Alles auf eine Karte gesetzt

USA Das neue Verteidiger-Team des 1981 zum Tode verurteilten afro-amerikanischen Journalisten Abu Jamal präsentiert einen Auftragstäter und eine überraschende Tatversion

Wer in der US-Mainstream-Presse nach neuen Informationen zum Fall Mumia Abu Jamal sucht, findet derzeit so gut wie nichts. Das ist schon merkwürdig, denn gerade in den vergangenen Wochen hat es für den 1981 unter grotesken Prozessbedingungen wegen eines Polizistenmordes zum Tode verurteilten schwarzen Journalisten eine Reihe überraschender - um nicht zu sagen wundersamer - Entwicklungen gegeben.

Es war Ende Februar, als Mumia Abu Jamal plötzlich sein langjähriges New Yorker Verteidigunger feuerte, an dessen Spitze der renommierte Anwalt Leonard Weinglass stand. Vergleichsweise unbekannte und erkennbar weniger kompetente Verteidiger haben inzwischen den Fall übernommen. Anfang Mai dann erklärte sich ihr Mandant nach fast 20 Jahren des Schweigens in dieser Angelegenheit zum ersten Mal öffentlich und unter Eid für unschuldig. »Ich habe den Polizeibeamten Daniel Faulkner nicht erschossen«, versicherte Mumia Abu Jamal. »Ich habe nichts mit dem Tod von Faulkner zu tun. Ich bin unschuldig«.

Wenig später tauchte ein lang vermisster Kronzeuge auf: Billy Cook - Jamals Bruder, der in der Mordnacht neben Faulkner im Mittelpunkt des Geschehens stand. Auch Cook hat eidesstattlich versichert, dass Jamal nicht der Todesschütze gewesen sei. Damit nicht genug, präsentierten die neuen Verteidiger auch noch das schriftliche Geständnis eines Mannes, der sich darin als wirklicher Täter zu erkennen gibt. Seine eidesstattliche Erklärung ist mit dem Namen »Arnold Beverley« unterzeichnet.

Der harte Kern der organisierten »Free Mumia«-Aktivisten sieht nichts als »good news« in diesen gesammelten Eiden. Frischen Mutes fordern sie »die sofortige Freilassung des in einem rassistischen Verfahren schuldlos zum Tode Verurteilten«. Der undogmatische Teil der internationalen Solidaritätsbewegung allerdings - vor allem die Bewegung der Anti-Todesstrafe-Aktivisten -, die aus Prinzip und weltweit gegen Hinrichtungen kämpft, steht der jüngsten Entwicklung eher abwartend und wohl auch etwas ungläubig gegenüber. Nach jahrzehntelangen, vergeblichen Versuchen, einen neuen, fairen Prozess für Jamal zu erreichen, mag in dieser Klientel niemand an »deus ex machina« - das Wunder in allerletzter Minute - glauben. Die Skepsis scheint angebracht, denn im neuen Szenario gibt es einige wirklich frappierende Ungereimtheiten: Wichtige Teile der Unschuldserklärung von Mumia Abu Jamal - besonders die Chronologie des Tathergangs - stehen in einem auffälligen Widerspruch zur Aussage verschiedener Augen- und Entlastungszeugen. Und Arnold Beverley - der mysteriöse »wahre Täter« - wartet in seiner Erklärung mit einer ungemein unglaubwürdigen Story auf. Außerdem bringt das neue Verteidigerteam auf dem hochkomplizierten Feld von Berufungsverfahren, Begnadigungsrecht und des Umgangs mit der Todesstrafe nicht nur beunruhigend wenig Erfahrung, sondern obendrein unprofessionellen Ballast mit.

