„Alles bedarf der Revision“

Interview Der Philosoph Axel Honneth ist 70 und kein bisschen müde. Er sieht neue Herausforderungen für die Kritische Theorie
„Alles bedarf der Revision“
Um Axel Honneth herum weht der Geist des Dogmatismus weniger

Foto: Gaby Gerster/LAIF

Ein Sommermorgen in Frankfurt. Axel Honneth hat das Café Laumer vorgeschlagen, wo es noch immer das Frühstück „Horkheimer“ gibt. Ich kenne den heute wohl einflussreichsten Kopf der neueren Generation der Kritischen Theorie, dessen Texte verraten, dass er von der Literatur zur Philosophie gekommen ist, seit einem halben Jahrhundert. Wir teilen die Vorliebe für Dylan, italienischen Neorealismus, Lukács und Hegel. Es gibt wohl kaum einen anderen bedeutenden Denker, der mit 70 Jahren so wenige Symptome einer déformation professionnelle zeigt.

Rüdiger Dannemann: Denken und Kategorienbildung sind doch, wie versteckt auch immer, verknüpft mit Lebensweltlichem. Du stammst aus einer Essener Arztfamilie. Hat dich das geprägt? Zum Beispiel in Hinblick auf dein Lebensthema der Anerkennung? (siehe Kasten)

Axel Honneth: Es hat zwar einige Jahre gedauert, bis ich selbst auf einen solchen möglichen Zusammenhang gestoßen bin, aber inzwischen bin ich ziemlich überzeugt davon: Meine freundschaftlichen Beziehungen als Arztsohn, der in einem eigenen Haus aufwuchs, zu den vermehrt aus Arbeiterkreisen stammenden Mitschülern – es handelte sich um ein reines Jungengymnasium im Zentrum von Essen, das dank erster Bildungsreformen damals seine Türen für bildungsfernere Schichten öffnen konnte – waren von wechselseitiger Scham und einer eigentümlichen Verklemmung geprägt. Meine Freunde schämten sich, kam ich zu Besuch, ihrer beengten, ärmlichen Wohnverhältnisse, ich mich unseres opulenten Hauses mit Garten und einem Zimmer für jedes Kind. Das zwang beinah naturwüchsig zu einer „Soziologisierung“ des Blicks auf die untergründige, nicht ökonomische, sondern moralische Seite des Klassenverhältnisses, in der viele Motive für das feine Spiel von Demütigung, reaktivem Stolz und erneuter Beschämung steckten – von diesen frühen Erfahrungen aus war es dann, so wie ich es heute sehe, nur noch ein kleiner Schritt zum Thema der Anerkennung.

Für Georg Lukács waren der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution Schlüsselereignisse mit philosophischen Konsequenzen, für Adorno war es Auschwitz. Gab es für dich ähnliche „Damaskuserlebnisse“?

Was mich historisch geprägt hat, lässt sich natürlich weder von der Dramatik noch von der geschichtlichen Bedeutung her mit den Ereignissen vergleichen, die Lukács oder Adorno in ihrem intellektuellen Werdegang beeinflusst haben. Ich wuchs in der Restaurationsphase der BRD zunächst unpolitisch auf, entwickelte dann unter dem Einfluss von Literatur und Rockmusik einen schwärmerischen Humanismus, die Hinwendung zur Politik erfolgte im Wahlkampf Willy Brandts, der mich zum Jungsozialisten machte. Ein Schlüsselereignis war dann nicht etwa die 68er-Bewegung, der stand ich wegen ihrer Revolutionsattitüden und ihrer leichten Arroganz – Ruhrgebiet! – zunächst distanziert gegenüber, sondern der Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei, das brachte mich auf und hat mich später auch das Entstehen der Solidarność-Bewegung als ein welthistorisches Geschehen erleben lassen. Sowohl im Prager Frühling als auch im polnischen Widerstand gegen die Sowjetunion sah ich Vorboten eines demokratischen Sozialismus, wie er mir schon damals vorschwebte – beide Bewegungen haben in den jeweiligen Ländern aber, wie es heute aussieht, leider keine größeren Spuren hinterlassen.

