Aller Tage Arbeitskampf

Klagemauermangel Wir sind hier nicht in Hollywood. Ein deutscher Drehbuchautor über seine Situation, in der das Wort Autorenstreik nicht vorkommt

"The screenwriters are the most important people in showbusiness, but you must not let them know that." Die Warnung stammt von dem legendären Hollywood-Produzenten Irving Thalberg. Für die Autoren in Amerika ist die Tatsache, dass sie die wichtigsten Menschen im Kulturbetrieb sind, kein Geheimnis mehr. Ihr seit Wochen andauerndes, kollektives Verweigern der Arbeit ist ein finanzieller Stolperstein für die Filmindustrie, der Schäden in Milliardenhöhe verursacht. Jüngste prominente Opfer des Arbeitskampfes sind Großproduktionen wie das Remake der britischen Serie State of Play, bei der Brad Pitt auf Grund der mangelnden Qualität des Drehbuchs seine Mitarbeit verweigert hat, oder die aus demselben Grund gestoppte Vorbereitung zur Fortsetzung des Bestsellers und gleichnamigen Blockbusters The Da Vinci Code. Neue Folgen der populären Serien Lost und Grey´s Anatomy werden nicht vor 2009 zu sehen sein, Late Night Shows wie die von David Letterman oder Jay Leno zeigen Wiederholungen. Offenbar zwingt dieses wenig prominente, aber wichtige Rad im Getriebe der Traumfabrik den ganzen Apparat zum Stillstand.

Die zentralen Forderungen der für den Streik verantwortlichen Gewerkschaft Writer´s Guild of America (WGA) sind eine Beteiligung am Zukunftsmarkt des Online-Geschäftes und ein größerer Anteil aus dem Erlös an Verkäufen von DVDs. Wer zu denjenigen gehört, die amerikanische Fernsehserien in sündhaft teuren Editionen erwirbt oder einmal einen Blick auf die Online-Portale der Kabelsender in den USA geworfen hat, ahnt, um welche Summen es für die Studios geht. Die zu erwartenden Auszahlungen an die einzelnen Autoren werden gegenwärtig nicht astronomische Höhen erreichen. Doch da die Filmwirtschaft in Zeiten von Harddiskrekordern und Video-on-Demand immer mehr zu einem Internetgeschäft wird, ist es vor allem ein Streik für die Zukunft, wenn eines Tages alles nur noch per Datenstrom auf den heimischen Bildschirm fließt.

In meiner täglichen Arbeit als Drehbuchautor von deutschen Kinofilmen und Fernsehspielen kämpfe ich mit Spannungsbögen und Figurenentwicklungen. Zeit, mir Gedanken über den eigenen Stellenwert zu machen, bleibt bei reger Beschäftigung selten. Trotzdem schaue ich neidisch auf die Summen, die manchmal für ein Drehbuch in Amerika bezahlt werden. Sie stehen in keinem Verhältnis selbst unter Abzug der Tatsache, dass die dortige Filmwirtschaft am Weltmarkt einen anderen Stellenwert hat als die deutsche. Der in der Industrie beschäftigte Autor genießt ein höheres Ansehen, als Schreiber für die Studios im Fernseh- oder Kinogeschäft arbeitet er für internationale Konzerne, die Produkte für den Weltmarkt herstellen. Das Modell des Writer-Producer ist nicht unüblich. Produzenten wie James Schamus (Brokeback Mountain) oder der für American Beauty und die Serie Six Feet Under verantwortliche Alan Ball legen Hand an die Skripte, die sie künstlerisch und später ökonomisch zu vertreten haben oder sind sogar deren Urheber und partizipieren als gleichzeitiger Produzent in einem anderen Maße am Erfolg. Wenn nun der Stand der amerikanischen Kollegen so viel besser ist, warum geht der deutsche Drehbuchautor nicht auf die Barrikaden?

In der letzten Woche haben sich achtzig Autoren, befreundete Schauspieler und Regisseure vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt, um sich solidarisch mit den Forderungen ihrer Kollegen zu erklären. Das Häuflein Demonstranten konnte man glücklicherweise von den Reisegruppen unterscheiden, denn ein Städtetourist hat normalerweise kein Transparent in der Hand. Die Hollywood-Schreiber stehen Spalier vor den Eingangstoren von Disney, Paramount oder Warner Brothers. Warum ist das Brandenburger Tor für die Misere des deutschen Drehbuchhandwerks verantwortlich?

