500 Millionen US-Dollar an Reingewinn. Geld, das wiederum in diverse chinesische Weltraumprogramme floss. Darunter das 1992 verabschiedete "Projekt 921", mit dem das ehrgeizige Ziel verfolgt wurde, zu Ehren des 50. Gründungstages der Volksrepublik am 1. Oktober 1999 zwei chinesische Raumfahrer um die Erde kreisen zu lassen. Zwar konnte dieser Termin nicht gehalten werden - der unbemannte Testlauf des sogenannten Shenzhou-Moduls zog sich bis Anfang 2003 hin - der kosmischen Begeisterung der Führung in Peking tat dies jedoch keinen Abbruch.

Westliche Beobachter neigen größtenteils dazu, Chinas bemanntes Weltraumprogramm als reines Prestige-Unternehmen abzutun: Wie der Olympischen Spiele bediene sich die regierende Kommunistische Partei auch der Raumfahrt, um sich der Welt als Großmacht zu beweisen. Außerdem sollten im Orbit kreisende chinesische Kosmonauten für China als unverzichtbaren Partner bei der Realisierung diverser internationaler Weltraum-Projekte - vorzugsweise der Internationalen Raumstation ISS - werben.

Für diese Sicht der Dinge spricht, dass die mit dem "Projekt 921" angestrebte eigenständige Bewältigung sämtlicher technologischer Aspekte der bemannten Raumfahrt sehr schnell zugunsten einer exzessiven Beschaffung relevanter russischer Technik aufgegeben wurde. Ein Anfang 1995 zwischen Peking und Moskau unterzeichnetes Abkommen ermöglichte es, finanziell ausgebluteten russischen High-Tech-Firmen abzukaufen, was immer für die eigenen hoch fliegenden Pläne gebraucht wurde: von Raumanzügen über Lebenserhaltungssysteme bis hin zu einem fast kompletten Raumschiff des Typs Sojus TM. Daneben begann Chinas Weltraumagentur, ebenso hochqualifizierte wie schlecht bezahlte russische Weltraum-Ingenieure im Rahmen eines "Chinesisch-Russischen Zentrums für wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit", angesiedelt an der Polytechnischen Universität Harbin, systematisch "abzuschöpfen".

Dem Vernehmen nach gelangte die chinesische Raumfahrt auf diesem Wege nicht nur in den Besitz detaillierter Konstruktionspläne für bemannte Flugkörper, Orbitalstationen und Satelliten zur Erforschung des Mondes, sondern auch eines kompletten Datensatzes für den Bau strategischer Lenkflugkörper. Spätestens hier wurde deutlich, dass die Führung der Volksrepublik nicht nur aus Prestigegründen in den Weltraum strebt: Ihr Kosmos-Programm ist im Kern militärischen Charakters, kontrolliert und gelenkt von der Volksbefreiungsarmee (VBA). Ohne Präsenz im Weltraum, so das Credo der VBA-Generalität, könne Chinas nationale Sicherheit im 21. Jahrhundert nicht gewährleistet werden. Grundlage einer solchen Präsenz seien sowohl eine komplexe Infrastruktur an Trägermitteln - bestehend aus schweren ballistischen Raketen, Raumgleitern und hyperschnellem transatmosphärischem Fluggerät -, als auch diverse Satelliten-Typen, um damit für eine effektive Aufklärung sowie passive und aktive Abwehrkapazitäten im Weltraum (Anti-Satelliten-Satelliten) zu sorgen.

Die praktische Umsetzung dieser Sternenkriegspläne läuft bereits auf vollen Touren, das "Projekt 921" spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle: Hat es in der Vergangenheit dazu beigetragen, die Leistungsfähigkeit der schweren ballistischen Raketen des Typs Dong Feng erheblich zu steigern, könnten es Chinas Sternenkrieger künftig dahingehend nutzen, diverse Technologien aktiver Satellitenbekämpfung zu erkunden.

Insofern deutet leider vieles darauf hin, dass mit China als dem dritten Partner im exklusiven Klub der Weltraum-Nationen die Militarisierung des Kosmos beschleunigt werden dürfte. Die Vereinten Nationen scheinen diesbezüglich jedoch keinerlei Handlungsbedarf zu verspüren: Im aktuellen Arbeitsplan des Abrüstungskomitees sucht man das Thema "Weltraumrüstung" jedenfalls vergebens.

00:00 17.10.2003

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