Ludwig Watzal
22.06.2007 | 00:00

Alles Dämonen

Verschwörung Joseph Croitorus Buch über die "Hamas" strotzt vor sprachlicher und historischer Ungenauigkeiten

Der Wahlsieg der "Bewegung des Islamischen Widerstandes" in Palästina, besser bekannt unter Hamas, hat im Westen ein politisches Erdbeben ausgelöst, auf dem Buchmarkt jedoch zu einem Boom geführt. Innerhalb eines Jahres wurden vier Bücher veröffentlicht, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hamas entstand als Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft in der Folge des Ausbruchs der ersten Intifada, dem Aufstand der Palästinenser gegen die Besatzungspolitik Israels. Sie verstand sich bewusst als Gegenpol zur säkularen PLO. Bis heute lehnt die Hamas das Existenzrecht Israels ab, obgleich auch in dieser Frage spätestens seit dem Gipfeltreffen im saudi-arabischen Mekka (Februar 2007) Bewegung gekommen ist. So sprechen sich führende Vertreter für eine Zweistaatenlösung und einen dauerhaften Waffenstillstand aus. Hamas kann also auch pragmatisch sein.

Diesen Pragmatismus hält der in Haifa geborene und auch als FAZ-Feuilletonist schreibende Joseph Croitoru für bloße Taktik, wie er denn das gesamte Engagement der Hamas nur auf ein Ziel hin ausgerichtet sieht, nämlich der Rückeroberung des historischen Palästina und die Gründung eines islamisch-palästinensischen Staates. Religiöses, soziales, wohltätiges, kulturelles und politisches Handeln diene nur einem Ziel: dem des heiligen Krieges (Dschihad) gegen Israel. Diese ideologisch-verschwörungstheoretische Voreingenommenheit durchzieht alle fünf Kapitel. Die zitierten Quellen sprechen eine eindeutige Sprache.

Selbst die Entstehung der Muslimbruderschaft in Ägypten wird unter diesem Aspekt beschrieben. Schon hier werden der Bewegung anti-jüdische und anti-israelische Motive unterstellt. So zitiert der Autor in Anmerkung 27 eine belanglose Stelle aus den Hadith-Überlieferungen: "Und wo sind diese Menschen, Oh Gesandter Gottes? Er antwortete: In Jerusalem und seiner Umgebung" Es folgt ein Verweis auf die Eschatologie und der Hinweis auf den Kampf der Muslime gegen die Juden, die sich hinter Steinen und Bäumen versteckten. "Du Muslim, hinter mir ist ein Jude, komm und töte ihn." Bei diesem antijüdischen und antisemitischen Zitat gibt es aber keinen direkten Quellenverweis. Seit der Gründung der Muslimbruderschaft seien "religiöse" und "politische" Motive für einen "bewaffneten Dschihad für die Befreiung Palästinas" instrumentalisiert worden. Die Muslimbrüder sahen auch die Zukunft Ägyptens als arabischer Staat durch eine "zionistische Invasion" gefährdet. Die vermeintlich belegte anti-jüdische Stoßrichtung der Muslimbruderschaft wird nahtlos auf die Hamas übertragen, da sie ein Ableger dieser Gemeinschaft ist. Um die Diskreditierung perfekt zu machen, wird hypothetisch darauf hingewiesen, dass beim Aufbau des militanten Zweigs der Muslimbruderschaft auch das "nationalsozialistische Deutschland seine Finger mit im Spiel hatte".

Ein weiteres Merkmal dieses Buches ist die ungenaue Wortwahl für doch eindeutige historische Vorgänge. So schreibt Croitoru im Kapitel über die Entstehung der Muslimbrüder in Palästina über den israelisch-ägyptischen Sinaikrieg von 1956 und den Abzug der Israelis. Einen solchen Krieg hat es nach dieser Erzählweise historisch aber nicht gegeben. Was sich 1956 tatsächlich zugetragen hatte, war ein Angriff der Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien zusammen mit Israel gegen Ägypten, um die Verstaatlichung des Suezkanals rückgängig zu machen und dem arabischen Nationalismus Nassers eine Niederlage zu bereiten.

Dass die israelische Historiografie diesen Kolonialkrieg vergessen machen oder umdeuten will, ist verständlich. Israel musste sich damals zusammen mit den beiden Kolonialmächten auf massiven Druck der USA aus ihren eroberten Gebieten wieder zurückziehen. Unter US-Präsident Dwight D. Eisenhower war den USA ihre antikoloniale Vergangenheit noch etwas wert. Ebenso sprachlich ungenau verfährt der Autor mit der völkerrechtswidrigen Deportation von 415 Hamas-Kadern durch die Rabin-Regierung im Dezember 1992 ins Hermon-Gebirge. Er spricht lediglich von "ausgewiesen und von Menschen, "die Israel in den Südlibanon vertrieb". Später erwähnt der Autor tatsächlich, dass der Libanon "die Aufnahme der Deportierten verweigert hatte".

Die Version der Islamisierung der besetzten Gebiete, die Croitoru präsentiert, kommt ohne die "Verweise" auf die Iran- und Saudi-Arabien-Connection nicht aus. So zitiert er aus einer Sekundärquelle die Eindrücke von Yitzhak Segev, der von 1979 bis 1981 als Militärgouverneur im Gaza-Streifen tätig war, dass sich das iranische Szenario nun auch in Gaza zu wiederholen scheine. Diesem Eindruck widersprach der ehemalige General, Vorsitzende der Arbeitspartei und Ex-Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer in der Tageszeitung Haaretz vom Dezember 1994: Von einer Unterstützung der Hamas von Seiten Israels könne keine Rede sein. So habe die Konkurrenzsituation zwischen Fatah und Hamas im Gaza-Streifen "das Aufkommen eines besonders militanten Islamismus proiranischer Provenienz, dessen Verfechter von Anfang an für den bewaffneten Dschihad als einzigen Weg zur Befreiung Palästinas plädierten", gefördert.

