Mirko Bonné
03.10.2003 | 00:00

Allerliebst coquetter Bogen

Einmal die Ruhr entlang Eindrücke von einem lange aufgeschobenen Besuch im "westfälischen Idaho"

Der Fluss, der dem größten deutschen Ballungsgebiet den Namen gibt, die Ruhr, entspringt auf einer kleinen, von Laubbäumen bestandenen Anhöhe im Rothaargebirge. Das Ruhrrinnsal sprudelt aus einem gemauerten Maul, über dem die Jahreszahl 1849 gemeißelt steht. Als ich einen seit Jahren angekündigten Sauerlandbesuch endlich einmal wahr machte, fuhr ich, auf der B7 immer Richtung Osten, von Hagen über Arnsberg und Brilon nach Winterberg ruhraufwärts, kreuzend immer wieder den Fluss, das Flüsschen, schließlich den durch Wälder und Talsenken schnellenden Bach. Es nieselte an der Ruhrquelle, wo nur eine Ausflüglerfamilie unterwegs war. "Mama, guck mal!" Ihr Jüngster stand breitbeinig über die Quelle gebeugt und fing mit Händen das Wasser. "Ich halte den Fluss auf!"

Ich war viel zu warm angezogen und hatte keinen Schirm dabei. Dauerregen, die Ruhr führte Hochwasser. Mein Begleiter, ein Freund aus Schultagen, lebt seit 20 Jahren im Sauerland, und so oft ich versprochen hatte, ihn einmal in seinem, wie er es nannte, "westfälischen Idaho" zu besuchen, so oft hatte ich Gründe vorgeschützt, um es doch nicht zu tun. Beim Namen Sauerland befiel mich die Furcht vor der Idylle.

Immerhin, trist war es hier nicht, das zeigte sich schnell anhand des kleinen Besichtigungsprogramms, das mein Freund, ein bekennender Ruhr-Fan, für uns ausgearbeitet hatte - wir würden einfach dem Fluss folgen. Hat man erst die Industrieschluchten und Gewerbemischgebiete Hagens hinter sich gelassen, öffnet sich das Land. Es wird lichter und geräumig, und man gewinnt den Eindruck, dass Wälder und Felder sich allmählich sortieren, um später, weiter östlich, jene Akkuratesse anzunehmen, die auf eigentümliche Weise mit den schiefergedeckten Fachwerkbauten harmoniert. Sacht gewelltes Land, Hügelmützen aus Tannen und Fichten, dazu die kantige Zeichnung der schwarzen Fachwerkbalken auf den weißen Fassaden prägen den Landstrich auf seltsam anrührende Weise.

Noch kräftig und verwildert wiesengrün strömt die Ruhr durch Arnsberg. Das Städtchen lag schon im Wochenendschlaf, nur auf dem historischen Marktplatz der Oberstadt mit seinen vorkragenden Giebeln tummelte sich eine kleine Hochzeitsgesellschaft, während aus dem Einkaufszentrum am anderen Ufer die letzten Hamsterkäufer durch den Regen eilten. Schon hier gab ich meine Vorstellung von der Ursprünglichkeit dieses Sauerlands auf, das früher, je nach Dialekt, Surland, Siurland, Sugerland, Söderland oder Süderland hieß. Auch die Provinz muss mit der Zeit gehen. Und wenn im Sauerland mehr Bräuche gepflegt und mehr historische Feste gefeiert werden als in manch anderer Region, so gilt doch auch für das preußisch geprägte Arnsberg mit seinen Schinkelfassaden und seinem "Blauen Stein", auf dem die Hexen starben, wie für das schon vor über 1000 Jahren von Otto I. zum Markt erhobene Meschede, dass Supermarkt und Autohändler, Fastfood-Restaurant und Tankstelle, Küchenzentrum und Chinamann zunehmend das Ortsbild dominieren. Kaum etwas weist darauf hin, dass einer der berühmtesten Sauerländer, der Maler August Macke, 1887 in Meschede geboren wurde. Kam dieser global painter je hierher zurück? Das wusste selbst mein Begleiter nicht. Macke fiel im Ersten Weltkrieg, mit nur 27 Jahren. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurden große Teile des Kreises Meschede von amerikanischen Jagdfliegern und deutscher Artillerie zerbombt. Spuren davon gibt es viele. Und in Meschede immerhin ein August-Macke-Haus und eine August-Macke-Schule.

So rege, wie der struggle for profit überall ist und wohl sein muss, in den Städtchen und Dörfern des Sauerlandes erschien er mir doch eingebettet in lebendig gehaltene Geschichte. Allerorts ist die Kirche präsent, und das nicht allein in Form von Heiligenbildern, Kruzifixen und Kapellchen am Straßenrand. Auffällig, wie Glaube, Glaubensgemeinde eine Rolle im Leben spielen. "Das schönste Wappen der Welt, das ist der Pflug im Ackerfeld." Sinnsprüche Adolph Kolpings, Handwerker, Theologe und Begründer der Gesellenvereine, liest man an einem Ausflugsziel oder in einem Kolping-Haus. Dort aßen wir gut und günstig und lasen: "Das Christentum sind keine leeren Worte, sondern lebendige Handlungen." Im einstigen Femesitz Assinghausen, wo ein paar der schönsten Häuser aus dem 17. Jahrhundert stehen, versammelten sich nach dem sonntäglichen Kirchgang die Männer im Gasthof. Auf die Frage, ob es im Lokal einen Mittagstisch gebe, verwies uns der Wirt aufs Haus gegenüber. Unser Auto aber sollten wir ruhig bei ihm stehen lassen: "Wagen vorm Haus sieht immer gut aus." In Assinghausen ist die Ruhr noch so breit wie ein Feldweg.

