Alles fliesst

Das kalte Wasser fließt in meine zur Schale geformten Hände. Ich schlage es mir ins Gesicht, versuche, die Nacht aus meinem Kopf zu treiben. Die ...

Das kalte Wasser fließt in meine zur Schale geformten Hände. Ich schlage es mir ins Gesicht, versuche, die Nacht aus meinem Kopf zu treiben. Die Tropfen, die an mir gen Waschbecken rollen, finden keine Furchen, bin dafür nicht alt genug. Die Augenringe aber erzählen von Sterblichkeit. Süß war der Schlaf, doch bringt er kein Brot. Der Spiegel fragt, kennst du mich noch, ich bin der, der gestern schon hier stand, auch den Tag davor - und letzte Woche. Ich pule mir den Ballast der Träume aus den Augenwinkeln und habe diese schon vergessen. Heute verbringe ich einen Tag, wie ich ihn schon einmal erlebt zu haben glaube. Das Haar ist struppig. Jeden Morgen struppig. Sisyphuskämmen. Sonnenlicht beginnt sein Spiel am Horizont. Im Mund die Bürste sollte doch den modrigen Geschmack fortschwemmen, damit ich ruchbar bleibe, wenigstens heute. Des Ertrinkenden Gurgeln. Tonnen frischer menschlicher Ausscheidungen fließen durch die Kanalisationen. Die Klinge kratzt über die empfindliche Haut. Ein tiefer Ausrutscher nur - und die Kette wäre gespalten. Stattdessen wohl gewählter Weihegeruch für den Mann von Welt. Die Ohren, die zwei, die sich nie begegnen, blank geputzt für die Neuigkeiten des Tages. Ein Weberknecht krabbelt die Badewannenwand empor. Ich streiche die Augenbrauen glatt. Während die Zeitung, dieses zu Druckerschwärze geronnene Blut, im Kasten seiner Lektüre harrt, hebt die Welt an zum lauten Geplapper. Die Füße, die mich gegen meinen Willen aus dem Haus treiben werden, dürfen nicht duften. Waschen auch im Schritt und unter den Armen, diese geheimsten Stellen menschlicher Flieh- und Sehnsüchte. Motorengebrüll allenthalben auf den Straßen. Auch der Atem knattert durch meine Nase. Putzen. Grüngelbe Ästhetik der Welt. In der Wohnung über mir fällt ein Buttermesser auf den Boden. Hose, Hemd, Socken, Schlips - fesch formiert als Mann mit Grips. Die Fingernägel nicht vergessen! Blassrunde Jungfräulichkeit. Börsenkurse hangeln sich durch den Äther. Ein letzter Blick. Der kleine Affe segnet mich für das Kommende. Guten Morgen, werden sie rufen und doch lieber im Bett geblieben sein, all die durch Häuserschluchten Schlurfenden. Das Blut pumpt in angemessenem Tempo.

Wenn ich heute Abend wieder das Wasser über mein Gesicht lege, werde ich mich müde geschaut haben am Tag. Er wird mich nicht mehr erschrecken können.


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00:00 05.12.2003

Ausgabe 16/2021

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