Übrigens: Kein seriöser politischer Beobachter würde bei den Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten so etwas behaupten. Die Palästinenser gehören der sunnitischen Richtung des Islam an. So schräg die Analyse dieses Kapitels begonnen hat, so endet sie auch: Der Autor behauptet allen Ernstes, dass die "Radikalisierung der islamistischen Szene, die in den Palästinensergebieten seit Mitte der achtziger Jahre eingesetzt hatte", schließlich zum Ausbruch der Intifada im Dezember 1987 geführt habe. Es sei die "nationale Unterdrückung" und die daraus "resultierende Frustration" gewesen, als ob es die israelische Unterdrückung gar nicht gegeben hat und weiterhin gibt! Diese Behauptungen widersprechen zwar allen seriösen Analysen, aber als Feuilletonist kann man sich eine solch abwegige Meinung offenbar leisten. Die brutale israelische Besatzung scheint für den Autor durchweg gar nicht zu existieren. Sporadisch muss sie erwähnt werden, wenn es gar nicht mehr zu umgehen ist. Auch die sonstigen Einordnungen einiger israelischer Maßnahmen unter Rabin, Netanyahu, Barak und Sharon haben mit der Wirklichkeit nur am Rande etwas zu tun. Croitoru zählt zu Recht fast jeden getöteten oder entführten israelischen Soldaten auf, aber warum lässt er die Tötung von 14 Demonstranten in Nazareth durch die israelische Polizei im Oktober 2000 unerwähnt?

Geradezu wie ein Fliegenbeinzähler analysiert der Autor jedes Jota in den Hamas-Flugblättern und deren Charta, welche die Experten für völlig obsolet halten. Gerade der beste Kenner der Hamas, Khaled Hroub, der ein Medienprojekt an der Cambridge-Universität leitet und zwei grundlegende Bücher über die Organisation geschrieben hat, wird von Croitoru als "Hamas-Professor" diskreditiert. Wie würde der Autor sich fühlen, wenn man ihn als "Israel-Beiteinu-Feuilletonist" bezeichnen würde? (Vorsitzender dieser rassistischen Partei ist Avigdor Lieberman, der unter anderem für die Umsiedlung der israelischen Palästinenser in die so genannten Autonomiegebiete und die Bombardierung des Assuan-Staudamms sowie der iranischen Atomanlagen eintritt!)

Warum führt Croitoru nicht das 2006 erschiene Hamas-Buch von Hroub in seinem Literaturverzeichnis auf? Warum setzt er sich nicht seriös mit den Thesen von Helga Baumgarten und Khaled Hroub auseinander, anstatt sie ins Zwielicht zu ziehen? Niemand - außer Croitoru und wenigen israelisch-amerikanisch-neokonservativen politischen Beobachtern wie Metthew Levitt - misst der Hamas-Charta noch eine Bedeutung bei. Jeder weiß, dass das Dokument antisemitisch, anti-jüdisch und anti-israelisch ist; deshalb wird es selbst von Hamas-Vertretern nicht mehr in den Mund genommen. Ihm wird es so ergehen wie der PLO-Charta.

Historische Ungenauigkeiten durchziehen Croitorus gesamtes Buch. So schreibt der Autor im Zusammenhang mit der Analyse der Hamas-Charta im Jahr 1988 von der Bereitschaft der PLO, mit Israel in Verhandlungen zu treten! Fünf Jahre später hätte diese Behauptung der Wirklichkeit entsprochen. Im Jahre 1990/91 schreibt Croitoru im Zusammenhang mit der Beanspruchung der Sitze im Palästinensischen Nationalrat (PNC) durch die Hamas, dass es für Arafats Fatah das Ende ihres "eingeschlagenen Friedenskurses" bedeutet hätte. "Denn angesichts des sich damals immer deutlicher abzeichnenden Schulterschlusses der Hamas mit dem PLO-Flügel der Oslo-Gegner wären die Islamisten so in die Lage versetzt worden, dem PNC ihren friedensfeindlichen Kurs aufzuzwingen."

Weder gab es zu diesem Zeitpunkt "Oslo-Gegner", da das Abkommen erst im September 1993 geschlossen wurde (nicht, wie der Autor schreibt, im Novemner 1993), noch war die Arafat-PLO am Ende, weil zu dieser Zeit Arafat nach Bagdad gepilgert ist und mit Saddam Hussein arabische Bruderküsse ausgetauscht hat und die Palästinenser in den besetzten Gebieten jede Scud-Rakete, die aus dem Irak auf Israel niederging, bejubelt hatten. Historische Irritationen entstehen weiterhin, wenn der Autor über die Madrider-Friedenskonferenz (1991) und den Osloer-Friedensprozess (1993) im gleichen Atemzug spricht. Oder die Konferenz in Madrid als Erfolg der PLO verkauft, ohne hinzuzufügen, dass die PLO dort gar nicht vertreten war, sondern nur einige Palästinenser als Annex der jordanischen Delegation von Israel geduldet worden sind.

Dem aufmerksamen Leser drängt sich der Eindruck auf, als sei das Buch aus Sekundärzitaten und ideologischer Prädisposition zusammengeschustert worden. 200 Seiten Text stehen 40 Seiten Zitatensammlung gegenüber. Dieses Buch trägt wenig zur Aufklärung über Hamas bei, sondern bestätigt auf feuilletonistischer Basis alle gängigen Vorurteile über sie.

Joseph Croitoru: Hamas. Der islamische Kampf um Palästina. Beck, München 2007, 254 S., 19,90 EUR