Der nächste Programmpunkt hieß Brilon. Der lang vergessene "Dichter des Sauerlandes" Friedrich Wilhelm Grimme nannte sie "Klein-Rom", die schmucke einstige Hansestadt Brilon am Fuße des Arnsberger Waldes: "Die erste Stadt der Welt ist Rom, die zweite Brilon und die dritte wiederum Brilon", und hier zog mein Freund Grimmes noch 1998 neu aufgelegten Regionalkompass Das Sauerland und seine Bewohner aus der Tasche und schenkte ihn mir. Hart aber herzlich geht Grimme darin mit seinen Landsleuten ins Gericht; Maulheldentum, Geiz, Ziererei, Hang zur Flasche und immer wieder Horizont-Enge karikieren seine Schwänke und Gedichte. Mein Kamerad gab zu bedenken, dass man an anderer Stelle nachlesen müsste, um abwägen zu können, was davon zutrifft, so etwa bei Eduard Pape, Mitverfasser des Bürgerlichen Gesetzbuches, oder Bundespräsident Heinrich Lübke; beide waren in Brilon zur Schule gegangen. Die Ansicht meines Freundes, "im Herzen Deutschlands" zu leben, hier konnte ich sie, für einen Moment, nachvollziehen - bis wir am "Kump", dem 600 Jahre alten Petrusbrunnen auf dem Briloner Marktplatz, eine Handvoll Knirpse passierten, die dort ohne Aufpasser unterwegs waren. Einer der jüngsten rauchte, der kleinste Junge, den ich je rauchen sah, keine sechs Jahre alt. In "Groß-Rom" wäre mir das nicht weiter tragisch erschienen, in Brilon deprimierte es mich.

Gut, dass noch das "Sauerländer Highlight" auf mich wartete. In der Nähe Brilons, bei Olsberg, ändert das von Süden kommende Ruhr-Flüsschen die Richtung und schlägt den Weg nach Westen ein. Wir standen vor dem imposantesten Naturdenkmal, das der Hochsauerlandkreis zu bieten hat. Aus einem dicht bewaldeten Hügel unterhalb des Istenbergs ragen die Bruchhauser Steine, vier aus der Devonzeit stammende Porphyrtürme, deren mächtigster, der Bornstein, 92 Meter hoch ist. Als gigantische Eckbastion einer frühgeschichtlichen Befestigungsanlage waren die vier Blöcke einst mit Wällen verbunden gewesen. Heute genießen Archäologen den Blick ins Land genauso wie Ornithologen, denen es an den Bruchhauser Steinen seit 1989 gelingt, den ausgerotteten Wanderfalken neu anzusiedeln. 180 Jahre vor mir ließ sich auf ihrer Sauerlandrundreise 1824 auch Annette von Droste-Hülshoff hier hinaufkutschieren. In meinem Grimme war es nachzulesen: Erschienen ihr "anmuthig wallende Formen" der Landschaft und "allerliebst coquetter Bogen" der Ruhr bei Meschede noch als "Triumph des eigentlich Mittelmäßigen", so geriet die Droste ins Schwärmen angesichts der "isolirten colossalen Bruchhäuser Steine" und ihrer "compacten aber trümmerhaften Masse".

Dort oben, von wo aus man bei klarem Wetter die Ruhrschleife sieht und bis zu den Ski-Tourismuszentren von Winterberg und Kahlem Asten blickt, dort oben, wo uns bloß Nebel einhüllte, nahm ich mir ein Herz und fragte meinen Freund, was am Sauerland ihm eigentlich so gefalle. Er wusste es nicht genau. Er fühle sich aufgehoben, vielleicht weil alles so überschaubar sei - und dann natürlich des Holzes wegen! Das Sauerland lebe nach wie vor vom Holz.

Also doch: die Ursprünglichkeit. Die breiter und breiter werdende Ruhr kreuzend, fuhren wir zurück durch Rotbuchenwälder, die rosig bis violett aus dem Nebel traten. Tausende Tannenschonungen, Baumschulen, Sägewerke in den Tälern. "Die reinste Forstkunst", hätte ich gesagt, wäre mir nach Streit zumute gewesen. "Du hast mich bisher gar nicht gefragt, was aus mir geworden ist", sagte mein alter Freund ohne Spur von Triumph in der Stimme. Bei einem großen Holz verarbeitenden Betrieb war er als "Nature Consultant" angestellt - "Formgehölze" war auf dem Schild der Firma zu lesen. In ihrer Nachbarschaft besichtigten wir noch eine Fachwerkkapelle, dann sagten wir Lebwohl.

Mirko Bonné, geboren 1965, lebt bei Hamburg als Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband Hibiskus-Code.