Alles eine Frage der Zeit

Debatte Die Politik diskutiert, wie sich die Rushhour des Lebens entzerren lässt. Es geht auch um mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern
Gerhard Hafner | Ausgabe 20/2015
Alles eine Frage der Zeit
Life-Work-Balance: Wie viel Einfluss hat das Individuum?
Foto: Thomas Samson/AFP/Getty Images

„So wie wir Grünen keinen Raubbau an der Natur wollen, wollen wir auch nicht, dass Menschen an sich selbst Raubbau betreiben“, proklamierte im April der Länderrat, das oberste beschlussfassende Organ der Grünen zwischen den Bundesversammlungen. Die Ökopartei hat die Zeitpolitik entdeckt – also jenen Bereich, der sich damit beschäftigt, wie sich Familie und Arbeitswelt miteinander vereinbaren lassen. Und damit, wie sich die sogenannte Rushhour des Lebens entschleunigen lässt.

Ein Urheberrecht darauf haben die Grünen allerdings nicht. Bereits 2006 tauchte der Begriff Zeitpolitik auf, als die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen den siebten Familienbericht vorstellte. Kurz nach der Installierung der jetzigen Regierung warb dann SPD-Familienministerin Manuela Schwesig mit einem eigenen Vorschlag für mehr Zeit für Familien. Ihre Idee einer 32-Stunden-Woche für die Mamas und Papas von unter Dreijährigen wurde vom Regierungssprecher aber postwendend als „persönlicher Debattenbeitrag“ abgewatscht.

Erreicht das nach wie vor gern als Frauenangelegenheit abqualifizierte Thema, die Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit, trotzdem nun mit einem neuen Etikett versehen auch die Männer? SPD-Chef Sigmar Gabriel kündigte zumindest an, die Sorgen der „Sandwich-Generation“ aufzugreifen, der 25- bis 40-Jährigen, die sich eingequetscht fühlen zwischen Karrierewünschen, Familienpflichten und der Sehnsucht nach ein bisschen Zeit für sich selbst. Die Klagen über die systematische Überforderung in dieser Lebensphase sind nicht grün, sie gehen politisch querbeet. Für die traditionelle Ehe aus allein verdienendem Mann und sorgender Ehefrau war dies nie ein Thema. Dieses Modell mag auch noch unter anderen existieren, aber den Diskurs dominiert es schon lange nicht mehr – gerade in den Großstädten nicht.

Erbitterte Verteilungskämpfe

Knappe Zeit ist das brennendste Problem junger Familien und führt oft zu erbitterten Verteilungskämpfen zwischen den Geschlechtern. Der Stress der Doppelbelastung trifft bisher in den allermeisten Fällen die Mütter, die den Großteil der Elternzeit nehmen und längere Zeit in Teilzeit gehen. Es geht deshalb auch um die Abschaffung dieser Ungerechtigkeiten in der Work-Life-Balance, oder besser: in der Life-Work-Balance.

Was tun, um mit dem knappen Gut Zeit zu haushalten? Wie kann die Phase von Familiengründung und Karriereaufbau entschleunigt werden? Ein Teil der Antwort lautet: Das geht nur mit einem Blick auf das gesamte Leben, auf die Summe der Lebensarbeit. Bereits 2008 plädierten die Grünen für ein Lebensarbeitszeitkonto. Die Idee war, angehäufte Überstunden über das gesamte Arbeitsleben hinweg abzustottern. Arbeitet ein junger Mensch eine Zeit lang also 80 Wochenstunden, könnte sie oder er in diesem Modell problemlos kürzertreten, sobald später Kinder kommen. Die Idee landete aber in der Schublade, weil sie in einem freien Arbeitsmarkt kaum praktikabel ist: Was passiert, wenn Unternehmen pleitegehen? Bekommen Bewerber auch eine neue Stelle bei einem anderen Arbeitgeber, wenn sie bereits viele Überstunden angesammelt haben? Oder fürchtet dieser dann, der neue Mitarbeiter werde aufgrund seines gut gefüllten Zeitkontos kaum zur Verfügung stehen?

Danach folgte das Modell eines Arbeitszeitkorridors. Es wurde für Vollzeitbeschäftigte ersonnen. Deren Arbeitszeit bewegt sich in diesem Modell zwischen 30 und 40 Wochenstunden und wird flexibel zwischen Betrieb und Mitarbeiter vereinbart. Der Mitarbeiter hätte einen Rechtsanspruch, bei Bedarf seine Arbeitszeit frei innerhalb dieses Zehn-Stunden-Korridors zu wählen. Mit dem Vorschlag wollten die Grünen den Graben zwischen Vollzeitkarriere und Teilzeitarbeit als Karrierefalle beseitigen. Man darf gespannt sein, welche Modelle die Programmdebatte nun 2015 aus dem Hut zaubert, und ob sie für den Wahlkampf in zwei Jahren taugen.