Eine Klagemauer für den heimischen Markt zu finden, ist schwer. Wen soll man beschuldigen für geringe Honorare und mangelnde Beteiligung am eventuellen wirtschaftlichen Erfolg? Die Filmförderung, die Produzenten, die Sender? Die Situation, wer Auftraggeber und Auftragnehmer ist, wer die Gewinne letztlich abschöpft, wenn sie mit deutschen Produkten überhaupt erzielt werden, ist leider nebulös. Jeder, der sich einmal den Finanzierungsplan eines durchschnittlichen deutschen Kinofilms angesehen hat, weiß, dass bei den Produzenten lange keine müde Mark eingeht, bevor ein Film nicht eine große Anzahl von Zuschauern hat. Die Mehrheit der benötigten Gelder zur Herstellung ist vom Staat oder den Bundesländern durch die Filmförderung geliehen und muss bei Erfolg anteilig zurückgezahlt werden. Die Auswertungsrechte verkauft der Produzent im Vorfeld an partizipierende Fernsehsender, einen Weltvertrieb und Verleih, um den Film herstellen zu können. Wo sich amerikanische Autoren eine Beteiligung am Onlinegeschäft und an den verkauften DVDs wünschen, schauen die deutschen Produzenten häufig selbst in die Röhre - und damit auch der deutsche Autor.

Streik ist immer Lobbyarbeit. In Deutschland findet keine gewerkschaftliche Arbeit statt wie bei der in Hollywood omnipräsenten WGA. Es gibt einen Verband deutscher Drehbuchautoren, doch die Mitgliedschaft ist freiwillig und hat für den ökonomischen Stellenwert ihrer Mitglieder keine Bedeutung. Unabhängig von den verbesserten Bedingungen durch schon bestehende Rahmenverträge mit den Studios, räumt die Mitgliedschaft in der WGA mit einem romantischen und verklärten Geniebegriff der Autoren auf. "Du bist nicht alleine in deiner Kammer, wo du vor dich hinschreibst und am großen Opus arbeitest. Du bist Teil einer Industrie und wir sind organisiert." Wer man ist, fängt im Kopf an.

Der deutsche Markt lässt sich selbstkritisch und ein wenig polemisch in drei Arten von Drehbuchautoren unterteilen: in den von der Filmförderung alimentierten Künstler, der für den ambitionierten, vom Feuilleton geliebten, auf Festivals gepriesenen und im Kino unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit stattfindenden "deutschen Film" steht. Das Ergebnis seiner Arbeit ist ökonomisch nicht relevant, aber Geld interessiert ihn sowieso nicht. Es geht um den cineastischen Ausdruck. Das ist legitim. Dann gibt es den Lohnschreiber, der Fernsehspiele und Serien erfindet und in einem freischaffenden, aber letztlich weisungsgebunden Arbeitnehmerverhältnis gegenüber den Fernsehsendern und Produzenten steht. Keiner beißt die Hand, die ihn füttert, im besten Fall manifestiert sich bei diesem Typ eine larmoyante Haltung gegenüber seinem Auftraggeber. Schließlich bleibt der Autor, der versucht, künstlerisch integer gegenüber seinem Schaffen zu bleiben, für den Wirtschaftlichkeit kein Fremdwort ist, der weiß, dass er in einer Unterhaltungsindustrie arbeitet und dabei die Spannungsfelder der ersten beiden Kategorien aushalten muss. Eine funktionierende Solidargemeinschaft wie die WGA ist weit und breit nicht in Sicht, wenn das Selbstverständnis der Akteure so weit auseinander geht.

Zwar gibt es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Regelsammlung, in der zum Beispiel die Vergütung einer Folge von Tatort vereinbart ist. Die finanzielle Bewertung der Arbeit geschieht aber meist im zähen, individuellen Verhandeln zwischen dem Produzenten des Films und dem Autor oder seiner Agentur. Dabei muss man festhalten, dass sich die Honorare der Drehbuchautoren schlechter an die Inflation angepasst haben als der Rentenspiegel. Am Ende zählt der Marktwert des Einzelnen. Wer "in" ist, leistet sich Forderungen, andere sind zufrieden, wenn es zu einem Vertragsabschluss kommt, der ein Jahreseinkommen oberhalb der Armutsgrenze sichert. Solidarität ist anderswo. Der Arbeitskampf der deutschen Drehbuchautoren hat kein Ende in Sicht, denn er findet jeden Tag statt.

Schön wäre, wenn man mit gutem Gewissen auf die Produzenten einprügeln könnte, dann gäbe es ein Feindbild, das die Gemeinschaft der Autoren zu mehr Zusammenhalt nötigt. Doch wem klar ist, dass die meisten unabhängigen Film- und Fernsehproduzenten selbst keinen Euro zu viel in der Tasche haben, wünscht sich in Deutschland vielleicht lieber einen Streik der Produzenten.

Bernd Lange ist Drehbuchautor und lebt in Berlin. Er hat an Filmen wie Am Ende kommen Touristen und Requiem mitgewirkt. Mit dem Regisseur Hans-Christian Schmid (Requiem, Lichter) arbeitet er zur Zeit an einem Film über internationales Strafrecht.

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