Alles auf Anfang

Alter Unsere Autorin löst den Haushalt ihrer Mutter auf: Ein ganzes Leben in Kisten gepackt, um dem Zimmer im Hamburger Pflegeheim ein Stück Heimat zu geben. Zwischen Puppen und Hochzeitsbildern erinnert sie sich an ihre Familiengeschichte

Am frühen Donnerstagabend geht es los im VW-Bus über die Elbbrücken Richtung Süden. Es ist der Oktober vor der Pandemie. Die Rauchfahnen aus den Industrieschornsteinen, die Hafenkräne, die Gebirge aus Schiffscontainern, von den Frachtern abgeladen, verabschieden mich. Ich habe zwei Tage und das Fassungsvermögen eines T4, um unter den Besitztümern meiner Mutter, die nach Hamburg umziehen wird, die essenziellen herauszusuchen.

Bisher wohnt sie 700 Kilometer entfernt. Mit Glück habe ich für sie ein Zimmer im Pflegeheim gefunden, in einer Villa an der Elbchaussee mit Hängebuchen vor dem Fenster. Das Sozialamt Reutlingen zahlt auch für diese noble Adresse. Meine Mutter kann unmöglich aus der Alterspsychiatrie, wo sie mit kurzen Unterbrechungen die vergangenen vier Jahre verbracht hat, nach Hause zurück. Nach Hause: zu Edmund, ihrem Partner. Mit ihm lebt sie seit 17 Jahren zusammen. Er ist der erste Mann in ihrem Leben, seit meinem Vater, der sie vor meiner Geburt verließ.

Anfangs war meine Mutter glücklich. Sie und Ed waren zusammen in die neue Wohnsiedlung am Stadtrand gezogen. Vor der Haustür beginnen die Streuobstwiesen, dort führten sie seinen Hund spazieren, die Bergrücken der Schwäbischen Alb im Blick. Sie schmiss die Küche, wofür sie während ihres Arbeitslebens nie Zeit gehabt hatte. Die Fernbedienung für den Fernseher lag in seinen Händen.

Dann starb der Hund, und sie gingen weniger raus. Für mich kam die Nachricht überraschend, meine 71-jährige Mutter sei plötzlich verwirrt. Eds Tochter brachte sie ins Krankenhaus. Ich war bedrückt, konnte in Hamburg unmöglich alles stehen und liegen lassen, versprach, übernächste Woche zu kommen. Zusätzlich zu einer Depression hatte meine Mutter Zwangsgedanken: Sie könne die Behandlung nicht bezahlen, werde bald auf der Straße sitzen.

Die Häuser sind futsch

Die Therapien schlugen nicht an, ebenso wenig die Medikamente. Nach endlosen Wochen griffen die Ärzte zu einem Mittel, das bei mir schreckliche Assoziationen auslöste: Elektrokrampftherapie. Die rechtliche Betreuung, früher hätte man „Entmündigung“ gesagt, ging an mich. Stellvertretend willigte ich in die Behandlung ein. Die EKT wirkte, meine Mutter wurde für kurze Zeit zu Ed entlassen, vier Jahre lang war sie aber mehr in der Gerontopsychiatrie als zu Hause. Mehrfach gestürzt und operiert, saß sie inzwischen im Rollstuhl.

Ein „unterstützendes Umfeld“ gehöre unbedingt dazu, erklärte mir die junge Ärztin in weichem Schwaben-Hochdeutsch. Ich war herbeigerast, am Dammtor in den ICE gestiegen, sieben Stunden gefahren, hatte in ihrem kleinen Zimmer übernachtet. Über einem von mir mitgebrachten Imbissessen tauschten Ed und ich ein paar artige Sätze, ich mit Stift und Zettel. Wenn er und ich ihr Auffangnetz waren, so hatte dieses viel zu wenige Maschen.