Berücksichtigt werden müsste bei diesen Debatten auf jeden Fall eine der wichtigsten Folgen des demografischen Wandels: die Gewinnung von Lebenszeit. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Dialog mit der Zeit im Museum für Kommunikation in Berlin forderte kürzlich auch Bundespräsident Joachim Gauck eine „neue Lebenslaufpolitik“ mit neuen Möglichkeiten für lange Lebensläufe, mit neuen Verflechtungen von Lernen, Arbeit und Privatem. „Wir müssen die Lebenszeit neu strukturieren.“

Die Entzerrung der in jüngeren Jahren vielfach belasteten Lebenszeit will Gauck mit größerer Flexibilität des Arbeitens im Alter verknüpfen. Bisher gilt 40 als das magische Alter für den Aufstieg. „Aber auch mit 50 oder 60 kann man aufsteigen und Führungspositionen erreichen“, sagte Gauck, der ja selbst mit 72 Jahren Bundespräsident wurde. Wenn das Berufsleben nicht mehr so strikt getaktet wäre und sich länger zöge, bestünden auch größere Aussichten, die Karriere später zu starten. Und Frauen in der Nach-Erziehungsphase bekämen so neue Aufstiegschancen.

Kein Platz für Care-Arbeit

Insbesondere Männer fühlen sich aber unter Druck, in ihren Dreißigern im Beruf durchzustarten. Die Folgen tragen die Frauen. Die Tatsache, dass Frauen im Schnitt immer noch 22 Prozent weniger verdienen als Männer, hängt zum Großteil damit zusammen, dass viele von ihnen den Anschluss an die „Normalbiografie“ aufgrund von Erziehungszeiten verpassen. Care-Arbeit hat in dieser Arbeitswelt kaum Platz.

Das Renteneintrittsalter wird nun seit Jahren zwar in Richtung 67 Jahre verschoben, gleichzeitig wird die ansteigende Alterserwerbstätigkeit aber gestoppt durch die Rente mit 63. Viele Senioren empfinden es jedoch keineswegs als Zumutung, zu arbeiten. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung beschreibt das Verhältnis älterer Menschen zum Job, aber auch zum Ehrenamt als überwiegend positiv. Die Forscher verglichen die Geburtsjahrgänge 1943 bis 1958 mit einer um ein Jahrzehnt älteren Alterskohorte. Die jüngeren Jahrgänge waren nach dem Renteneintrittsalter nicht nur häufiger erwerbstätig, sondern sie beurteilten ihren Gesundheitszustand darüber hinaus als wesentlich besser.

Bei den über-60-Jährigen hat sich der Anteil der Erwerbstätigen zwischen 2002 und 2013 teilweise mehr als verdoppelt. Doch auch in Bezug auf ehrenamtliche Tätigkeiten sowie innerhalb der Familie, also bei der Betreuung von Kindern und Kranken, zeigten die Befragten ein deutlich gesteigertes Engagement. Auffällig ist allerdings, dass Menschen mit höherer Bildung ihr Engagement und ihre Gesundheit deutlich höher einstuften als weniger Qualifizierte. Wenig erstaunlich ist, dass Malocher und Altenpflegerinnen mit kaputtem Rücken den Ruhestand herbeisehnen und von Weiterjobben nichts wissen wollen.

Die Untersuchung konstatiert eine beträchtliche „Vielfalt des Alterns“. Zeitpolitik muss diese unterschiedlichen Lebensläufe berücksichtigen. Einerseits geht es darum, Menschen vor Überlastungen zu schützen. Andererseits aber auch darum, ihnen Optionen zu schaffen, um sich weiterhin einbringen zu können, statt als fröhliche Alte nur dem Konsum zu frönen. Als der Physiker Theodor Hänsch 2005 im Alter von 64 Jahren mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, stand er ein Jahr vor der Pensionsgrenze. Für ihn war klar, dass die Forschung zu seinem Leben gehört und er nicht einfach mit 65 aufhören würde. Damit er nicht in die USA wechselte, hat ihm der Freistaat Bayern eine Sonderregelung zugestanden. Aber nicht nur Nobelpreisträger beklagen ihre Versetzung in den Ruhestand und kämpfen gegen Altersdiskriminierung.

Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit könnte die Rushhour entzerren. Sie erweitert die Möglichkeiten, Arbeitszeit im Lebensverlauf zu gewichten. Doch Erwerbstätigkeit über das Renteneintrittsalter hinaus provoziert auch Widerstände. Sicher teils mit guten Gründen, weil sie auch psychischen Druck auf Ältere ausüben kann, weiterarbeiten zu müssen, obwohl sie es eigentlich nicht möchten. Die politische Debatte über Modelle des flexiblen Übergangs vom Arbeitsleben in die Rente offenbaren die konträren Vorstellungen: Ist Erwerbstätigkeit eine Last, der es sich zu entledigen gilt? Oder stiftet sie Sinn und erlaubt gesellschaftliche Teilhabe?

Die strikten Einschnitte, die klar getrennten Phasen zwischen Familie und Beruf, aber auch zwischen Arbeit und Freizeit beginnen sich jedenfalls aufzulösen. Gilt dies auch für die Geschlechterrollen, die daran geknüpft waren? Der Generation Y, also den zwischen 1977 und 1998 Geborenen, sagt man nach, dass sie nicht mehr alles dem Beruf unterordnen will, sondern eine Balance einfordert – Zeit für Familie wie für Karriere, fürs Ehrenamt und für sich selbst. Die gut ausgebildeten Frauen dieser Altersgruppe haben mehr Einfluss als je zuvor, und damit neue Möglichkeiten, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Hier eine Koalition mit den Älteren zu schaffen, die selbstbestimmt über ihre letzten Lebensphasen bestimmen wollen – mit oder ohne Arbeit –, wäre ein zukunftsträchtiges Projekt.

06:00 27.05.2015

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