Du giltst simplifizierend als Habermasianer. Welche Philosophen würdest du selbst als prägende Impulse benennen?

Zu Beginn meines intellektuellen Werdegangs gab es sicherlich kurze Romanzen mit einzelnen Denkern, allen voran Ernst Bloch und Theodor W. Adorno, weitaus nachhaltiger hat dann allerdings die Beschäftigung mit Georg Lukács und mit – trotz seines Rechtskonservatismus – Arnold Gehlen auf mich gewirkt, dem Ersten verdanke ich mein bis heute anhaltendes Interesse an sozialen Pathologien, also Entfremdungs- und Verdinglichungsphänomenen, dem Zweiten das Interesse an einer anthropologischen Verankerung menschlicher Fähigkeiten, überhaupt vielleicht das Interesse an einem „sanften“, zwischen Kultur und Natur Brücken bauenden Naturalismus. Später trat dann, stets neben der Beschäftigung mit Habermas, die Begeisterung für Hegel hinzu, seit zwei Jahrzehnten auch die intensive Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Pragmatismus, vor allem John Dewey.

Zur Person

Axel Honneth wurde am 18. Juli 1949 in Essen geboren. Bis 2018 leitete er das Frankfurter Institut für Sozialforschung. Honneth lehrt heute an der New Yorker Columbia University. Sein jüngstes Buch Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte erschien 2018 bei Suhrkamp

Erinnerst du – trotz Ehrendoktorwürden, internationaler Anerkennung, Übersetzung in praktisch alle Weltsprachen – Enttäuschungen, die dich an der Tradition der Kritischen Theorie haben (ver)zweifeln lassen?

Was mich gelegentlich skeptisch macht, ist das geradezu kultische Verhältnis gewisser Kreise zu einzelnen Autoren dieser Tradition, zu Adorno und Benjamin besonders, der inbrünstige Glaube, diese Denker könnten nicht veralten und besäßen nicht ihre Schwächen. Überhaupt haftet dem Verhältnis zur Tradition der Kritischen Theorie vielerorts ein geradezu „verdinglichender“ Charakter an, als handele es sich um einen festen Kanon ewiger Wahrheiten, der nicht der ständigen Revision und historischen Neuanpassung bedürfe – was dann gelegentlich so weit führt, dass links und rechts nichts mehr zur Kenntnis genommen wird, man nicht mehr die neueren Entwicklungen in der Philosophie und den Humanwissenschaften verfolgt, sei es nun John Rawls oder Michael Tomasello, und sich nicht mehr zur steten Auseinandersetzung mit den „Alten“ angehalten sieht, sei es nun Kant oder Adam Smith. Es ist der Geist des Dogmatismus, der die Kritische Theorie umweht, der mich häufig an meiner eigenen Tradition zweifeln lässt.

Nach vielen Jahren in Frankfurt lehrst du nun an der Columbia University in New York. Was sind die gravierendsten Unterschiede mit Blick auf Relevanz oder Marginalisierung Kritischer Theorie?

Auf den ersten Blick sind da, zumindest was New York angeht, gar keine großen Unterschiede auszumachen: Das Interesse an der Kritischen Theorie ist in der Studierendenschaft auf beiden Seiten seit der Finanzkrise erheblich angewachsen, in den USA gibt es seit einigen Jahren eine Vielzahl neuer Magazine und Zeitschriften mit deutlicher Selbstverortung in der Tradition der Kritischen Theorie. Allerdings ist mein Eindruck in der Lehre, dass die amerikanischen Studierenden eine geringere Neigung zum Dogmatismus besitzen und die Texte mit größerer Skepsis lesen – hier gab es nie auch nur die geringste Aussicht auf eine soziale Revolution und auch keine stärkere Arbeiterbewegung, was dann doch vielleicht pragmatischer, reformbereiter und im Ganzen weniger halsstarrig macht.

Habermas und Lukács verbindet bei allen Unterschieden ihr kompromissloses Eintreten für die Sache der Vernunft. Wie siehst du deine Rolle in der Geschichte der Kritischen Theorie?