Am Abend lag ich im Bett in dem kleinen Zimmer. Über mir saßen meine Puppen im Regal, Fotos von meinen Kindern überzogen die Wand, dicht an dicht standen die Alben, die mein Aufwachsen dokumentierten. Von den Familienerbstücken, die aus besseren Tagen von Wohnung zu Wohnung geschleppt worden waren, waren nur noch Bilder übrig: das Hochzeitsbild der Urgroßeltern. Darauf die Familienvilla, umgeben von einem traumhaften Garten. Beide starben innerhalb eines Jahres. Ihre fünf Kinder wurden auf die Verwandtschaft verteilt, das Haus verkauft und der Erlös für ihren Unterhalt aufgewendet.

Auch das Haus meines Opas, einer dieser Waisen, nach dem Krieg neu gebaut, wurde kein Stammsitz für Generationen. Es lag am Hang und hatte die schöne Adresse Sonnenhalde. Wenn beim Ballspielen auf der Straße der Ball verloren ging, musste eines der Geschwister oder Nachbarskinder den Buckel runterrennen und wieder hinauf. Auch mein Opa, Dr. phil., Inhaber eines Adressenverlags und Schriftsteller, starb unerwartet. Er hatte es versäumt, vorzusorgen, es gab Hypotheken und Schulden. Das Haus ging an die Gläubiger.

Meine Mutter ging in die Lehre, als Retuscheurin und technische Zeichnerin, ein zu der Zeit ungewöhnlicher Beruf für eine junge Frau. Sie fand eine Neubauwohnung in einer nahen Kleinstadt und zog mit Mutter und Schwester dort ein. Mit knapp 20 Jahren finanzierte meine Mutter die verbliebene Familie weitgehend allein.

Mein Vater erschien auf der Bildfläche. Die Beziehung führte zwar zu meiner Zeugung, nicht aber zur Gründung einer neuen Familie. Meine Mutter blieb bei ihrer Mutter wohnen, inzwischen ohne die jüngere Schwester, die geheiratet hatte, dafür mit Baby, also mit mir.

Ich wuchs also in einer Drei-Generationen-Kleinfamilie auf, die nicht schlecht funktionierte. Meine Mutter verdiente das Geld, meine Oma kümmerte sich um den Haushalt und das Enkelkind. Unsere Mietwohnungen wechselten in größeren Abständen. Immer standen die Erbstücke, vor allem Möbel, die mein Uropa von seinen Reisen mitgebracht hatte, an prominenter Stelle. Meine Mutter stellte eine orangefarbene Couchgarnitur dazu und dekorierte mit psychedelischen Papierblumen. Ich übte Gitarre im Gequäke der Zebrafinken, las oder brachte Freundinnen mit.

Meine Oma starb, als ich 15 war. Nach meinem Auszug hatte meine Mutter Untermieterinnen, Studentinnen der Fachhochschule. Vor dem Umzug in die Wohnung mit Ed habe ich meiner Mutter bereits geholfen, ihre Besitztümer zu reduzieren. Die antiken Möbel und Reiseandenken sind in die Haushalte von Onkel und Tante gewandert, in unserer Hamburger Wohnung stehen seither „die arabische Wand“ und „das arabische Sofa“.

Ich fahre, bis meine Augen vor Ermüdung brennen, parke den VW-Bus auf einem Rastplatz und schlafe wenige Stunden. Im Morgengrauen geht es weiter. Noch ist nicht klar, ob mich Ed überhaupt hereinlassen wird. Er hat sich gegen den Auszug meiner Mutter mit Trotz und Störaktionen gesträubt. Den Hebel meiner Rechtsvollmacht setze ich gegen seinen Willen an.

Die Wurzeln meiner Mutter passen in einen transportablen Blumentopf. Ihre Kontaktfreude, die an Eds Seite zu verkümmern drohte, ihre Anpassungskunst und Offenheit für die Menschen um sie herum: Das sind nachwachsende Ranken.

Die Äcker verscherbelt

Während sich der VW-Bus die Steigungen der Rhönautobahn hochschleppt, dekliniere ich die Kette meiner einsamen Entscheidungen durch: Ich entführe sie von ihrem Geburtsort, den Äckern des ländlichen Zweigs, den Gräbern, den verbliebenen Freundinnen und Cousinen, vom Heimatdialekt. Und von Ed natürlich, der immer noch glaubt, nur er könne für sie sorgen.