Total unschuldig

Zuerst sollte vielleicht die Frage beantwortet werden, was Jamal dazu gebracht hat, seine Verteidiger überhaupt, so spät und in so kritischer Stunde zu wechseln. Schließlich befindet er sich in der letzten Runde seiner automatischen Berufungsmöglichkeiten. Wenn der zuständige Bundesrichter William Yohn über den seit anderthalb Jahren vor ihm liegenden Antrag auf ein neues Verfahren endlich entscheidet, wird es im Falle einer Ablehnung keine automatische Berufungsinstanz mehr geben. Dann bleibt nur noch der wenig Erfolg versprechende Gang nach Washington zum Obersten Gerichtshof.

Was Jamal getrieben hat, die Anwälte zu wechseln, wird auf der Internet-Website der »Free Mumia«-Kampagne mitgeteilt. Er habe zusehends das Vertrauen zu seinem Team verloren, heißt es da, als er entdeckte, dass einer der Verteidiger - Dan Williams - ein nicht autorisiertes Buch mit internen Informationen aus der Prozess-Strategie veröffentlicht hatte. Warum der eloquente und äußerst integre Hauptverteidiger Leonard Weinglass gleich mitgefeuert wurde, obwohl er seinen Kollegen für die bewusste Veröffentlichung kritisiert hatte, dazu äußerte sich Jamal bis heute nicht selbst, das überließ er seinem neuen juristischen Team, den Anwälten Marlene Kamish und Elliot Lee Grossman.

Anfang Mai hielten die beiden auf den Stufen des Bundesgerichts in Philadelphia ihre erste, äußerst hastig einberufene Pressekonferenz ab. Außer lokalen Medien fand sich jedoch so gut wie niemand ein. Möglicherweise war das mangelnde Interesse seinerzeit dem auf Hochtouren laufenden Medienzirkus um die Hinrichtung von Timothy McVeigh zuzuschreiben, vielleicht wollte sich aber auch niemand der Arbeit unterziehen, den Hintergrund der zahlreichen neuen Akteure zu recherchieren. Jedenfalls hat außer dem Internet-Magazin Salon.com keine bedeutende Zeitung und schon gar kein einflussreicher Fernsehkanal über die jüngsten Wendungen des Falles berichtet.

Salon.com brachte Mitte Juni einen ausführlichen Hintergrundbericht des Journalisten David Lindorff aus Philadelphia. »Mumias all or nothing gamble« überschrieb der seinen Artikel, was man mit »Mumia setzt alles auf eine Karte« übersetzen könnte. Lindorff, der mit dem Fall so vertraut ist, dass er im Begriff ist, seine bisherige Berichterstattung zu einem Buch auszuweiten, sieht in Jamals jüngsten Manövern eine neue, politisch und juristisch hochriskante »Alles oder Nichts«-Strategie. Frustriert nach fast 20 Jahren quasi Einzelhaft ohne irgendeinen Erfolg in all seinen Berufungsverfahren, so Lindorff, habe Jamal die totale Wende vollzogen und die juristische, auf unfairen Verfahrensformen basierende Strategie seines alten Teams verworfen, um sich nun als total unschuldig hinzustellen.

Total erfunden

Lindorff glaubt, Abu Jamal sei dabei schlecht beraten. Die neuen Anwälte würden nicht einmal das übliche Minimum an Erfahrung mit Todesstrafen-Prozessen mitbringen, und zusätzlich eile der zur Hauptanwältin bestimmten Marlene Kamish der Ruf »bedenklicher Unprofessionalität« voraus. Einstige Kollegen bezeichneten sie zwar als eine passionierte Todesstrafen-Gegnerin, aber nicht zur Teamarbeit vor Gericht fähig und obendrein zu engagiert als Self-Promoterin, die sich auch gern mit fremden Federn schmücke. Kamish und Grossman hätten bereits seit anderthalb Jahren hinter dem Rücken des Weinglass-Teams mit Abu Jamal korrespondiert, heißt es weiter, und im Laufe dieser Kontakte sei dann auch der angeblich wahre Täter, Arnold Beverley, ausgegraben worden ... - Wieder ausgegraben, sollte man sagen, denn Beverleys Aussage hatte Mumia schon 1999 vorgelegen und wurde von ihm selbst verworfen, weil die Geschichte einfach zu unglaubwürdig war - so heißt es in Executing Justice, dem kontroversen Buch des gefeuerten Anwalts Dan Williams.