Das ist eine kaum zu beantwortende Frage, weil man sich selbst gegenüber nicht in die Rolle des intellektuellen Beobachters treten kann. Wenn überhaupt von einer eigenständigen Leistung gesprochen werden kann, dann ist es die, die Tradition der Kritischen Theorie wieder stärker an Hegel herangeführt zu haben; es würde mich aber keinesfalls entsetzen oder in die Verzweiflung treiben, wenn jemand behaupten würde, meine Dinge bildeten nichts anderes als eine wenn auch interessante, so doch kleine Fußnote zum Werk von Habermas.

In Jürgen Kaubes Habermas-Würdigung zum 90. Geburtstag in der „FAZ“ taucht der Begriff der Kritischen Theorie nicht mehr auf. Er ist zum quasioffiziellen Philosophen der BRD geworden. Muss sich die Kritische Theorie nicht wieder auf ihre ungleich radikaleren, der Idee des Sozialismus verpflichteten Wurzeln besinnen, wenn sie eine Antwort auf die Problem-Akkumulationen unserer Zeit, in der der neoliberale Kapitalismus sozialer Kontrolle entglitten ist, geben will?

Es gehört zu den Vorlieben der „bürgerlichen“ Presse, wie man früher gesagt hätte, Habermas seine Bindung an den Marxismus streitig zu machen. Wie er selbst, so sehe auch ich mich an das marxistische Erbe so weit gebunden, dass mein vordringliches Interesse einer Kritik der Verwüstungen und Verheerungen gilt, die die Verselbstständigung der kapitalistischen Wirtschaftszwänge unseren sozialen Lebensverhältnissen zufügt – davon sollte auch, selbst wenn das einige überlesen haben, mein Recht der Freiheit (2011) über weite Strecken handeln. Was die genauere Verfassung des neueren Kapitalismus mit seiner räumlichen Entgrenzung und seiner Privilegierung finanzieller Spekulationsgewinne anbelangt, so müssen wir alle noch viel dazulernen – der Begriff des „Neoliberalismus“, der gerne gebraucht wird, erschließt diese neue Organisationsform des Kapitalismus sicherlich noch nicht angemessen.

Gibt es nicht ein Veralten der Kritischen Theorie in dem Sinne, dass sie die großen Zukunftsthemen (Digitalisierung, KI, Klimakatastrophe) nicht einmal angemessen thematisiert?

Gewiss, für diese neuen, großen Herausforderungen fehlen noch das angemessene Vokabular und die zureichenden Analysen, aber das heißt doch nur, die Aufgabenfelder zu benennen, denen sich die Kritische Theorie mit ihrer eigenen Sprache und ihrem eigenen Werkzeug jetzt schleunigst zuwenden muss, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben – wie es von Beginn an theoretische Verpflichtung war.

Deine Eltern sind beneidenswerterweise über 90 Jahre alt geworden, da kann die Zahl 70 kaum schrecken. Wie sehen deine Pläne für die nächsten 20 Jahre aus?

Ich würde mich zukünftig in meiner Forschung gern den Wirkungen der tiefgreifenden Veränderungen unserer Arbeitswelt auf unsere sozialen Lebensverhältnisse zuwenden – weil ich tief davon überzeugt bin, dass die Chancen unserer Demokratie viel stärker, als man das gemeinhin sieht, von der Qualität und Inklusivität der sozialen Arbeitsteilung abhängen.

Du und Ich

Anerkennung ist Axel Honneths Lebensthema: Wir sind angewiesen auf die Wertschätzung und Achtung anderer. In Intimbeziehungen geht es dabei um Wohlwollen und Fürsorge, die es uns ermöglichen, uns als Person zu verstehen. Gesellschaftlich bedeutet das, gleiche Rechte und Pflichten politischen Institutionen gegenüber zu besitzen. Erst so können wir frei und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben. Auch individuelle Eigenschaften möchte man als Beitrag zu einem gemeinsamen Leben geschätzt wissen. So entsteht Selbstachtung. Wem die Wertschätzung verwehrt bleibt, wer gedemütigt und beschämt wird, begehrt auf: ein Kampf um Anerkennung.

Rüdiger Dannemann ist Philosoph und Vorsitzender der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. Er lernte Honneth in einem Bloch-Seminar bei Heinz Kimmerle in Bochum kennen

06:00 18.07.2019
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