Andererseits: Die Häuser sind futsch, die Äcker als Bauland verscherbelt. Die Gräber sind längst abgeräumt worden. Ed hat jede Hilfe, die ich für meine Mutter organisiert hatte, abgewimmelt. Ich lebe mit meiner Familie in Hamburg. Es geht nicht anders!

Ich habe meine Mutter oft gefragt, am Telefon, bei meinen Besuchen während der vielen Monate im Krankenhaus. Sie verwies auf diejenigen, die vermeintlich alles wussten: „Mal sehen, was die Ärzte sagen.“ Schließlich bat sie mich, für sie zu entscheiden. Und hier bin ich, der blaue Punkt auf dem Navi, der sich unaufhaltsam nähert. Ich fahre von der Autobahn ab, frühstücke, was mir nur nach Nächten wie dieser in den Sinn kommt, bei McDonald’s. Schreibe eine SMS an Ed: Bin in 20 Minuten da.

Ed öffnet. Er hat Kaffee gemacht, bietet mir einen Platz am Tisch an. Wie früher, wenn ich mit den Kindern zu Besuch kam. Jetzt tut er mir leid. Er gibt mir den Gästeschlüssel und verlässt die Wohnung.

Es ist Freitagvormittag, am Montag muss ich in Hamburg im Job aufschlagen. Das Zimmer im Heim soll besenrein hinterlassen werden, wie man so sagt.

Mittags kommen zwei junge Männer von der Entrümpelung. Ein soziales Unternehmen, aber sie wollen keine Sachspenden. Sie fahren das Zeug auf den Schrott, kostenpflichtig natürlich.

Vor dem Kleiderschrank stehend versuche ich, eine vernünftige Auswahl zu treffen, bequem und rollstuhlgeeignet. Ich stopfe die Kleidungsstücke schneller in die Säcke, als ich meine Entscheidungen möglicherweise revidieren kann.

Der Entrümpler hat Kinder. Ich schenke ihm alles, was er möchte: das Memoryspiel, die Bilderbücher, das Xylophon. Ich bin froh, wenn er all das mitnimmt, statt es in den Müllsack zu werfen.

Womit ich den Bus vollstopfe bis in die letzte Ritze: Alben, Briefe, selbst Gemachtes und Gemaltes. Auf einem Regalbrett stehen die Bücher meines Opas: Jagd nach J. M., Wiederaufbau durch Werbung, Protokolle aus dem Jenseits. Und meine Bücher. Alles von dort kommt mit.

Zurück in Hamburg, richte ich im Heim ein Zimmer ein, das sofort wie ihr Zuhause aussieht. Schnell beschaffe ich ein paar Möbel, von der Resterampe bei Ikea, aus dem Sozialkaufhaus. Ich platziere Fotos und Bilder, hänge alle Wände damit voll. Auch eines von Ed ist dabei. Und so ist das Zimmer sofort ganz ihres.

Als meine Mutter und ich 14 Tage später mit dem ICE in Altona ankommen, bin ich nervös. Schiebe sie im Rollstuhl in das Zimmer in der Station „Hamburger Hafen“. Das Sonnenlicht spielt im Laub vor dem Fenster und in den hellen Vorhängen. Das vertraute Sammelsurium schaut uns entgegen, von der Elbe herauf tutet ein Schlepper. Auf ihrem Gesicht sehe ich Erleichterung und Freude.

Die Wutprobe – für Nicholson!

Hollywood Wenn Sie über die Feiertage das Gefühl haben, Ihre Familie sei kompliziert, denken Sie an Folgendes: Der US-Schauspieler Jack Nicholson erfuhr mit 37 Jahren am Telefon, dass seine Schwester in Wahrheit seine Mutter war. Die war erst 16 Jahre alt, als der kleine Jack das Licht der Welt erblickte. Um ihre „Ehre“ und eine Karriere als Tänzerin zu retten, gab sich die Oma als eigentliche Mutter aus. 1974 fand ein Reporter des Time Magazine die Wahrheit heraus – und klingelte bei Nicholson durch.

Tanja Schwarz ist Schriftstellerin. Sie wurde 1970 in Hechingen in Baden-Württemberg geboren und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2021 erschien ihr Erzählband In neuem Licht (hanserblau)

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