On Death Row - In der Todeszelle

1981

Mord an dem Polizisten Daniel Faulkner.

1982

Ein Geschworenengericht in Philadelphia verurteilt Abu Jamal zum Tode.

1989

Der Oberste Gerichtshof des US-Bundesstaates Pennsylvania bestätigt das Urteil.

1990

Abu Jamals Berufung vor dem Obersten Gerichtshof der USA scheitert.

1995

Der Antrag auf ein neues Gerichtsverfahren wird abgelehnt. Der Gouverneur von Pennsylvania setzt den ersten Hinrichtungstermin für den 17. August 1995 fest. Die Exekution wird später verschoben und Abu Jamals Antrag auf erneute Beweisaufnahme stattgegeben.

1998

Der Oberste Gerichtshof von Pennsylvania lehnt sämtliche neuen Beweisanträge der Verteidigung ab.

1999

Der Oberste Bundesgerichtshof verweigert die Wiederaufnahme des Falls. Der Gouverneur von Pennsylvania legt einen zweiten Hinrichtungstermin für den 2. Dezember 1999 fest. Daraufhin erfolgt eine Petition der Verteidigung, das gesamte Verfahren neu aufzurollen, weil die Inhaftierung Abu-Jamals gegen die Verfassung verstößt. Am 26. Oktober 1999 ordnet Bundesrichter William Yohn den temporären Aufschub der Hinrichtung an.

2000/2001

Eine Stellungnahme der Staatsanwaltschaft lehnt eine Wiederaufnahme des Verfahrens ab. Im Februar 2001 trennt sich Abu Jamal von seinem bisherigen Verteidiger Leonard Weinglass.


Beverleys Erklärung klingt in der Tat abenteuerlich. Der 51jährige Afroamerikaner behauptet, ein Hitman der Philadelphia Mafia gewesen zu sein. Die Mafia hätte ihn im Auftrag korrupter Polizeibeamter der Stadt angeheuert, damit er Daniel Faulkner ermorde, der wegen seiner persönlichen Integrität von seinen kriminellen Kollegen gefürchtet wurde. Zusammen mit einem anderen, noch nicht identifizierten Täter habe er Faulkner getötet. Mumia Abu Jamal sei erst nach dem Schusswechsel in Richtung Tatort gelaufen und wäre - als Faulkner schon tot am Boden lag - von den Kugeln eines anderen Polizisten getroffen worden.

Auf eine solche Verschwörungstheorie haben Philadelphias Polizeigewerkschaft und die Staatsanwaltschaft nur gewartet. »So eindeutig lächerlich ist Beverleys Story, dass es jedem vernünftigen Menschen klar sein sollte, dass es sich hier um eine totale Erfindung handelt«, heißt es in den Reihen der exekutionswütigen Fraternal Order of Police.

Doch die neuen Anwälte wollen es offensichtlich riskieren, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Sie scheinen davon überzeugt, dass Bundesrichter Yohn zumindest ein Beweisaufnahmeverfahren einleiten wird, wenn jemand erklärt, er sei der wahre Täter.

Der in den achtziger Jahren von Präsident Bush senior ernannte Richter kann natürlich ein solches Verfahren anordnen, aber er muss es nicht. Die Chancen dafür sind nicht größer und nicht kleiner als die Möglichkeit, dass er dem ihm vorliegenden, noch vom Weinglass-Team eingereichten Wiederaufnahmeantrag stattgibt, weil auch er die Fairness des ursprünglichen Prozesses und aller nachfolgenden, abgeschmetterten Berufungsverfahren bezweifelt. Aber das wäre wirklich ein Wunder.n

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00:00 20.07.2001

Ausgabe 42/2021

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